Montag, 18. November 2019

Luiz Seabras Natura kauft Avon Dieser Business-Hippie rollt den Kosmetikmarkt auf

Antônio Luiz Seabra
Bloomberg via Getty Images
Antônio Luiz Seabra

Wenn es um Luiz Seabra geht, gerät die Managementberaterin Nelmara Arbex ins Schwärmen. "Ich muss sagen, dass mir nicht sein Geschäft zuerst in den Sinn kommt, wenn ich ihn treffe", sagt die auf Nachhaltigkeit spezialisierte US-Beraterin. "Meine ersten Gedanken sind, dass dieser Mann wahrscheinlich meditiert, mit der mächtigen Energie des Lebens verbunden ist und irgendwo über uns allen lebt."

Tiefenentspannt, gerne lächelnd, mit ruhiger, warmer Stimme - so tritt der 77-jährige Gründer der brasilianischen Naturkosmetikfirma Natura & Co. auf. Als größter Anteilseigner und Co-Präsident des Konzerns spielt er nach wie vor eine wichtige Rolle, vor allem aber: als Guru.

In Videobotschaften wendet Seabra sich an die knapp 7000 Beschäftigten, vor allem an die 1,7 Millionen freiberuflichen "Beraterinnen", die Vertriebsmacht des Konzerns. Die Reden sind gespickt mit poetischen Bonmots, Mystik und philosophischen Sinnfragen. Über "die Werte der Natur" doziert er, dass "jede Person die Gabe der Brüderlichkeit erfahren" solle. Und dass man "den Körper als Mikroplaneten" verstehen könne. "Bem-estar bem", gutes Wohlbefinden, heißt das Firmenmotto, in großen Lettern an der Zentrale in São Paulo angebracht.

Natura & Co., vor 50 Jahren von Seabra extra als Kleinbetrieb gegründet, "wo der Einzelne zählt", ist auf dem Weg zu den ganz Großen der Kosmetikindustrie aufzuschließen. Seabras Vermögen wird von "Forbes" auf zwei Milliarden Dollar geschätzt. Am Donnerstag bestätigten die Brasilianer die Mehrheits-Übernahme von Avon, einer amerikanischen Business-Ikone und mit den Millionen von "Avon Ladies" das Vorbild für Naturas Vertriebsmodell.

Bereits 2017 nahmen die Brasilianer dem Marktführer L'Oréal die britische Kette The Body Shop ab, im Vorjahr kauften sie die hippe australische Marke Aesop komplett. Der jüngste Deal sichert dem Konzern, bisher schon mit gut vier Milliarden Dollar Umsatz auf Augenhöhe mit den Kosmetiksparten von Henkel Börsen-Chart zeigen oder Chanel, einen Platz in den Top Ten der Welt. L'Oreal, Unilever, Estee Lauder und Procter & Gamble sind zwar noch um einiges voraus, aber die abstiegsgefährdete Coty der deutschen Milliardärsfamilie Reimann kommt in Sicht.

Als Natura 2004 an die Börse ging, stand die Firma noch mit 870 Millionen Dollar Umsatz auf Platz 31 im globalen Branchenranking - und das auch nur dank rasanten Wachstums mit Jahresraten über 30 Prozent, getragen fast ausschließlich vom damals boomenden brasilianischen Heimatmarkt.

Die Konsumtrends kommen Natura gelegen. In der Branche, die zum Großteil aus billigem Erdöl begehrte Markenprodukte zur Körperpflege destilliert, sind plötzlich natürliche Zutaten gefragt. Plastikverpackungen, Mikroplastik - alles Gift fürs Marketing. Eilig haben die globalen Multis in den vergangenen zwei Jahren neue Naturkosmetikmarken gelauncht.

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