Montag, 16. September 2019

Letzte Hauptversammlung der Linde AG Ende einer Industrieikone - was jetzt aus Linde wird

Wolfgang Reitzle auf der Hauptversammlung

Sie sind gekommen, um sich zu beschweren. "Die Aktionäre sind traurig, teilweise sogar wütend", sagte Daniela Bergdolt vom Aktionärsverein DSW. Der deutsche Konzern Linde habe sich in der Fusion mit den Amerikanern von Praxair "unter Wert verkauft", monierte Kollege Daniel Bauer von der SdK. Kleinaktionär Philipp Steinhauer schimpfte die neue Linde plc "einen Bastard: eine irische Gesellschaft, die ihre wenigen Steuern in Großbritannien zahlt, aus Amerika geführt wird und einen deutschen Namen trägt".

Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle, der die letzte Hauptversammlung der Linde AG in München an diesem Mittwoch leitete, nahm die Kritik gelassen. Die von ihm betriebene Fusion ist durch. Für die verbleibenden Kleinaktionäre gab es nur noch die Abfindung im Squeeze-out zu beschließen (189,46 Euro), er selbst bleibt Chairman - und dazu noch eines neuen, größeren Gebildes.

Wie der scheidende Übergangschef Aldo Belloni sekundierte, man schaffe "aus zwei sehr guten Unternehmen ein exzellentes", konnte Reitzle sich rühmen: Linde Börsen-Chart zeigen sei nach der Fusion nun der drittwertvollste Dax-Konzern (nach SAP und Siemens) mit einem Börsenwert von heute 78 Milliarden Euro.

Was wird jetzt aus dem Unternehmen, das 1877 als Gesellschaft für Linde's Eismaschinen AG gegründet wurde, und dessen Zusammenschluss mit der amerikanischen Ex-Tochter wütenden - aber fruchtlosen - Protest von Gewerkschaften und Politik hervorrief?

Weltmarktführer im Geschäft mit Industriegasen nennt sich das neue Unternehmen. Das war Linde vor 2016 schon einmal, bis der französische Wettbewerber Air Liquide die US-Firma Airgas kaufte. Mit zusammen 27 Milliarden Dollar Umsatz 2017 schiebt sich Linde inklusive Praxair laut der Investorenpräsentation zur Fusion wieder vor Air Liquide (24 Milliarden).

Allerdings mussten die Fusionspartner einige Unternehmensteile abgeben, um die Kartellbehörden zu besänftigen - was den Deal im Sommer fast wieder gekillt hätte. Laut Vereinbarung sollte der Konzern insgesamt auf nicht mehr als 3,7 Milliarden Euro Umsatz und 1,1 Milliarden Euro Gewinn verzichten. Diese Grenze dürfte mit den jetzt vollzogenen Trennungen nicht ganz eingehalten werden - aber jetzt steht der Deal nicht mehr infrage.

Belloni gab auf der Hauptversammlung bekannt, die Linde AG habe allein für ihre verkauften amerikanischen Geschäfte vom kleinen hessischen Wettbewerber Messer und dem Finanzinvestor CVC 3,3 Milliarden Euro eingenommen. Den dortigen Umsatz beziffert Messer auf 1,7 Milliarden Euro. Hinzu kommen weitere Verkäufe in Asien.

Auf Praxair-Seite wurde vor allem europäisches Geschäft an die japanische Taiyo Nippon Sanso für fünf Milliarden Euro abgegeben. Dessen Umsatz: rund zwei Milliarden Euro. Das künftige Unternehmen hat also viel mehr Bargeld, aber auch spürbar weniger Umsatz als beiden einzelnen zuvor (und möglicherweise auch weniger als Air Liquide).

Kurioserweise wird im neuen Vorstand Linde-Manager Bernd Eulitz zum Amerika-Chef, während der neue Europa-Vorstand Eduardo Menezes von Praxair kommt - also entgegen der bisherigen regionalen Stärken der beiden Partner, die durch die Teilverkäufe noch deutlicher ausgeprägt sind. Offiziell soll das helfen, die Firmenkulturen zu verbinden und die von Reitzle beworbene "Fusion unter Gleichen" herbeizuführen. Das erinnert ein wenig an den Nationalproporz, der zeitweise bei Airbus herrschte - dort allerdings unter starker staatlicher Kontrolle.

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