Düsterer Ausblick Maschinenbau und Chemiebranche fürchten starke Einbrüche

Eine mögliche Rezession im Winter zeichnet sich auch in den Prognosen wichtiger deutscher Branchen ab. Der Maschinenbau rechnet für 2023 mit einem Produktionsrückgang von 2 Prozent, die Chemieindustrie blickt so pessimistisch in die Zukunft wie seit über 30 Jahren nicht mehr.
Es geht bergab: Chemiearbeiter in einem BASF-Werk

Es geht bergab: Chemiearbeiter in einem BASF-Werk

Foto: SVEN KAESTNER/ AP

Die deutschen Maschinenbauer rechnen nach einem Miniwachstum 2022 im kommenden Jahr mit einem Rückgang der Produktion. In diesem Jahr sei noch ein Wachstum der Produktion um 1 Prozent möglich, teilte der Branchenverband VDMA am Donnerstag mit. Für 2023 rechne man mit einem Minus von 2 Prozent.

"Der Wind bläst der Weltwirtschaft und damit dem Maschinen- und Anlagenbau ins Gesicht", erklärte VDMA-Chefvolkswirt Ralph Wiechers. Bei den Investitionen sei wegen des schwächeren Wachstums in China und des Ukraine-Krieges Zurückhaltung zu erwarten. Zudem drückten die hohe Inflation und die Bremsmanöver der Notenbanken in Form von Zinserhöhungen die Investitionslaune. Im Juli gingen die Auftragseingänge dem VDMA zufolge um 14 Prozent zurück. Die Inlandsorder verzeichneten ein Minus von 17 Prozent, die Bestellungen aus dem Ausland seien um 12 Prozent gesunken.

Auch eine andere Umfrage zeigt, dass es im verarbeitenden Gewerbe in Deutschland derzeit nicht rund läuft. Der Einkaufsmanagerindex für die Industrie sank im August um 0,2 auf 49,1 Punkte, wie der Finanzdienstleister S&P Global zur monatlichen Erhebung unter rund 420 Betrieben mitteilte. Damit blieb das Barometer, das Kennzahlen wie Aufträge, Produktion, Beschäftigung und Lieferzeiten zusammenfasst, den zweiten Monat in Folge unter der Wachstumsschwelle von 50 Zählern. Die Daten signalisierten ein schwächelndes Neugeschäft. "Vor allem die wirtschaftliche Unsicherheit und die starke Inflation wirken sich negativ auf die Verkaufszahlen aus", sagte S&P-Ökonom Phil Smith.

Die Firmen spürten in puncto Inflation zwar leichte Entspannung. "Nichtsdestotrotz bleibt der Kostendruck – vor allem wegen der Energiekrise – enorm hoch und könnte sich in den kommenden Monaten noch verschärfen", warnte Smith. Die Hersteller blickten nach wie vor pessimistisch in die Zukunft. "Aber obwohl sich der Jobaufbau verlangsamt hat, gibt es noch keine Anzeichen dafür, dass im verarbeitenden Gewerbe im großen Stil Stellen abgebaut werden." Die gesamte deutsche Wirtschaft war im Frühjahr nur minimal um 0,1 Prozent gewachsen. Für den Herbst und Winter rechnen viele Fachleute mit einer vorübergehenden Rezession, da die Gaskrise Firmen und Verbraucher weiter belasten dürfte.

"Industrieller Flächenbrand" befürchtet

Die deutsche Chemieindustrie schaut unterdessen angesichts der Energiekrise so düster in die Zukunft wie seit über 30 Jahren nicht. Das Barometer für die Geschäftsaussichten in den kommenden Monaten brach im August um zehn auf minus 55 Punkte ein, wie das Münchener Ifo-Institut am Donnerstag zu seiner monatlichen Unternehmensumfrage mitteilte. "Das ist der schlechteste Wert seit 1991", betonten die Forscher. Noch stärker sackte die Bewertung der aktuellen Geschäftslage ab: Hier ging das Barometer von plus 22 auf minus acht Punkte zurück. Damit bewerten die Firmen erstmals seit fast zwei Jahren ihre Lage wieder negativ. Dadurch stürzte das Geschäftsklima ab, dass sich aus Lage und Erwartungen zusammensetzt: Es fiel auf minus 33 Punkte, nach minus 14 Punkten im Juli.

"Der Krieg in der Ukraine belastet die Branchenkonjunktur erheblich", erklärte das Ifo-Institut die negative Entwicklung in der Branche, die neben den Auto- und Maschinenbauern die exportstärkste in Deutschland ist. "Denn ein großer Anteil des Energieverbrauchs in der chemischen Industrie entfällt auf Erdgas." Die Chemiebetriebe wollen in den kommenden Monaten weniger produzieren. Das entsprechende Barometer sank von minus 27 auf minus 38 Punkte. "Etwas entspannter war im August nur die Lage bei der Materialknappheit", so das Ifo. "Sie ließ etwas nach, wie im Rest der Industrie." 50 Prozent der Firmen berichteten demnach von Nachschubproblemen, im Juli waren es noch 54 Prozent.

Die chemische Industrie fürchtet für den Fall eines Ausbleibens russischer Gaslieferungen einen "industriellen Flächenbrand" für die Bundesrepublik. Komplexe Chemie-Anlagen könnten nicht einfach mal aus und wieder angeschaltet werden, warnt der Branchenverband VDI. Würden Chemieanlagen einmal heruntergefahren, dann stünden sie still für Wochen und Monate. Experten befürchten dann einen Dominoeffekt, weil wenig später die Bänder auch in anderen großen Branchen wie der Autoindustrie oder dem Maschinenbau ruhen müssten.

hr/Reuters
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