Montag, 20. Mai 2019

Trubel um Verkauf von Ex-Siemens-Firma Wie der Industriestratege Joe Kaeser sich selbst hereinlegte

Protest von Infinera-Arbeitern in Berlin

2. Teil: Was Joe Kaeser mit dem digitalen Abbau in Berlin zu tun hat

Auch das jetzt zur Disposition stehende Infinera-Werk in der Siemensstadt ist ein Zerfallsprodukt von Siemens. Coriant entstand erst 2013, als das damalige Joint-Venture Nokia Siemens Networks (NSN) seine Glasfasersparte an den Finanzinvestor Marlin Equity Partners verkaufte. Zu dieser Zeit griff Joe Kaeser als Siemens-Vertreter im NSN-Aufsichtsrat stärker durch, nachdem die - ebenfalls in Kaesers Verantwortung als Strategiechef beziehungsweise Finanzvorstand entstandene - Gemeinschaftsfirma lange den finnischen Partnern überlassen wurde.

Kurz darauf zog Siemens sich ganz aus NSN zurück, der 50-Prozent-Anteil ging für 1,7 Milliarden Euro an Nokia. Aus heutiger Sicht erscheint der Preis niedrig - Nokia hat seinen Börsenwert als wichtigster Huawei-Rivale (um den Netzwerkausrüster Alcatel verstärkt und um das Handygeschäft erleichtert) seither auf über 30 Milliarden Euro verdreifacht. Damals jedoch konnte Finanzvorstand Kaeser triumphieren, "wir treiben die Fokussierung auf unser Kerngeschäft konsequent voran". Die erfolgreiche Trennung vom langjährigen Verlustbringer war der letzte Schritt vor seiner Krönung zum Konzernchef.

Zuvor jedoch musste sich NSN seinerseits auf das Kerngeschäft mobiles Breitband konzentrieren - für Glasfasertechnik hatte man in den damals entstehenden 4G-Netzen kaum Verwendung, das galt als langweilige und zu teure Festnetz-Infrastruktur. Für die 5G-Zukunft ist das anders. Die exponentiell steigenden Anforderungen an die Netzknoten machen stabile und leistungsfähige Leitungen für den Backhaul der Daten vielerorts nötig.

Marlin Equity sah seinerzeit schon für Coriant einen strategischen Nutzen in der mobilen Technik, vergrößerte das Unternehmen mit Zukäufen und gab es 2018 schließlich an Infinera weiter. Die Amerikaner freuten sich über "mehr als 1600 Patente" (ein Vielfaches der eigenen) und den nun errungenen Status als "einer der weltgrößten Ausrüster für optische Netzwerke" - nur die Produktion in Deutschland brauchen sie dafür nicht mehr unbedingt. Das können Auftragsfertiger in Thailand übernehmen.

Gegen Kritik hat sich Joe Kaeser gewappnet, indem er die Folgen seiner eigenen Entscheidungen selbst schon bedauerte. Die Siemens-Telekommunikationssparte "war einmal Weltmarktführer", sagte er dem SPIEGEL 2017, habe aber in ihrem Hochmut den technologischen Wandel verschlafen. "So etwas darf nie wieder passieren."

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