Donnerstag, 18. Juli 2019

Letzte Hauptversammlung der Linde AG Ende einer Industrieikone - was jetzt aus Linde wird

Wolfgang Reitzle auf der Hauptversammlung

2. Teil: Praxair regiert durch - und Reitzle winkt Multi-Millionen-Verdienst

Ansonsten regiert Praxair durch. Die Amerikaner stellen vier der sieben Vorstände, darunter Finanzchef Matt White und CEO Steve Angel. Die bisherige Praxair-Zentrale in Danbury (Connecticut) gilt als heimliches Machtzentrum, vor allem mit Zuständigkeit für Strategie und Finanzen. Der offizielle Firmensitz in Dublin darf als Briefkastenfirma betrachtet werden, als "principal executive offices" werden die Räume im britischen Guildford südwestlich von London genannt, von wo aus Linde die 2006 übernommene Firma BOC führte. Großbritannien soll auch der Schauplatz künftiger Hauptversammlungen sein - mit deutlich weniger Ärger von Kleinaktionären.

In der Münchener Linde-Zentrale gibt es laut "Frankfurter Allgemeine" schon "Auflösungserscheinungen". Dort werden als zentrale Bereiche nur noch Steuern, Einkauf und Sicherheit verantwortet - der Rest einschließlich Strategie und Finanzen läuft in Danbury. Auf den Managementebenen unterhalb des Vorstands dominieren laut Gewerkschaftschef Michael Vassiliadis von der IG BCE die Amerikaner, "obwohl Praxair deutlich kleiner ist".

Die operative Zusammenarbeit darf erst im neuen Jahr starten, wenn die Teilverkäufe vollzogen sind. Schon jetzt aber zeigen erste Beschlüsse des von Reitzle geführten Board of Directors (hier wiederum sind einschließlich des von der Praxair-Seite benannten Martin Richenhagen sieben von zwölf Mitgliedern Deutsche), dass die US-Firmenkultur sich durchsetzt.

Mit einer quartalsweisen statt jährlichen Dividende (für das vierte Quartal gibt es 82,5 US-Cent) brauchen sich die Praxair-Aktionäre nicht umzugewöhnen. Und die wird vom Board verkündet, nicht auf Vorschlag von den Aktionären entschieden. Deutsche Mitbestimmung der Arbeitnehmerseite gibt es nach irischem Recht natürlich auch nicht mehr.

Ob der von der IG Metall befürchtete Verlust von 10.000 Stellen sich bewahrheitet, wird sich erst in einigen Jahren herausstellen - jenseits der verkauften Firmenteile und der freiwilligen Abgänge in der Münchener Zentrale. Bis 2021 gilt eine Standortgarantie in Deutschland und der Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen. Die Zeichen stehen aber darauf, dass sie nach dieser Gnadenfrist auch kommen.

Als Hauptnutzen der Fusion für die Aktionäre hatten Reitzle und Angel Synergien von 1,1 Milliarden Dollar jährlich genannt - weil sich die Geschäftsfelder und Absatzmärkte der beiden Partner ergänzen, fast ausschließlich auf der Kostenseite. Der größte Teil davon sind Vertriebs-, Gemein- und Verwaltungskosten, zu einem kleineren Teil Herstellungskosten und Einkauf.

Wirksam werden sollen die Einsparungen erst nach einer Übergangsphase von drei Jahren (passend zur Garantie für die Beschäftigten), während die Aktionäre sich bis dahin mit Integrationskosten von einer Milliarde Dollar rechnen sollen. Das dürfte auch Abfindungen einschließen.

Finanzvorstand Matt White stichelte schon einmal gegen den im Vergleich zum Gaseverkauf renditeschwachen Anlagenbau, einen wichtigen Teil der alten Linde AG. CEO Steve Angel dämmte die Spekulation nur milde ein, es sei noch nichts entschieden.

Aktuell wird die neue Linde-Aktie an der New Yorker Börse Nyse zehnmal so stark gehandelt wie auf der Frankfurter Xetra-Plattform. Sinken die Umsätze dort zu stark, könnte die Mitgliedschaft im Dax trotz der gewaltigen Marktkapitalisierung in Gefahr geraten - oder auch, wenn die operative Zentrale in Deutschland aus Sicht der Deutschen Börse nicht mehr gegeben ist.

"Dieser Zusammenschluss rechnet sich nicht - weder für die Aktionäre, noch für die Beschäftigten, noch für den Industriestandort Deutschland", schimpfte IG-BCE-Chef Vassiliadis im Oktober.

Rechnen dürfte er sich aber für die Konzernführung. Die Vergütung von Steve Angel als Chairman und CEO von Praxair belief sich 2017 auf knapp 22 Millionen Dollar - im Dax hätte er damit locker den Spitzenposten; kaum vorstellbar, dass er plötzlich auf einen Bruchteil davon zurücksteckt. Linde-Chef Belloni bekam vier Millionen Euro, sein Chefaufseher Reitzle 463.000 Euro. Als neue Vergütungsrichtlinie hat sich die Linde plc die "Konsistenz mit der Marktpraxis vergleichbarer Unternehmen" vorgenommen, nur "die Objektivität des Boards" dürfe durch das Gehalt nicht infrage gestellt werden.

Von Linde bleibt auf jeden Fall eines: das Logo.

Seite 2 von 2

© manager magazin 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung