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Multiaufsichtsrat Karl-Ludwig Kley "Gas erst bei den Privaten abschalten, dann bei der Industrie"

Karl-Ludwig Kley ist der wichtigste deutsche Aufsichtsrat. Von der Politik fordert er im Fall eines Gasmangels Vorrang für die Unternehmen. Ein Gespräch über die Folgen des Krieges für die Industrie, falsche Moral im Handel und das Risiko China.
Das Interview führte Martin Noé
aus manager magazin 5/2022
Mr. Deutschland AG: Karl-Ludwig Kley

Mr. Deutschland AG: Karl-Ludwig Kley

Foto: Emanuele Camerini für manager magazin

Niemand in der deutschen Wirtschaft ist besser vernetzt oder war auf mehr wirtschaftlichen Feldern unterwegs als Karl-Ludwig Kley (70). Der promovierte Jurist managte fast zwei Jahrzehnte für Bayer, bevor er als Finanzvorstand zur Lufthansa ging. Von dort wechselte er zum Darmstädter Pharma- und Chemiekonzern Merck und baute als CEO mit spektakulären Übernahmen die heute wichtigste Sparte auf: Life-Science. Als Aufsichtsrat war Kley zwischenzeitlich für Verizon, BMW und Bertelsmann tätig. Heute führt er die Kontrollgremien von Lufthansa und Eon. Lange Jahre stand der Manager den Baden-Badener Unternehmergesprächen vor, dem wichtigsten deutschen Wirtschaftsnetzwerk.  Kley wohnt mit seiner Frau in Köln.

Kleys Problemzonen I: Die Lufthansa ist auf offene Grenzen angewiesen, etwa zu China

Kleys Problemzonen I: Die Lufthansa ist auf offene Grenzen angewiesen, etwa zu China

Foto: Xie Hao / picture alliance / dpa

manager magazin: Herr Kley, der frühe Morgen des 24. Februar, als Russlands Truppen die Ukraine überfielen, wird wohl eine ähnliche historische Bedeutung bekommen wie der Mauerfall am 9. November 1989 und der Angriff auf die Zwillingstürme am 11. September 2001. Wissen Sie noch, was Sie dachten?

Karl-Ludwig Kley: Ich war nicht wirklich überrascht, weil die Amerikaner in den Tagen zuvor doch sehr konkret gewarnt hatten. Ich war aber erschüttert, ja sogar geradezu verzweifelt darüber, dass die Menschheit so begrenzt lernfähig ist und wieder einmal ein so fürchterlicher Krieg losgetreten wurde.

Mit diesem Tag sind alle Träume vom Sieg der freiheitlichen westlichen Ideologie beerdigt worden, den der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama in seinem viel zitierten Werk "Das Ende der Geschichte" 1992 vorhergesagt hatte. Warum haben sich Politik und Wirtschaft so lange der Illusion hingegeben, dass der Frieden in Europa zu westlichen Bedingungen ein ewiger sein würde?

Als ich das Buch von Fukuyama vor vielen Jahren las, hielt ich seine Schlussfolgerungen für abwegig. Vielleicht liegt das daran, dass ich lange Zeit in anderen Kulturkreisen gelebt habe oder beruflich oft an Orten war, wo die Sicht auf Individuum und Gesellschaft eine völlig andere ist als bei uns. Trotzdem stelle auch ich mir natürlich die Frage, warum wir diese Entwicklung falsch eingeschätzt haben.

Und: Wie lautet die Antwort?

Wir alle waren zu naiv. Und es war ja auch bequem, naiv zu sein.

Die Ukrainer haben Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier neulich ausgeladen; Angela Merkel soll sich, so fordern viele auch in der CDU, entschuldigen, dass sie versucht hat, enge politische und wirtschaftliche Kontakte zu Putin aufrechtzuerhalten. Haben Sie Verständnis für diese Reaktionen?

Beide haben mit Sicherheit nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt, auch wenn sich jetzt einiges als falsch herausgestellt hat. Aber noch einmal: Wir haben kollektiv als Gesellschaft geirrt. Auch der überwiegende Teil der Medien. Was hätten Sie denn geschrieben, wenn die Bundesregierung den Verteidigungsetat vor einem Jahr in dem Maße erhöht hätte wie jetzt?

Die allermeisten Medien hätten das wohl kritisiert. Trotzdem: Der russische Schriftsteller Viktor Jerofejew schreibt schon 2004 in seinem Buch "Der gute Stalin", dass Putin ein totalitärer Machthaber sei. Hätte man nicht spätestens nach Putins Krim-Annexion auf das Pipelineprojekt Nord Stream2 verzichten müssen?

Ja, das ist wohl so. Wenn ich jetzt, zugegeben erst zwei Jahre nach dem Erscheinen, ein Buch wie "Putin's People" von Catherine Belton lese oder "Mr. Putin" von Fiona Hill und Clifford Gaddy aus dem Jahr 2015, ist es erschreckend, was für eine Welt sich mir da auftut. Auch wie sich Russland in den vergangenen 15 Jahren bei uns im Westen eingekauft hat. Oftmals mit willfähriger Hilfe von Verantwortungsträgern in Politik, Finanzwirtschaft und großen Kanzleien.

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