Sonntag, 26. Januar 2020

Solvay-Chefin Ilham Kadri Diese Frau sammelt Europas CEOs zu einer Sozialbewegung

Ilham Kadri

Es gibt Momente, in denen Ilham Kadri ein wenig klingt wie Greta Thunberg. "Wir sind die letzte Generation, die den Luxus hat, eine Wahl zu treffen", sagte die 50-Jährige auf großer Bühne in Brüssel. "Treffen wir diese Wahl für unsere Kinder." Wenn alle Menschen den Ressourcenverbrauch des Westens hätten, dann "bräuchten wir zwei bis vier Erden". Die dramatischen Worte im Mai dienten einem "Mobilisierungsappell": "Wir sind nie genug, unsere Vielzahl macht uns stark."

Doch Kadri ist keine Aktivistin, jedenfalls nicht hauptsächlich. Seit März führt die gebürtige Marokkanerin den belgischen Chemiekonzern Solvay. Die Personalie wurde mit dem "Kulturwandel" des Global Players begründet, der sich von Massenprodukten wie PVC, Nylon oder Zigarettenfiltern verabschiedet und sich profitablerer Spezialchemie für Kunden von Apple bis Airbus zuwendet. Kadris Vision allerdings geht weit darüber hinaus. Sie werde "verblüffen", versprach sie zum Antritt.

Ihr Appell fand Gehör. An diesem Donnerstag übergibt die Initiative CSR Europe den von Kadri angestoßenen Aufruf für einen "New Deal für Europa" an die Präsidenten der EU-Institutionen: Kommission (Ursula von der Leyen), Rat (Charles Michel) und Parlament (David Maria Sassoli).

Fast 400 Topmanager haben unterschrieben, laut CSR-Europe-Generalsekretär Stefan Crets ist es "die größte Gruppe von CEOs, die jemals gemeinsam in Europa mobilisiert wurde". Patrick Pouyanné vom Ölkonzern Total ist dabei und Ana Patrícia Botin, die Matriarchin der Bank Santander. Aus Deutschland finden sich vergleichsweise wenige Namen, aber immerhin Hochkaräter wie Jennifer Morgan und Christian Klein (SAP), Martin Brudermüller (BASF), Johannes Teyssen (Eon) oder Rolf Martin Schmitz (RWE).

Allzu kontrovers ist das Schreiben bei dieser Breite naturgemäß nicht. Bei der EU dürfte die Chef-Bewegung offene Türen einrennen; in der kommenden Woche will von der Leyen ohnehin ihren eigenen Plan für einen "European Green Deal" vorstellen, und sie muss auch keine konkreten Forderungen von Kadris Seite beantworten. "WIR müssen verantwortlichere Wachstumsmodelle entwickeln", richtet Kadri die zentrale Aufforderung an sich und ihre Managerkollegen.

Umso ambitionierter ist dafür das Themenspektrum des Appells. Neben dem Klimaschutz will er Nachhaltigkeit ganz allgemein befördern, Kreislaufwirtschaft und sozialen Zusammenhalt. Ilham Kadri nennt auch die wirtschaftliche Ungleichheit, den Vertrauensverlust der Bürger in Institutionen wie Unternehmen und den zunehmenden Nationalismus als Motivation für ihren Aufruf.

Sie wolle eine positive Leitidee für Europa, die von Unternehmern, Politikern und Zivilgesellschaft gemeinsam verfolgt werden könne. Kaum jemand sprüht heute noch so vor EU-Begeisterung wie Kadri, die in bescheidenen Verhältnissen in Casablanca aufwuchs, Europa erstmals nach ihrem Schulabschluss betrat und einen Großteil ihrer Berufskarriere in Nahost oder Nordamerika verbrachte.

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