Kuka in Turbulenzen Wie die Träume der Hype-Branche Robotik platzen

Scheidender Kuka-Chef Till Reuter (im Hintergrund Nachfolger Peter Mohnen)

Scheidender Kuka-Chef Till Reuter (im Hintergrund Nachfolger Peter Mohnen)

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"Ich gehe nicht gern, ich bin traurig" - der scheidende Kuka-Chef Till Reuter macht seinen Abgang vom führenden deutschen Roboterhersteller per Interview mit der "Augsburger Allgemeinen" zur Demonstration. Am Dienstagabend lud er noch Beschäftigte zum Eishockeyspiel der Augsburger Panther, nachdem die Verkündung seines Abgangs im Werk schon zu Sympathiekundgebungen führte.

Mit der Ablösung Reuters, so scheint es, greift der chinesische Eigentümer Midea jetzt doch beherzt zu auf kostbares Know-how, den größten deutschen Hersteller von Industrierobotern - wenngleich die Firma mit Reuters Vorstandskollege Peter Mohnen als Nachfolger Kontinuität wahren will und auch versichert, der Vertrag zum Schutz des geistigen Eigentums bleibe gewahrt. Trotzdem fühlen sich diejenigen in Deutschland gestärkt, die wegen des Falls Kuka eine antichinesische Mauer fordern.

Doch es gibt noch eine andere, ganz profane Erklärung für die Ungeduld der Investoren: Kukas Geschäft läuft nicht mehr rund. Midea hat viel Geld für ein Unternehmen gezahlt, das zwar weiterhin eine starke Stellung in einer wichtigen Zukunftstechnik verspricht, aktuell aber die Gewinnmarge der Chinesen aus Old-Economy-Geschäften (Waschmaschinen und Klimaanlagen) verwässert.

Die Roboterindustrie, seit Jahren gefeiert oder gefürchtet als wichtiger Treiber der Transformation hin zu Industrie 4.0 und Internet der Dinge, schafft es nicht, die hochfliegenden Erwartungen zu erfüllen. 2018 ist ein Jahr vieler Enttäuschungen - nicht zuletzt für Kuka.

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Schon vor einem Jahr wurden 250 Stellen in der inzwischen nicht mehr ausgewiesenen Anlagenbau-Sparte Systems gestrichen, die nur auf 1 Prozent Ebit-Rendite kam. In diesem Oktober musste Reuter melden, dass Kuka insgesamt mit einem sinkenden Umsatz in diesem Jahr rechne. "Nach einer langen Wachstumsperiode" lege die Firma jetzt "einen stärkeren Fokus auf unser Effizienzprogramm". Als Gründe nannte Kuka "sowohl die Abkühlung der Konjunktur in der Automobilindustrie als auch Unwägbarkeiten des chinesischen Automatisierungsmarktes".

Die Schwäche der Autoindustrie hat im Sommer sogar die gesamte deutsche Wirtschaftsleistung ins Minus gedrückt - die Roboterhersteller als deren Zulieferer bleiben davon nicht verschont. Traditionell ist die Autoindustrie stärker automatisiert als jede andere Branche und nimmt einen Großteil der Industrieroboter ab. Erst allmählich gewinnen die Roboterbauer auch andere Abnehmer, vor allem in der Elektroindustrie.

Wie Elon-Musk Anti-Werbung für Roboter betrieb

Kuka rühmt sich, im Vergleich der "großen Vier" (neben ABB, Fanuc und Yaskawa) wenig abhängig von dieser einen Branche zu sein. Doch auch für die Augsburger macht die Autoindustrie bis heute knapp die Hälfte des Geschäfts aus.

Denkbar wäre, dass die deutschen Autobauer wegen der China-Connection besonders zurückhaltend gegenüber ihrem traditionellen Lieferanten Kuka wären. Der japanische Wettbewerber Fanuc sieht sich selbst als Marktführer - neuerdings auch in Europa. "Tatsache ist, dass die deutschen Autohersteller ihre Roboterzulieferer diversifizieren", sagte Fanuc-Chef Yoshiharu Inaba im August der "Börsen-Zeitung".

Doch auch Fanuc nennt die Marktsituation "herausfordernd und insgesamt unvorhersehbar" und bereitet die Anleger auf einen Rückgang der Nachfrage im laufenden Geschäftsjahr vor.

Besondere Furore machte Tesla-Chef Elon Musk - zuerst als ausgesprochener Roboterenthusiast, der die Automatisierung auf die Spitze trieb, Ende 2017 für die "Produktionshölle" des neuen Model 3 hunderte Roboter von Fanuc und Kuka bestellte und entgegen der Branchenpraxis sogar die Endmontage robotisieren ließ; in diesem Frühjahr folgte jedoch die große Ernüchterung. Plötzlich räumte Musk ein, zu viele Roboter seien die Ursache der Qualitätsprobleme - mehr menschliche Arbeit wurde als Lösung präsentiert; nicht die beste Werbung für die Automaten.

Leichtere, flexiblere und billigere Roboter, die mit Menschen zusammenarbeiten statt sie zu ersetzen, werden seit Jahren als das nächste große Ding gepriesen. Als Pionier dieser Cobots gilt die 2011 gestartete US-Firma Rethink Robotics - doch die hat in diesem Oktober aufgegeben. Es fehlte der kommerzielle Erfolg.

Andere Startups, angeführt von der dänischen Firma Universal Robots, setzen das Konzept zwar erfolgreich um und gewinnen so auch mittelständische Kunden aus mehreren Industriebranchen für die Robotik. Doch mit rasantem Wachstum kommen die (inzwischen von einem US-Investor gekauften) Dänen auch erst auf 150 Millionen Euro Jahresumsatz - ein Schatten der Milliardengeschäfte der "großen Vier", die auch alle ihre Palette um Cobots und Leichtbau erweitert haben.

Die großen - und teils leeren - Versprechen der Chinesen

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Mit einem anderen Aushängeschild der Branche, Boston Dynamics, verlor selbst der für langfristig orientierte "Moonshots" bekannte Google-Mutterkonzern Alphabet schon 2017 nach fünf Jahren die Geduld. Der Hersteller der aus mehreren spektakulären Videos bekannten tierähnlichen Maschinen, für den leider kein tragfähiges Geschäftsmodell absehbar ist, wurde an den japanischen Softbank-Konzern abgegeben, der noch weniger Wert auf Kostenkontrolle  legt.

Der Branchenverband IFR schätzt in seinem im Oktober erschienenen "World Robotics Report" , dass sich das weltweite Wachstum des Markts für Industrieroboter von plus 30 Prozent 2017 in diesem Jahr auf plus 10 Prozent verlangsamt.

Wichtigster Hoffnungsträger: China. Noch immer kommt in China nur ein Roboter auf 1000 Industriebeschäftigte - in den USA sind es zwei, in Deutschland und Japan drei, im Roboter-Musterland Südkorea sieben. Doch die entwickelten Märkte zeigen sich schon teilweise gesättigt, die Chinesen hingegen haben Nachholbedarf - auch weil Arbeitskräfte nicht mehr ganz so billig sind.

Allerdings hält auch diese China-Story nicht immer, was sie verspricht. Im Juni kündigte Foxconn-Chef Terry Gou auf der Hauptversammlung in Taiwan an, der Auftragsfertiger für Apple und Co. - größter Industriearbeitgeber der Welt - werde in fünf bis zehn Jahren 80 Prozent seiner Jobs durch Roboter ersetzen.

Kennern der Szene kommen diese Worte jedoch bekannt vor: Gou hat dergleichen schon oft verkündet. 2011 wollte er innerhalb von drei Jahren eine Million Arbeiter durch ebenso viele Roboter ersetzen. Seitdem wurden immer wieder Fortschritte und Rückschläge bei der Entwicklung der konzerneigenen "Foxbots" gemeldet, die jetzt immerhin zu Zehntausenden im Einsatz sein sollen.

Midea zahlt noch Milliarden auf den Kuka-Kaufpreis obendrauf

Ebenfalls im Juni ging die Tochterfirma Foxconn Industrial Internet in Shanghai an die Börse - seinerzeit der größte auf dem chinesischen Festland notierte Tech-Wert mit einer Marktkapitalisierung von 60 Milliarden Euro. Davon ist inzwischen aber die Hälfte weg. Und auch dort tragen Roboter nur einen kleinen Teil zum Geschäft bei, über das ohnehin kaum Zahlen verfügbar sind.

Chinas nachlassende Konjunktur, die Gefahr eines Handelskriegs mit den USA und der zunehmende Argwohn der staatlichen Stellen gegenüber Konzernen, die allzu großzügig investieren, werfen weitere Fragezeichen auf.

Trotzdem verspricht kein Markt so viel Wachstum für die Branche wie der chinesische. Kukas Schweizer Wettbewerber ABB hat dort langjährigen Vorsprung, schon einige Milliarden investiert, die komplette Wertschöpfungskette vor Ort, und kann weiterhin starke Geschäftszahlen melden. Vor dem Kuka-Deal hatte sich bereits der japanische Hersteller Yaskawa mit Midea zusammengetan.

Der Deal mit Midea, so bewarb ihn damals auch Reuter, soll der Zukunftsfirma den Zukunftsmarkt öffnen. Im März wurden drei Gemeinschaftsunternehmen gegründet, um mit Milliardeninvestitionen einen Roboterpark an deren Firmensitz im südchinesischen Shunde zu bauen. Noch in diesem Jahr wollten die Partner nach bisherigen Angaben Eröffnung feiern. Das meiste Geld kommt von Midea. Kukas Bilanz floss über das konsolidierte Joint-Venture "Barvermögen in dreistelliger Millionenhöhe" zu.

Bis zum Jahr 2024 ist eine Kapazität von 75.000 Einheiten pro Jahr geplant. Im gleichen Zeitraum fordert ein staatlicher Plan eine "Made in China"-Quote für Roboter von 75 Prozent. Unter chinesischem Etikett könnte Kuka also ganz groß rauskommen - vorausgesetzt, es gelingt mit Mideas Hilfe bis dahin auch, chinesische Aufträge anzuwerben. Das lief bisher eher mau.