Die neue Management-Lehre aus Frankreich Wie Michelin seine Arbeiter zu Managern macht

Skulptur des Michelin-Manns Bibendum in der Zentrale Clermont-Ferrand

Skulptur des Michelin-Manns Bibendum in der Zentrale Clermont-Ferrand

Foto: REUTERS

Jean-Dominique Senard ist einer der mächtigsten Männer der französischen Wirtschaft. Der Michelin-Chef führt einen Industriekonzern mit 22 Milliarden Euro Börsenwert, 68 Standorten und 112.000 Beschäftigten. Doch neuerdings beschreibt er seine Rolle als "Mentor".

Nicht, dass Senard die Macht in der Fabrikstadt Clermont-Ferrand aus der Hand gäbe. Der Präsident beansprucht weiterhin die Kompetenz für strategische Entscheidungen. Eine davon aber ist eine Revolution des Management-Modells, die Michelin  zum Träger des neuen französischen Reformeifers und zum Rollenvorbild für andere Unternehmen machen soll.

"Responsabilisation" heißt das Motto. Alle Angestellten des Reifenherstellers einschließlich der Fabrikarbeiter sollen zu Entscheidern werden und Verantwortung übernehmen.

Die "Financial Times" beleuchtet in einem Report (zahlungspflichtig)  die neue Macht der Arbeiter, die nun nicht mehr auf konkrete Anweisungen ihrer Vorgesetzten warten. Sie legen im Team selbst fest, wie sie die Produktionsziele erreichen und die Aufgaben aufteilen.

Dazulernen müssen auch die mittleren Manager - nicht nur, weil sie jetzt geduzt werden. Anstelle des bisherigen Mikromanagements soll Vertrauen in die Fähigkeiten der Angestellten treten. Als "Trainer" beschreibt einer seine neue Rolle.

Formell bleibt die Hierarchie unangetastet, aber die Priorität der Bedürfnisse soll umgedreht werden: "die Angestellten zuerst, dann die Kunden, danach das Unternehmen". Neben dem "Wie" soll auch das "Warum" hinterfragt werden.

"Befreite Unternehmen": Michelin-Management als Comic-Thema

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Bisher hat Michelin das neue Modell erst in sechs Pilotwerken ausprobiert, ab 2018 soll es aber konzernweit angewendet werden. Andere Firmen wie der Sportartikel-Discounter Decathlon folgen bereits dem Beispiel. Das Michelin-Modell wird bereits in bunten Comics unter dem Titel "Les Entreprises Libérées"  (die befreiten Unternehmen) vermarktet.

Senard, als Manager des Jahres 2016 ausgezeichnet, sagte dem "Figaro" : "Das Engagement begünstigt den Enthusiasmus, die Motivation und das Wohlbefinden bei der Arbeit." Wenn sich jeder entfalten könne, würden auch die Werte des Unternehmens gehoben. Er beobachte eine Verbesserung der Ergebnisse, wo die "Responsabilisation" gelebt werde.

Für Michelin bedeutet das Modell, das unter dem Namen "Liberation Management" seit den 90er Jahren ähnlich auch in US-Unternehmen wie Gore oder Harley-Davidson erprobt wird, eine Rückkehr zur starken Identifikation der Beschäftigten mit dem Unternehmen.

Die Firma aus der Vulkanlandschaft des Zentralmassivs hat unter traditioneller Familienführung seit dem 19. Jahrhundert eine besondere, paternalistische Unternehmenskultur entwickelt. Der Patron sorgte für die Seinen, von der Werkswohnung bis zum Rugby-Club, stets unter dem Banner katholischer Werte.

Michelin hat längst die Lehren des Industrievorbilds Toyota  übernommen, zu denen auch die "Autonomatisierung" zählt, mit größerer Effizienz selbständig arbeitender kleiner Einheiten. Die Franzosen machten daraus in den 90er Jahren den "Michelin Manufacturing Way". Doch der Fokus lag dabei laut Senard zu stark auf streng von den Abteilungsleitern kontrollierter Effizienz.

In der Branchenkrise ab 2009 sei dem Reifenhersteller Nummer zwei deutlich geworden, dass der nachlassende Teamgeist dem Unternehmen schade.

Die "Responsabilisation" wird nicht alle Regeln des Markts außer Kraft setzen. Das Werk Ballymena in Nordirland soll 2018 geschlossen werden, während der Rest des Konzerns in die neue Management-Welt startet. Es ist einer der sechs Pilotbetriebe, die das Modell ausprobiert haben.

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