Verdi fordert 9,5 Prozent mehr Lohn Lufthansa-Tarifverhandlungen starten mitten im Flugchaos

Zwischen der Lufthansa und Verdi startet am Donnerstag die erste Verhandlungsrunde für die Bodenbeschäftigten. Die Gewerkschaft fordert 9,5 Prozent mehr Lohn für rund 20.000 Mitarbeiter.
Zu viele Sparmaßnahmen: Lufthansa-Chef Carsten Spohr

Zu viele Sparmaßnahmen: Lufthansa-Chef Carsten Spohr

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SASCHA STEINBACH / EPA

Mitten im Flugchaos der ersten Hochsaison nach der Corona-Zwangspause starten am Donnerstag bei der Lufthansa die Tarifverhandlungen für rund 20.000 Bodenbeschäftigte. Die Gewerkschaft Verdi hat angesichts hoher Arbeitsbelastung des Personals und steigender Inflation mit einer Forderung von 9,5 Prozent oder mindestens 350 Euro mehr Monatslohn ein Ausrufezeichen gesetzt.

Verdi-Vizechefin Christine Behle (53) persönlich führt die an Nachmittag startenden Verhandlungen für die Hochburg der Gewerkschaft in der Luftfahrtbranche. Zu viel Personalabbau der Lufthansa in der Corona-Krise und schlechte Bezahlung sind nach ihrer Ansicht Ursachen der zurzeit massiven Störungen im Flugbetrieb. Zehntausende Urlauber baden sie gerade aus mit Flugausfällen, Umbuchungen, Warteschlangen und Verspätungen. Lufthansa musste schon mehr als 3000 Flüge für den Sommer absagen.

Das Lufthansa-Bodenpersonal leidet Verdi zufolge unter Stress. "Viele von ihnen haben wegen der Unsicherheiten und Überlastungen den Job verlassen, sodass die Aufgabendichte noch massiver geworden ist als sie es vor der Pandemie ohnehin schon war", erklärte Behle, die als stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende der Lufthansa tiefen Einblick in das Unternehmen hat. Die Gewerkschaft selbst schreckt allerdings nicht davor zurück, im Fall verharkter Verhandlungen den ohnehin schon stolpernden Betrieb mit Streiks lahmzulegen.

Die Friedenspflicht endet am 30. Juni – Arbeitskampfmaßnahmen sind damit theoretisch ab jetzt möglich. "Natürlich ziehen wir auch Warnstreiks in Betracht, wenn die Verhandlungen nicht in die richtige Richtung gehen", sagte ein Verdi-Sprecher. Die Lufthansa wäre gut beraten, ein Angebot vorzulegen, ergänzte er.

Verdi nutzt Verhandlungsmacht

Die Gewerkschaft nutzte auch an anderer Stelle schon ihre derzeit höhere Verhandlungsmacht, etwa mit Streiks bei Easyjet in Berlin oder an diesem Freitag mit einem 24-stündigen Ausstand von Wartungspersonal am Flughafen Hamburg. Tarifverhandlungen laufen oder stehen bei Verdi außerdem an bei Bodenverkehrsdiensten an den Flughäfen Düsseldorf, Köln, München und Stuttgart. Beim Sicherheitspersonal bundesweit an den Flughäfen schloss Verdi nach drei Ganztagesstreiks einen neuen Tarifvertrag im März ab.

Die Lufthansa äußerte Verständnis für den Nachholbedarf der Beschäftigten bei der Bezahlung, hält die Forderung aber angesichts ihrer sich gerade erst verbessernden wirtschaftlichen Lage für zu hoch. "Zum einen muss das Unternehmen hohe Schulden abtragen. Zum anderen bedeuten der hohe Kerosinpreis und der anhaltende Krieg in der Ukraine wirtschaftliche Risiken", erklärte die Lufthansa. "Vor diesem Hintergrund geht es um eine maßvolle Balance aller Rahmenbedingungen, um hier zu einem guten Abschluss zu kommen."

In der Corona-Krise musste der MDax-Konzern mit milliardenschweren staatlichen Hilfen vor der Pleite bewahrt werden. Diese sind mittlerweile größtenteils zurückgezahlt, dafür stiegen aber die Schulden bei privaten Geldgebern. Weltweit baute die Airline-Gruppe gut 30.000 Stellen ab auf zuletzt rund 105.000, in Deutschland sank die Zahl der Arbeitsplätze um 13.000 auf 60.500. Unter dem Druck der Krise habe das Management an der ein oder anderen Stelle mit dem Sparen übertrieben, räumte Lufthansa-Chef Carsten Spohr (55) in dieser Woche ein. Mehrere Tausend Neueinstellungen in Europa seien geplant, um den lang ersehnten Hochlauf der Passagierflüge zu bewältigen.

sio/Reuters
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