Krieg, Sanktionen, geschlossene Schlagbäume Streit um Grenzen bremst deutsche Mittelständler aus

Österreichische Patrouille an der Grenze zu Slowenien: Der Streit innerhalb der EU um Grenzkontrollen setzt auch der Industrie schwer zu

Österreichische Patrouille an der Grenze zu Slowenien: Der Streit innerhalb der EU um Grenzkontrollen setzt auch der Industrie schwer zu

Foto: Marija Kanizaj/ dpa

Heruntergelassene Schlagbäume, Sanktionen gegen einst wichtige Handelspartner, offene Feindseligkeiten zwischen Russland und der Türkei: Politische und wirtschaftliche Krisen treffen die exportierende Industrie derzeit schwer. Sie versetzen auch viele deutsche Mittelständler in den Krisenmodus: Das nachlassende Wachstum in einstigen Boom-Regionen wie China oder Brasilien bremst schon seit Monaten die Geschäftsentwicklung - und nun kommen noch die neuen Grenzkonflikte innerhalb der EU hinzu.

Die Anzahl und die Intensität politischer Krisen haben derart zugenommen, dass Führungskräfte kleiner wie großer Unternehmen extrem besorgt sind: Fast drei von vier CEOs (74 Prozent) machen sich darüber mittlerweile Sorgen, wie eine Umfrage von PricewaterhouseCoopers unter 1400 Führungskräften ergab. Das ist Rang zwei der größten CEO-Sorgen weltweit. Auch für den Mittelstand, der für ein Fünftel aller deutschen Exporte verantwortlich ist und alljährlich Waren im dreistelligen Milliardenwert exportiert, wird die Situation immer schwieriger.

Viele Mittelständler befürchten ein Auseinanderbrechen der EU

Zwar treiben die Unternehmen noch immer Themen wie die schwächelnde Inlandskonjunktur und der Fachkräftemangel um. Doch die politische Unsicherheit hinterlässt auch hier Spuren. Mehr als jeder vierte Unternehmenslenker (28 Prozent) macht sich laut einer Ernst & Young-Studie wegen der Spannungen mittlerweile "große" oder "sehr große" Sorgen um die eigene Unternehmensentwicklung. Selbst Dauerbrenner wie Unternehmensnachfolge, Industriespionage oder Energiepreise treten demgegenüber in den Hintergrund.

Deutschlands Mittelständler machen sich außerdem große Sorgen um den Zustand und um die Zukunft der Europäischen Union. In einer Umfrage des Beratungsunternehmens Kloepfel Consulting unter 244 Managern gaben 77 Prozent an, sich angesichts der aktuellen innereuropäischen Streitigkeiten Gedanken über ein mögliches Auseinanderbrechen der EU zu machen.

Krise in Russland: "Sie können heute nicht mehr richtig kalkulieren"

Ein deutsches Unternehmen, das konkret von den aktuellen Spannungen mit Russland betroffen ist, ist zum Beispiel der Hamburger Mittelständler Luno. Die Gruppe, die einen Großteil ihres Umsatzes mit dem Export medizinischer Geräte nach Russland macht, wurde von den Spannungen kalt erwischt.

Zwar ist der Export der medizinischen Produkte weiter möglich. Auch Aufträge gibt es reichlich, wie Geschäftsführer Mirko Nowak erläutert. Doch der Absturz des Rubel und dessen extreme Volatilität hat einen Großteil des Geschäftes der Hamburger zunichte gemacht. "Sie können heute nicht mehr richtig kalkulieren", sagt Nowak.

Die Folge: Kaum eine Bank sei mehr bereit, bei der Finanzierung einzuspringen. Die Verlagerung des Währungsrisikos auf russische Unternehmen sei kaum möglich, weil die meisten aufgrund der Krise selbst in finanzielle Schwierigkeiten geraten seien. Die Folge: Die Exporte in diesem Segment sind um mehr als 50 Prozent eingebrochen. Bislang ließen sich die Einbrüche noch durch den "Überfluss aus den Vorjahren" decken, so Nowak. Doch längerfristig seien nun alternative Geschäftsmodelle gefragt.

Wenn zwei sich streiten, leidet der dritte

Russischer Kampfjet: Seit dem Abschuss einer russischen Militärmaschine herrscht diplomatische Eiszeit zwischen der Türkei und Russland

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Foto: AFP

Mit völlig anderen Problemen muss sich ein Dach- und Fassadenbauer aus dem schwäbischen Ilshofen auseinandersetzen. Der deutsche Mittelständler, der bereits bei anderen Prestigeaufträgen in Kasachstan den Zuschlag bekommen hatte, geriet angesichts der Spannungen zwischen Russland und der Türkei nach dem Abschuss eines russischen Kampfjets über Syrien in Bedrängnis.

Der Grund: Wegen des eskalierenden Streits zwischen der Türkei und Russland und seinen Getreuen auf der anderen Seite kam es zu Problemen beim Import von Aluminium aus der Türkei nach Kasachstan. Doch der war nötig, um innerhalb der zugesicherten Kalkulation zu bleiben.

Der Mittelständler befand sich in einer Zwickmühle: Entweder drohten Verluste - oder Ärger mit dem Auftraggeber.

Deutsche Maschinenbauer leiden unter Stillstand in China

Dem deutsche Maschinenbauer SHW wiederum macht aktuell das China-Geschäft große Sorgen. Der Mittelständler mit rund 250 Mitarbeitern aus dem schwäbischen Aalen-Wasseralfingen stellt bis zu 50 Meter lange Maschinen her, auf denen große Teile wie Windrädernarben, Schienen oder Eisenbahnwaggons bearbeitet werden können. Lange war das boomende China-Geschäft eine gute Einnahmequelle. "In guten Jahren haben wir zehn Maschinen pro Jahr nach China geliefert, erzählt Geschäftsführer Christian Hühn.

Vom Boom-Markt zum Bedenkenträger: Auch in China laufen die Geschäfte nicht mehr wie früher

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Foto: REUTERS

Doch nun hat das Unternehmen gleich an zwei Fronten zu kämpfen: Wegen der aktuellen Kreditklemme im privaten Sektor in China bleiben aktuell die Bestellungen aus. Und im staatlichen Sektor sieht es laut Hühn aktuell kaum besser aus. Angesichts der politischen Neuausrichtung und der Verlagerung vieler verschmutzungsintensiver Industriebetriebe in den Westen des Landes, ist bei vielen Staatsbetrieben - unter anderem auch SHW-Kunde China Railway - erst einmal Abwarten angesagt.

"Bevor die verantwortlichen Manager eine falsche Entscheidung fällen, treffen sie lieber gar keine", sagt Hühn. Die Folge: Aus den einst zehn Aufträge pro Jahr sind gerade einmal drei geworden. Ein Rückgang, den der Konzern den Angaben zufolge bislang allerdings mit anderen Geschäftsbereichen auffangen kann.

Der Plan B des deutschen Mittelstands

Doch die deutschen Mittelständler geben China und Russland nicht auf. Um trotz der Krise weiterhin auf dem noch immer attraktiven chinesischen Markt auch erfolgreich zu sein, denkt man beim Maschinenbauer SHW aktuell darüber nach, sich eventuell einen chinesischen Partner zu suchen. Dieser, so die Idee, könnte den Schwaben Zugang zu Marktsegmenten verschaffen, die bislang ausschließlich chinesischen Unternehmen vorbehalten sind.

Und auch die Hamburger Luno-Gruppe hat längst ein Geschäftsmodell entwickelt, dass auch in volatilen Währungszeiten sichere Erträge gewährleistet. Die Hamburger sind bei einem Rehabilitationszentrum in Moskau eingestiegen und betreiben den dortigen Labor- und Therapiebereich. Ein "lukratives Geschäft", wie Nowak berichtet. Es gebe viele wohlhabende Russen, die sich eine solche Therapie leisten können und wollen - auch in Krisenzeiten.

"Das ist nicht die erste Krise und wird auch nicht die letzte Krise sein", meint Russlandkenner Nowak gelassen. Dass wegen der aktuellen Krise reihenweise deutsche Unternehmen in die Knie gehen werden, glaubt er nicht. Dafür seien "die deutschen Mittelständler viel zu flexibel".

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