Trotz drohender Rezession Industrie hat so viele offene Aufträge wie noch nie

Fehlende Vorprodukte lassen den Berg an offenen Aufträgen in der deutschen Industrie weiter wachsen. Vor der sich abzeichnenden Rezession dürfte das Polster die Betriebe jedoch nicht schützen.
Gefragte Fachkräfte: Der Auftragsbestand des Verarbeitenden Gewerbes erreicht einen neuen Höchststand

Gefragte Fachkräfte: Der Auftragsbestand des Verarbeitenden Gewerbes erreicht einen neuen Höchststand

Foto: Rupert Oberhäuser / IMAGO

Trotz der sich abzeichnenden Rezession sind die Auftragsbücher der deutschen Industriebetriebe so prall gefüllt wie noch nie. Der Bestand an Bestellungen sei im Juli um 0,7 Prozent zum Vormonat gewachsen, wie das Statistische Bundesamt am Montag mitteilte. Im Vergleich zum Vorjahresmonat gab es einen Zuwachs von 12,6 Prozent. "Damit hat der Auftragsbestand des Verarbeitenden Gewerbes einen neuen Höchststand seit Beginn der Erfassung im Jahr 2015 erreicht", wie die Statistiker betonten, die auch einen Grund für den Auftragsstau nannten: "Neben hohen Energiekosten für die Industriebetriebe führt die anhaltende Knappheit an Vorprodukten nach wie vor zu Problemen beim Abarbeiten der Aufträge", hieß es.

Ob das dicke Polster die heraufziehende Rezession in Deutschland abmildern kann, halten Experten zumindest für fraglich. "Es stellt sich natürlich die Frage, ob der Kunde am Ende überhaupt noch zahlungsfähig und -willig ist", sagte LBBW-Ökonom Jens-Oliver Niklasch angesichts der von steigenden Energiepreisen ausgelösten Kostenexplosion für viele Unternehmen. Bislang gebe es zwar noch wenig Hinweise über Stornierungen in der Industrie, dafür aber im Wohnungsbau: Im August waren 11,6 Prozent der befragten Bauunternehmen davon betroffen, wie das Münchner Ifo-Institut meldete.

Abschwung führt jetzt schon zu weniger Neuaufträgen

Immobilien seien den Entwicklern in den vergangenen Jahren förmlich aus den Händen gerissen worden, sagte LBBW-Experte Niklasch. "Es ist daher keineswegs sicher, ob das dicke Auftragspolster die Industrie auch tatsächlich gegen Blessuren in der sich abzeichnenden Rezession schützt", warnte der Ökonom. "Schon jetzt macht sich der Abschwung in sinkenden Neuaufträgen bemerkbar."

Maschinen- und Autobauer verzeichnen größten Auftragsstau

Die offenen Aufträge aus dem Inland erhöhten sich im Juli um 0,3 Prozent zum Vormonat, die aus dem Ausland um 0,8 Prozent. Besonders bei den Herstellern von Investitionsgütern wie Maschinen, Anlagen und Fahrzeuge stapelten sich die Bestellungen: Hier gab es ein Plus von 0,7 Prozent. Die Reichweite des Auftragsbestands stagnierte den Angaben zufolge bei acht Monaten. So viele Monate müssten die Betriebe bei gleichbleibendem Umsatz ohne neue Auftragseingänge theoretisch produzieren, um die vorhandenen Aufträge abzuarbeiten. Bei den Herstellern von Investitionsgütern ist die Reichweite mit 11,9 Monaten überdurchschnittlich hoch.

dri/Reuters
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