Dienstag, 22. Oktober 2019

Industriespionage Lanxess will Verdächtige vor Gericht bringen

Kampf gegen Industriespionage

2. Teil: Zwei Angeschuldigte, dritter Verdächtiger nicht greifbar

Laut Staatsanwaltschaft ist der Fall nicht nur wegen seiner grenzüberschreitenden Dimension von besonderem Interesse. Er sei vom Arbeitgeber auch in einem ungewöhnlichen Ausmaß dokumentiert worden, um die Aufklärung voranzutreiben. Zusätzlich zu den Beweisen, die Lanxess vorgelegt hatte, durchsuchte die Polizei auch Privaträume. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Köln gibt es neben den zwei Angeschuldigten noch einen dritten Verdächtigen, ebenfalls chinesischer Herkunft. Dieser sei aber nicht greifbar.

Die Kölner Kanzlei Birkenstock, die die beiden Angeschuldigten in dem Strafverfahren vertritt, erklärte, diese wollten sich gegenüber Reuters nicht äußern. Zu den Vorwürfen von Lanxess und der Anklage der Staatsanwaltschaft gab die Kanzlei keine Stellungnahme ab. Rechtsanwalt Martin Bücher wies aber darauf hin, dass es sich um einen hochkomplexen Sachverhalt handele und die Anklage der Staatsanwaltschaft auf "Behauptungen von Lanxess-Mitarbeitern" beruhe. Die Verteidigung zweifele die Objektivität dieser Gutachten an und werde beantragen, dass externe Sachverständige den Sachverhalt bewerten müssen.


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Laut der Mitteilung des Landesarbeitsgerichts hat der ehemalige Lanxess-Mitarbeiter in dem Verfahren um Schadenersatz erklärt, bei den von ihm weitergegebenen Informationen habe es sich nicht um Betriebsgeheimnisse gehandelt. Er habe auch keine Konkurrenztätigkeit ausgeübt und keine Fertigungsanlage in China erstellt, noch beabsichtige er dies. Die Kanzlei, die den ehemaligen Lanxess-Mitarbeiter in dem zivilrechtlichen Verfahren vertrat, wollte sich auf Reuters-Anfrage - die das Landesarbeitsgericht weitergeleitet hatte - nicht äußern.

BDI mahnt zur Vorsicht

China ist der mit Abstand größte Markt für Chemikalien. Europäische Unternehmen haben sich in den vergangenen zehn Jahren stark auf das boomende Geschäft im Land der Mitte verlassen. Allerdings wuchsen dort zuletzt in immer mehr Marktsegmenten auch starke Konkurrenten heran, etwa bei Agrarchemikalien oder Flüssigkristallen für Flachbildschirme. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) mahnt inzwischen zu mehr Vorsicht im Umgang mit China, deutsche Firmen sollten sich nicht zu abhängig vom chinesischen Markt machen, heißt es im Entwurf eines Grundsatzpapiers des BDI. Zwar gelte es, die Chancen des wirtschaftlichen Austauschs zu nutzen. "Die Risiken, vor die uns China stellt, dürfen dabei aber nicht ausgeblendet werden." 2017 erzielte Lanxess, dessen Vorstandschef Matthias Zachert Sohn des früheren Präsidenten des Bundeskriminalamts ist, 28 Prozent seines Umsatzes von knapp zehn Milliarden Euro in Asien.

Ausländische Unternehmen werfen China immer wieder Ideenklau und Industriespionage vor. Nach einer im September veröffentlichten Studie des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung ist die Chemie- und Pharmaindustrie zusammen mit dem Maschinenbau die Branche, die hierzulande am zweitstärksten von Industriespionage betroffen ist. Schlimmer trifft es nur die Elektroindustrie. BDI-Präsident Dieter Kempf warnte unlängst, insbesondere für kleine und mittelständische Unternehmen könne die Existenz auf dem Spiel stehen. Aber auch große Konzerne steckten es nicht so einfach weg, wenn Firmengeheimnisse entwendet, Produkte kopiert oder Produktionsstätten und Lieferketten sabotiert würden.

Nach Angaben des Bundesamts für Verfassungsschutz ist es wegen der engen Verflechtung von Staat und Wirtschaft in China im Einzelfall kaum möglich, zwischen staatlich betriebener Wirtschaftsspionage und Ausspähung durch konkurrierende Unternehmen zu unterscheiden. Chinesische Nachrichtendienste nutzten soziale Netzwerke wie LinkedIn für Anbahnungsoperationen im großen Stil. Angesichts der wirtschaftlichen Ambitionen Chinas dürften die Spionageaktiväten des Landes weiter zunehmen, wie aus dem im Juli veröffentlichten Verfassungsschutzbericht hervorgeht. Eine immer größere Rolle spielten dabei Cyberangriffe.

Das Beispiel Lanxess zeigt jedoch, dass Gefahren auch von den eigenen Mitarbeitern ausgehen können. Hier kam der Angriff von innen. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft erhielt der Mitarbeiter dank seines Aufstiegs bei Lanxess weitreichende Zugriffsrechte auf Betriebsdaten - ausgefeilte Technologien zum Hacken der Systeme brauchte er nicht.

Patricia Weiss und Ludwig Burger, Reuters

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