Kurz vor dem Börsengang Flugtaxi-Start-up Lilium winkt milliardenschwerer Großauftrag

Der bayerische Flugtaxi-Hersteller hat mit einer Absichtserklärung gute Aussichten auf einen milliardenschweren Großauftrag aus Brasilien. Vor dem Börsengang via Spac wirbt Lilium damit noch einmal um Investoren.
Will auch an der Börse senkrecht abheben: Lilium mit seinem Flugtaxi "Lilium Jet"

Will auch an der Börse senkrecht abheben: Lilium mit seinem Flugtaxi "Lilium Jet"

Foto: HANDOUT / REUTERS

Das Flugtaxi-Startup Lilium steht kurz vor seinem ersten Großauftrag. Die brasilianische Fluggesellschaft Azul hat eine Absichtserklärung für den Kauf von 220 Lilium-Jets unterzeichnet, wie das Unternehmen aus Oberpfaffenhofen bei München am Montag mitteilte. Der Gesamtwert des Auftrags habe einen Wert von einer Milliarde US-Dollar (841 Millionen Euro) und solle bis zum Jahresende endgültig vereinbart werden.

Azul solle die Flotte betreiben und warten, während Lilium Ersatzteile und Material bereitstellen werde. Wie die "Süddeutsche Zeitung" berichtet , sollen die Jets vor allem in der Region São Paulo eingesetzt werden - derzeit einer der größten Hubschraubermärkte der Welt. In Zeiten vor der Corona-Pandemie zählte Brasilien rund 100 Millionen Passagiere allein auf Inlandsflügen. Die von dem amerikanisch-brasilianischen Geschäftsmann David Neeleman (61) gegründete Airline Azul ist Unternehmensangaben zufolge der größte inländische Anbieter.

Ende März hatte Lilium mitgeteilt, mit dem leeren Börsenmantel der US-Firma Qell Acquisition verschmelzen zu wollen und so durch die Hintertür an die US-Technologiebörse Nasdaq zu gelangen. Qell ist ein sogenannter "Spac" ("Special Purpose Acquisition Vehicle") – also ein leeres börsennotiertes Unternehmen, dessen Zweck die Übernahme anderer Firmen ist, um diesen Zugang zu mehr Kapital zu verschaffen. Doch während in Europa die Spac-Euphorie gerade erst Fahrt aufnimmt, ist sie in den USA schon wieder verflogen. Insofern muss Lilium um jeden Investoren kämpfen.

Lilium peilt Bewertung von drei Milliarden Dollar an

Lilium wurde 2015 von den Ingenieuren Daniel Wiegand (CEO), Sebastian Born, Matthias Meiner und Patrick Nathen gegründet und will bis 2025 in mehreren Städten rund um den Globus mit seinen vollelektrischen, vertikalen Passagierjets starten. Insgesamt kann ein Pilot oder eine Pilotin bis zu sechs Passagiere in dem Flugtaxi befördern.

Im vergangenen Jahr hat das Start-up mehr als 375 Millionen US-Dollar eingesammelt, investiert sind beispielsweise der Fonds Atomico von Skype-Gründer Niklas Zennström (55), der chinesische Technologiekonzern Tencent sowie die Investmentfirma Baillie Gifford. Bei der letzten Finanzierungsrunde wurde Lilium mit mehr als einer Milliarde Dollar bewertet, beim Börsengang soll der Unternehmenswert auf rund drei Milliarden Dollar steigen. Das Start-up beschäftigt mehr als 600 Mitarbeiter und setzt anders als viele Konkurrenten nicht auf innerstädtisch Verbindungen, sondern auf Regionalstrecken von bis zu 250 Kilometern.

Risikokapitalgeber investieren eine Milliarde Dollar in Flugtaxi-Firmen

Firmen rund um den Globus liefern sich aktuell ein kostspieliges Rennen um das erste Flugtaxi-Angebot. Die Entwicklung der Senkrechtstarter ist teuer, ständig benötigen die Start-ups frisches Kapital. Den beiden deutschen Entwicklern Lilium und Volocopter - an dem unter anderem Daimler beteiligt ist - werden gute Chancen nachgesagt, auch wenn das Geschäftsmodell weiterhin auf große Skepsis stößt.

So kann es noch Jahre dauern, bis Drohnen als Flugtaxis eingesetzt werden, meint etwa Carsten Braun, Leiter des Forschungsprojekt Skycab, gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. Er rechnet damit, dass es bis 2030 Fluggeräte gibt, die in Einzelfällen zum Einsatz kommen. Einen breiteren Einsatz von Drohnen im Transportmodus sieht er aber erst 2035, dann vor allem im ländlichen Raum. Es seien viele Fragen zu klären.

Fotostrecke

Flugtaxi: Diese Unternehmen wetteifern um die City-Fluggeräte der Zukunft

Foto: Lilium

Doch die Hoffnung auf das Mobilitätskonzept der Zukunft lockt zumindest immer mehr Investoren an. Weltweit, so zeigt eine Studie des Lufthansa Innovation Hubs , ist im vergangenen Jahr mehr als eine Milliarde Dollar Risikokapital in Flugtaxi-Unternehmen geflossen - eine kräftige Steigerung gegenüber den Vorjahren. So steckten Wagniskapitalgeber in den Jahren 2016 bis 2019 im Schnitt nur rund 150 Millionen Dollar pro Jahr in die Lufttaxi-Start-ups. Im vergangenen Jahr war es das Achtfache – und das trotz der Corona-Krise.

Und auch immer mehr erfahrene Manager und etablierte Unternehmen entdecken das Thema für sich. So gab Lilium heute auch eine Erweiterung seines Verwaltungsrats bekannt. Sobald die Übernahme durch die Spac-Firma erfolgt ist, sollen die ehemalige Tesla-Managerin Gabrielle Toledano sowie der Ex-Airbus-Vorstand und Chef des Leasingunternehmens ILFC, Henri Courpron (57) in das Gremium aufgenommen werden. Beide verfügen über jahrzehntelange Führungserfahrung. Und geleitet wird der Verwaltungsrat immerhin von dem ehemaligen Airbus-Chef Tom Enders (62).

Auch Neeleman, der hinter der Airline Azul steckt, ist kein Unbekannter in der Branche. Der Manager hat bereits fünf Airlines gegründet, zuletzt startete er mit Breeze Airways einen neuen Billigflieger in den USA. "Wir wissen, wie man neue Märkte schafft und ausbaut, und wir sehen erneut große Marktchancen im Aufbau eines Regionaltransportnetzwerks mit dem Lilium-Jet in Brasilien", kommentiert er die neue Partnerschaft. Bleibt abzuwarten, ob er auch in diesem Fall recht behält.

mg