Dienstag, 23. April 2019

Trubel um Verkauf von Ex-Siemens-Firma Wie der Industriestratege Joe Kaeser sich selbst hereinlegte

Protest von Infinera-Arbeitern in Berlin

Siemensstadt 2.0 heißt Joe Kaesers großer Plan für Berlin. Schon im März soll ein erster "Mini-Campus" eröffnen, aus dem Siemens im nächsten Jahrzehnt eine deutsche Antwort auf das Silicon Valley formen will: Der "Innovationscampus" soll Forschung und Industrie für die wichtigsten Zukunftstechnologien vernetzen, ausgestattet mit eigenem, superschnellem 5G-Netz und günstigem Wohnraum. Das Projekt wird gefeiert als größte Investition in der Geschichte von Siemens an seinem historischen Stammsitz.

Das Bild vom visionär-strategischen Plan wird gerade aber konterkariert: Die Siemensstadt droht ein mögliches Aushängeschild zu verlieren - ein Unternehmen, das längst dort ansässig ist und eines der wenigen deutschen Kompetenzzentren für die Zukunftstechnik 5G hätte bilden können. Und dieser Verlust hat auch mit früheren Entscheidungen von Siemens-Chef Kaeser (61) zu tun.

Die US-Firma Infinera kündigte Ende Januar überraschend an, das Werk des gerade erst übernommenen deutschen Glasfaserspezialisten Coriant in diesem Jahr zu schließen. Jetzt ist die Bundesregierung alarmiert - und erwägt sogar, die Übernahme nachträglich zu untersagen. An diesem Mittwoch war das weitere Vorgehen Thema im Wirtschaftsausschuss des Bundestags.

"Die Bundesregierung prüft derzeit, ob der Erwerb einer entsprechenden Meldepflicht unterliegt und ob eine sektorübergreifende Prüfung angezeigt ist", heißt es in der Antwort auf eine parlamentarische Anfrage des Linken-Abgeordneten Pascal Meiser.

Ein solcher Schritt wäre ein drastischer Eingriff - Infinera hatte im Oktober verkündet, der Kauf von Coriant sei abgeschlossen. Trotzdem könnte der Kaufvertrag noch im Nachhinein für unwirksam erklärt werden. Möglich wäre das Veto aus Berlin nach der kürzlich verschärften Außenwirtschaftsverordnung - Teil der auch von Joe Kaeser forcierten aktiveren Industriepolitik.


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Denn es geht um weit mehr als 400 Jobs und die Empörung darüber, "dass die Amerikaner den Standort dichtmachen und die Patente mitnehmen", wie es Klaus Abel ausdrückt, der für den IG-Metall-Vorstand die Industriestrategie entwickelt.

Die Gewerkschaft - wieder mal "Avantgarde der Transformation" - hat den Bund darauf gestoßen, dass Infinera den letzten großen Produktionsstandort der für 5G-Netze wichtigen Glasfasertechnik auflöse, der auch deutsche Sicherheitsbehörden und die Bundeswehr ausrüstet. "Dann wäre man ja völlig von Huawei abhängig", sagt Abel mit Blick auf den chinesischen Weltmarktführer, gegenüber dem die deutsche Politik noch um eine Position ringt.

"Auch Siemens ist als großer deutscher Industriekonzern gefordert, damit man die Technologie in Deutschland hält", findet der Gewerkschafter. Die aktuellen Sorgen um geeignete Lieferanten der für Industrie 4.0, Internet der Dinge oder autonomes Fahren essenziellen Datenübertragungstechnik hätte sich Siemens sparen können, wenn der Konzern (1847 in Berlin als Telegraphen Bau-Anstalt von Siemens & Halske gegründet) seine Wurzeln in der Telekommunikationstechnik nicht gekappt hätte.

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