Thyssenkrupp spricht mit italienischer Werft Fincantieri Werften Lürssen und German Naval Yards legen Militärgeschäft zusammen

Lürssen und German Naval Yards Kiel wollen dauerhaft im Marineschiffbau zusammenarbeiten

Lürssen und German Naval Yards Kiel wollen dauerhaft im Marineschiffbau zusammenarbeiten

Foto: Mohssen Assanimoghaddam/dpa

Die Werften Lürssen und German Naval Yards Kiel wollen dauerhaft im Marineschiffbau zusammenarbeiten. "Die bisherigen Aktivitäten im militärischen und behördlichen Überwasserschiffbau sollen künftig in ein gemeinsames Unternehmen unter Führung der Bremer Lürssen-Gruppe eingebracht werden", teilten sie in der Nacht zum Donnerstag mit. Die Bundesregierung sei in die Konsolidierungsgespräche einbezogen. Der Aktienkonzern Thyssenkrupp mit seinem Marinegeschäft ist bei dem Bündnis der beiden Familienunternehmen vorerst außen vor. Durch die Einigung der beiden Konkurrenten wächst allerdings der Druck auf Thyssenkrupp, den eigenen militärische Schiffbau zu positionieren.

Wenige Stunden zuvor hatte Reuters von einem Insider erfahren, Thyssenkrupp verfolge verschiedene Optionen für eine Konsolidierung: Zum einen die Gründung eines nationalen Champions mit Lürssen und German Naval Yards (GNYK). Parallel führe der Konzern aber auch Gespräche mit der italienischen Fincantieri über ein europäisches Bündnis. Eine Möglichkeit wäre dabei ein 50:50-Joint Venture. Dadurch ließe sich ein europäischer Champion mit einem Umsatz von über drei Milliarden Euro schmieden. In beiden Fällen sei der Ausgang offen. Thyssenkrupp könne auch mit einer "Stand Alone Lösung" leben.

Fincantieri lehnte einen Kommentar zu den Aussagen über Gepräche mit Thyssenkrupp ab. "Die Konsolidierung der europäischen Rüstungsindustrie bleibt wünschenswert", sagte ein Sprecher jedoch. "Die lange Kooperation mit der deutschen Marine-Industrie im U-Boot-Bau ist eine Grundlage, über künftige Szenarien der Konsolidierung zu sprechen.". Thyssenkrupp Marine Systems (TKMS) erzielte im vergangenen Geschäftsjahr mit seinen rund 6000 Beschäftigten einen Umsatz von 1,8 Milliarden Euro. Der Konzern hatte angekündigt, bis 2023 rund 250 Millionen Euro in die Tochter zu investieren.

In der Nacht zum Donnerstag gaben nun Lürssen und German Naval Yards dann die Pläne für ihr Zweier-Bündnis bekannt. "Die Konsolidierung in Deutschland ist längst überfällig", erklärte Iskandar Safa, der Chef der Privinvest Holding SAL mit Hauptsitz in Beirut, der obersten Konzerngesellschaft der German Naval Yards. Deutschland verfüge über erstklassige Marinewerften und exzellente Technologien. "Aber unsere Kunden brauchen Partner, die über die Größe und die Fähigkeit verfügen, umfangreiche, strategisch wichtige Aufträge zu erfüllen. Das lässt sich besser erreichen, wenn inländische Akteure sich zusammenschließen." German Naval Yards zählt nach eigenen Angaben rund 1000 Mitarbeiter.

Friedrich Lürßen von der Lürssen-Gruppe, die um die 3000 Mitarbeiter zählt, setzt auf eine bessere Wettbewerbsfähigkeit. "Wir sind davon überzeugt, dass eine Konsolidierung unserer Werften im Marineschiffbau sinnvoll und förderlich ist, um dadurch deren Wettbewerbsfähigkeit nachhaltig zu stärken", erklärte er. "Mit diesem strategischen Zusammenschluss wollen wir auch aktiv dazu beitragen, die Auswirkungen der durch die gegenwärtige Corona-Pandemie entstandenen Herausforderungen im Schiffbau gemeinsam zu meistern und Arbeitsplätze und Technologiefähigkeit für den nationalen Standort langfristig zu sichern."

Der Zusammenschluss folge den Forderungen des öffentlichen Auftraggebers, leistungsfähige Industriestrukturen in nationaler verlässlicher Verfügbarkeit und effizienter Kostenstruktur gewährleistet zu sehen, heißt es in der Pressemitteilung von Lürssen. Dies umfasst neben dem Neubau technologisch hochinnovativer Marineschiffe auch deren Funktionserhalt über den gesamten Lebenszyklus. Die Stärkung des nationalen Marineschiffbaus durch eine Gemeinschaftsunternehmung von Lürssen und German Naval Yards Kiel entspreche den Zielvorgaben der Bundesregierung. So sei die Bundesregierung frühzeitig durch den Maritimen Koordinator, Norbert Brackmann, in die Konsolidierungsgespräche gewesen. Er hat den Prozess maßgeblich begleitet.

Dass die Unternehmen zusammen sprachen, war bereits vor einigen Wochen bekannt geworden. Damals hieß es bereits, dies erfolge unter Moderation der Bundesregierung.

Mit der Zusammenlegung könnte auch Bewegung in den Streit über die Vergabe des sechs Milliarden Euro schweren Auftrags für Entwicklung und Bau des neuen Mehrzweckkampfschiffes 180 der Bundeswehr kommen. Das Verteidigungsministerium hatte Anfang des Jahres der niederländischen Damen-Werft in Kooperation mit Lürssen den Zuschlag erteilt. German Naval Yards hatte mit Thyssenkrupp als Unterauftragnehmer ebenfalls für den Auftrag geboten und leitete gegen die Vergabe-Entscheidung juristische Schritte ein.


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Angesichts des massiven wirtschaftlichen Rückgangs in der Corona-Krise hatte die IG Metall vergangene Woche staatliche Unterstützung für den deutschen Schiffbau gefordert. Werften und ihren Zulieferern müsse rasch geholfen werden, um Tausende Arbeitsplätze zu erhalten, sagte der Chef des IG-Metall-Bezirks Küste, Daniel Friedrich, am Donnerstag in Hamburg. "Wir müssen weiter in der Lage sein, diese hochkomplexen Schiffe zu bauen und sollten es nicht der Konkurrenz in Südostasien überlassen", sagte der Chef des IG-Metall-Bezirks Küste, Daniel Friedrich. Der Staat könne Arbeit auf den Werften auch durch Aufträge für Behördenschiffe, Forschungsschiffe und Marineschiffe sichern. Zudem wünscht sich die Gewerkschaft staatliche Förderprogramme für innovative und umweltschonende Produkte der Werftenindustrie, um der Branche nach der Corona-Krise eine Perspektive zu geben.

Die EU-Mitgliedsstaaten bemühen sich insgesamt seit vielen Jahren um eine Konsolidierung ihrer im Vergleich zu den USA stark zersplitterten Rüstungsindustrie. Bisher scheiterten politische Bestrebungen in diese Richtung jedoch am Ende meist an nationalen Interessen und Eitelkeiten. Seit einigen Jahren bemühen sich daher die Unternehmen selbst um eine Konsolidierung, um international wettbewerbsfähig zu bleiben. So taten sich die deutsche Panzerschmiede KMW und der französische Staatskonzern Nexter bereits 2015 zu KNDS zusammen. Hinzu kommt, dass große Rüstungsvorhaben von einem einzelnen europäischen Land finanziell praktisch nicht mehr zu stemmen sind.

rtr/dpa/akn