Freitag, 15. November 2019

Desaster Eurowings Was die Gewinnwarnung der Lufthansa verschweigt

Viel zu häufig verspätet: Maschinen der Lufthansa-Tochter Eurowings, hier in Düsseldorf.
Marcel Kusch/DPA
Viel zu häufig verspätet: Maschinen der Lufthansa-Tochter Eurowings, hier in Düsseldorf.

Carsten Spohr wollte es den Anlegern wohl schonend beibringen. Die aktuelle Gewinnwarnung des Lufthansa-Chefs klingt stellenweise wie ein Erfolgsbericht. Da ist von einem "starken Langstreckengeschäft" die Rede und von der Absicht, die "führende Position" des Konzerns auf seinen Heimatmärkten zu verteidigen. So eingestimmt lässt sich besser verdauen, dass der Gewinn deutlich geringer ausfallen wird als bislang geplant, und die Aktie kräftig an Wert verliert.

Tatsächlich wäre es übertrieben, in Untergangsrhetorik zu verfallen. Zwei Milliarden Euro Vorsteuergewinn - die jetzt ausgegebene untere Zielmarke - hätten noch vor wenigen Jahren zu Jubelstürmen im Hauptquartier der Lufthansa gereicht. Die Gewinne praktisch aller Airlines sind derzeit rückläufig. Nach fantastischen Jahren muss sich die Branche nun mit weniger guten, aber wahrlich nicht katastrophalen Zahlen begnügen.

Und doch verbirgt sich in der Gewinnwarnung etwas Alarmierendes. Die Lufthansa steckt mit ihrer Tochter Eurowings offenkundig in einem riesigen Schlamassel - ist aber nicht der Lage, das Problem offen anzusprechen und überzeugende Antworten anzubieten.

Wer ist schuld an der Misere im Europageschäft und damit der Gewinndelle der Lufthansa? Spohrs Bulletin deutet auf die anderen, regelrechte Finsterlinge: "Aggressiv in den Markt drängende Wettbewerber sind bereit, erhebliche Verluste hinzunehmen, um ihre Marktanteile auszubauen." Andersherum kommt man der Wahrheit näher: Der Lufthansa-Ableger Eurowings arbeitet zu umständlich und zu teuer, um im direkten Wettbewerb mit Billigfliegern wie Ryanair oder EasyJet bestehen zu können.

Eigentlich sollte Eurowings ja in diesem Jahr endlich schwarze Zahlen schaffen. Daraus wird wieder nichts. Und die Lufthansa-Strategen müssen sich fragen lassen, ob bei der Zweitmarke etwas grundsätzlich falsch läuft.

Dabei ist nicht zu bestreiten, dass viele Großkalküle für die Zweitplattform der Lufthansa sprechen. Erst die interne Konkurrenz hat es Konzernlenker Carsten Spohr ermöglicht, im Streit mit den Piloten hart zu bleiben, nach der Formel: Wenn ihr nicht einlenkt, gibt es Wachstum eben nur noch bei Eurowings! Und nur dank Eurowings konnte die Lufthansa von der Pleite des seligen Konkurrenten Air Berlin wirklich profitieren. In der klassischen Kranich-Linie hätte sie die Air-Berlin-Flieger und ihre Strecken kaum unterbringen können.

Doch bei allem Nebennutzen ist der Hauptzweck von Eurowings zu kurz gekommen: einfach, zuverlässig und hocheffizient Flüge in Deutschland und Europa anbieten. Eurowings ist nach wie vor ein Kuddelmuddel verschiedener Airlines und Geschäftsmodelle unter einem Dach, darunter auch Interkontinentalflug. Derzeit soll auch noch die belgische Brussels Airlines - Spezialist für Afrikaverkehr - integriert werden. Mit einem schlanken Billigflieger hat das nichts zu tun, und das zeigt sich auch bei der Verlässlichkeit. Im Chaos-Sommer des vergangenen Jahres mit enervierend vielen Flugausfällen und Verspätungen nahm Eurowings eine unrühmliche Spitzenstellung ein.

Inzwischen hat das Management zwar gegengesteuert und unter anderem mehr Ersatzmaschinen bereitgestellt. Das erhöht allerdings weiter die Kosten und behebt nicht die eingebauten Ineffizienzen.

In vielen anderen Unternehmen würde bei vergleichbarer Lage eine Diskussion über den zuständigen Spartenmanager beginnen, in diesem Fall Lufthansas-Vorstand und Eurowings-Chef Thorsten Dirks. Er scheint vordergründig noch über genügend Rückendeckung zu verfügen, sein Vertrag wurde erst kürzlich verlängert. Eng könnte es für ihn dennoch werden. Denn der Vorrat der Ausreden schwindet. Die Integration der Air-Berlin-Überbleibsel sollte irgendwann einmal abgeschlossen sein.

Und die Mär, dass finstere Desperados den Markt ruinieren, wird auch bei reger Wiederholung nicht glaubwürdiger. Nur eines wird Dirks wie Spohr weiterhelfen: eine ehrliche Bestandsaufnahme und massive Reformen.

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