Freitag, 6. Dezember 2019

Spitzenforscher zu deutschen KI-Chancen "Dass die Chinesen uns überholt haben, ist reine Folklore"

Virtueller Moderator: Dieser Nachrichtensprecher aus China imitiert Gestik, Mimik und Stimmlage von "lebenden" Moderatoren und lernt per KI stetig dazu.
YouTube/ Xinhua/ New China TV
Virtueller Moderator: Dieser Nachrichtensprecher aus China imitiert Gestik, Mimik und Stimmlage von "lebenden" Moderatoren und lernt per KI stetig dazu.

2. Teil: Wo China angreift ...

Sie sprachen eben den KI-Expertenmangel an deutschen Universitäten an. Aber findet nicht viel Forschung mittlerweile ohnehin längst in den Unternehmen statt - bei Firmen wie Google, Alibaba, Deepmind - oder auch in der deutschen Industrie? Wo sich Wissenschaftler, die zudem besser bezahlt werden, mit deutlich weniger Bürokratie herumschlagen müssen?

Tatsächlich sind in der Industrieforschung interne Forschungsanträge oft nur drei Seiten lang. Und auch die Entscheidung, ob ein Projekt realisiert wird, wird in der Regel deutlich schneller als bei öffentlicher Forschungsförderung getroffen. Allerdings wird dort auch nur begrenzt reine Grundlagenforschung betrieben. Und manchmal werden aus unternehmerischen Gründen Labore auch einfach geschlossen. Schließlich müssen die Unternehmen Geld verdienen.

Damit liegen viele gesellschaftliche oder den einzelnen Bürger dringende Probleme, die mit KI gelöst werden können, außerhalb der Forschungsagenden der Industrie. Es kommt letztlich auf eine gute Vernetzung und Durchlässigkeit zwischen öffentlicher Forschung und industrieller Forschung an, die gerade in Deutschland traditionell besser läuft als in den meisten anderen Ländern.

Der Wissenschaftsverlag Elsevier hat gerade eine Studie herausgebracht, derzufolge China gerade dabei ist, Deutschland nach den industriellen Anwendungen auch in der Forschung zu überholen. Ist das eine Beobachtung, die sie teilen - und die Ihnen Sorgen bereitet?

Diese Beobachtung, dass China gerade versucht, an Europa bei der Zahl der Veröffentlichungen im Bereich der KI vorbeizuziehen, ist richtig. Noch führt Europa aber mit 28% vor China (25%) und den USA (17%). Das hat gerade der neuste AI Index gezeigt, der von amerikanischen Spitzenforschern ermittelt wurde. Aber wenn man sich die Qualität der Publikationen aus China ansieht, sind das bislang keine großen Durchbruchsinnovationen, sondern oft nur inkrementelle Verbesserungen von Ideen aus Europa oder Amerika. Schaut man sich an, wer von der weltweiten Association for the Advancement of Artificial Intelligence (AAAI) als Fellow den Ritterschlag zum KI-Pionier erhalten hat, sieht das Bild ganz anders aus: Da sind wir Europäer noch klar in der Überzahl gegenüber China.

Das heißt, dass China gerade zur KI-Großmacht wird, ist Ihrer Ansicht nach nichts als eine Legende?

Nein, die Anstrengungen Chinas sind sehr ernst zu nehmen. Bei den industriellen KI-Anwendungen auf digitalen Kundenplattformen haben China und die USA - auch aufgrund der schieren Größe ihres digitalen Binnenmarktes - mittlerweile einen fast uneinholbaren Vorsprung - vor allem im Onlinehandel, in der Werbung und bei den sozialen Medien. Dabei haben sich die Chinesen vor allem auf das Maschinelle Lernen für das automatische Erkennen von Mustern und statistischen Zusammenhängen gestürzt. Das ist aber nur ein kleiner Teilbereich der KI. Und viel dabei ist auch reines Marketing und heiße Luft selbsternannter KI-Experten.

Unsere deutsche Stärke liegt eher im Internet der Dinge - bei der Einbettung von Künstlicher Intelligenz in konkrete Produkte - vom Trumpf-Laserschweißer, der Miele-Spülmaschine über den Claas-Mähdrescher bis hin zur Siemens-Medizintechnik und autonomen Fahrzeugen. Das klingt vielleicht banal, aber in all diesen Exportschlagern wird künftig immer mehr Künstliche Intelligenz drin sein, da wird mit Sprachdialogsystemen, maschinellem Lernen, automatischer Aktionsplanung und Bildanalyse gearbeitet. In den Medien ist aber immer nur von Google und Facebook die Rede, weil die jeder kennt.

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