Deutsches Konsortium Nationaler Alleingang zur Industrie 4.0 befremdet die Wirtschaft

Amerikaner unerwünscht - auf deutschen Führungsanspruch in der neuen industriellen Revolution setzt ein vom Bund angeregtes Konsortium. Die Firmen, die das Zukunftsprojekt tragen sollen, gehen einen anderen Weg: Sie setzen auf globale Kooperation.
Deutsche Marke: Das Schlagwort "Industrie 4.0" ist international ungebräuchlich

Deutsche Marke: Das Schlagwort "Industrie 4.0" ist international ungebräuchlich

Foto: DPA

Berlin - "Connected World" heißt das Motto, unter dem Bosch dieser Tage die industrielle Avantgarde in Berlin versammelt. Die Welt zu verbinden, ist das Versprechen der neuen technologischen Revolution, an deren vorderster Front sich der Stuttgarter Konzern sieht. Um Maschinen über das Netz miteinander zu verbinden, müssen aber zunächst erst einmal deren Hersteller eine gemeinsame Sprache finden.

Schon wenn Bosch und Siemens  eine Entrauchungsanlage für den neuen Berliner Flughafen bauen, können die Sensoren des einen Herstellers die Entlüftungsklappen des anderen nicht bewegen wie gewünscht. Geräte, die in den jeweiligen geschlossenen Systemen tadellos funktionieren, erweisen sich als begrenzt kommunikationsfähig. Und die Aufgabe, weltweit Produktionsbetriebe aller Art flexibel fernsteuern zu können, ist ungleich größer.

Unter dem Schlagwort "Industrie 4.0" sollen die deutschen Maschinenbauer weltweit Standards setzen. So will es Kanzlerin Angela Merkel. Die Bundesregierung und Wirtschaftsverbände haben bereits eine gleichnamige Plattform und eine davon unabhängige Dialogplattform ins Leben gerufen, zeitgleich zur Bosch-Konferenz rufen an diesem Dienstag Forschungsministerin Johanna Wanka und Fraunhofer-Präsident Reimund Neugebauer in Berlin zur Gründung eines Konsortiums der Unternehmen.

Ausdrücklich nicht eingeladen sind zu deren Befremden US-Firmen wie Microsoft . Neugebauer hatte schon ein Vortreffen im November unter das Motto "Digitale Souveränität" gestellt. Die Angst vor der Allmacht von Google  und Co. ist das wesentliche Motiv der Initiative. Wir oder die, es geht um den Führungsanspruch in der digitalen Produktion.

Ebenfalls in Berlin ist, als einer der Hauptredner der Bosch-Konferenz, Richard Soley - gewissermaßen der Feind. Denn Soley führt ein bereits existierendes Konsortium namens Industrial Internet Consortium (IIC) mit Sitz in Boston. Dahinter steht zwar nicht Google, aber allerlei andere US-Konzerne. Das vor einem Jahr gegründete IIC präsentiert sich als die weltweit maßgebliche und allen offenstehende Plattform fürs Internet der Dinge. "Die Marke Industrie 4.0 existiert nur in Deutschland", lästerte Soley gegenüber dem Fachmagazin "Elektrotechnik" .

Einfach machen statt nur reden - die Industrie stimmt mit den Füßen ab

Hinter vorgehaltener Hand geben auch deutsche Branchenvertreter Soley Recht. In zwei Jahren hat die "Plattform Industrie 4.0" keine greifbaren Ergebnisse gezeitigt. Die einzelnen Firmen wachen eifersüchtig über ihre eigenen Standards. "Da sitzen alle um einen Tisch und warten, wer sich zuerst bewegt", beschreibt es ein Insider. Solche Gremien, die jede Norm im Detail aushandeln, hätten zwar den auf stetige Verbesserung gründenden Erfolg der deutschen Maschinenbauer befördert. Für eine industrielle Revolution seien sie jedoch weniger zu gebrauchen.

Hinzu kommt noch Kompetenzgerangel innerhalb der Regierung. Im Bund sind gleich vier Ministerien zuständig für die digitale Wirtschaft. Sigmar Gabriels Wirtschaftsministerium, das zur Hannover Messe im April die Dialogplattform Industrie 4.0 lancieren wollte, wurde nachträglich in die Wanka-Fraunhofer-Initiative eingebunden. Und EU-Digitalkommissar Günter Oettinger beginnt erst, den deutschen Industrie-4.0-Begriff zu einer europäischen Initiative zu machen.

"Wir verlieren uns in Partikularinteressen und blockieren uns gegenseitig", schimpfte jüngst Bosch-Chef Volkmar Denner. Deshalb stimmen die Unternehmen mit den Füßen ab. Bosch selbst erklärt zwar diplomatisch, das geplante deutsche Konsortium mit seinem Fokus auf Industriestandards könne eine Ergänzung zum breiter aufgestellten und praktischer orientierten IIC sein. Der Vorrang liege jedoch derzeit eher im Sammeln von Erfahrungen.

Deutsche Industrieikonen treten dem US-Konsortium bei

Einfach mal machen statt nur reden - das geht aus Boschs Sicht mit dem IIC. Der Konzern hat sich längst dem amerikanischen Konsortium angeschlossen und führt nun dessen ersten großen Feldversuch in Europa an: zur Positionsbestimmung von Akkuschraubern in einer Fabrik, um jede Schraube ferngesteuert mit der richtigen Kraft anziehen zu können.

Seit dem Jahreswechsel sind auch andere hiesige Industrieikonen dem IIC beigetreten, darunter Siemens , Infineon , ABB  und der Softwarekonzern SAP . Dessen Vorstand Bernd Leukert hatte Merkel neben Telekom-Chef Tim Höttges damit beauftragt, das deutsche Konsortium zusammenzutrommeln.

Doch schon da stößt die nationale Abgrenzung an Probleme: SAP erwirtschaftet einen Großteil seines Umsatzes in den USA, und Leukerts Chef Bill McDermott ist Amerikaner. So ist das eben in einer Connected World.

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Industrie 4.0: Der Mittelstand scheint überfordert

Foto: Dirk Schleef für manager magazin
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