Holzpreisboom und Holzknappheit "Holzexport über den Atlantik - das kann auf Dauer nicht gut gehen"

Holz gilt derzeit als heißeste Ware auf dem Rohstoffmarkt. Preissprünge und Verknappung sorgen für Verunsicherung. Holzfachmann Peter Aicher erklärt, wie teuer Holzhäuser werden, wie Borkenkäferholz die Lage entspannen kann - und welche Chancen der Baustoff bietet.
Teures Holz: Sägewerke arbeiten derzeit an der Kapazitätsgrenze

Teures Holz: Sägewerke arbeiten derzeit an der Kapazitätsgrenze

Foto: Jochen Tack / imago images

manager magazin: Herr Aicher, Holz ist in diesem Jahr so teuer wie nie. Betriebe beklagen Preissteigerungen um mehr als 30 Prozent. Was ist da los?

Peter Aicher: Zunächst hatten wir in Deutschland einen Überschuss an Holz mit Borkenkäferbefall. Von diesem sogenanntem Kalamitätsholz wurde viel exportiert, etwa nach China, und der Frischeinschlag wurde gedrosselt. Aufgrund des Forstschäden-Ausgleichsgesetzes darf derzeit nur noch 85 Prozent der üblichen Menge geerntet werden. Das war zum Zeitpunkt des Erlasses sinnvoll, verschärft allerdings heute die Situation. Denn nun sind die Corona-Pandemie, Waldbrände in den USA und Streitigkeiten im Welthandel, vor allem zwischen Kanada und den USA, dazugekommen. In der Folge haben sich die USA an Deutschland, Europas größten Holzproduzenten, gewendet, sodass auch viel deutsches Holz in die USA exportiert wird. Mit dem steigenden Weltmarktpreis ist auch bei uns der Holzpreis in die Höhe gegangen.

Geht Deutschland jetzt das Holz aus?

Peter Aicher: Nein, Holz gibt es in ausreichender Menge. Im Wald sind die Vorräte da. Allerdings arbeiten die Sägewerke derzeit an der Kapazitätsgrenze, das zieht längere Lieferzeiten nach sich. Wir bewegen uns gerade in einem Spannungsfeld zwischen erhöhter Nachfrage aus dem In- und Ausland. Und es ist nicht nur Holz allein – alle Baustoffe zeigen eine ähnliche Preisentwicklung.

Aber Bäume wachsen doch über Jahrzehnte. Kann der Bedarf für den zunehmenden Holzbau rasch genug nachwachsen?

Allein hier in Bayern wächst in einer Sekunde ein Kubikmeter Holz nach. Das Holz, das in ganz Deutschland nachwächst, wird auch im Zeitalter der Dekarbonisierung noch leicht ausreichen. Schon vor mehr als 300 Jahren hat Hans Carl von Carlowitz das Nachhaltigkeitsprinzip erdacht. Das hat dazu beigetragen, dass wir heute in Deutschland Holz in ausreichendem Maße zur Verfügung haben.

Stichwort Nachhaltigkeit: Ist es klimafreundlich, Holz über den Atlantik zu schiffen?

Für die Exporte muss das Holz behandelt werden, es wird begast und transportiert – das hinterlässt einen schlechten CO2-Abdruck und macht das Holz teurer. Das kann auf Dauer nicht gut gehen. Holz hat ja gerade die Eigenschaft, CO2 aus der Atmosphäre aufzunehmen und daraus den Kohlenstoff zu speichern. Dieses Prinzip wird konterkariert, wenn das Holz so weit transportiert wird. Es sollte auf kurzen Wegen dort verarbeitet werden, wo es wächst.

Sollten die Exporte also verringert werden?

Nach geltendem EU-Recht haben wir freien Handel für Holz. Ich denke nicht, dass wir da eingreifen können. Wer auf dem Weltmarkt mehr bekommt als auf dem heimischen Markt, kann und wird auch weiterhin exportieren.

Manche Ihrer Zunftkollegen warnen vor Kurzarbeit, weil ihnen das Holz fehlt. Erwarten Sie Pleiten von Zimmereien?

Das kann durchaus passieren. Für uns Holzbauunternehmen ist es im Augenblick schwer zu kalkulieren. Denn wer vor den Marktschwankungen einen Vertrag geschlossen hat, steht nun vor dem Problem, dass er das Holz zum höheren Preis einkaufen muss. Dieses Delta kann unter Umständen nachverhandelt werden. Teilweise gibt es auch Vereinbarungen, nach denen höhere Rohstoffpreise an den Kunden weitergegeben werden können. In meiner Firma haben wir solche Klauseln nicht – wir führen bilaterale Gespräche mit den Kunden und versuchen, uns anzunähern. Durch Forschung und Entwicklung haben wir den Holzbau massiv nach vorne gebracht. Wir haben gute Arbeitsplätze, haben digitalisiert, wir sind zukunftsfähig – wir haben den Baustoff des neuen Jahrtausends. Dadurch haben wir eine gute Auftragslage.

Welche Lösungen schlagen Sie vor, um die Verfügbarkeit zu verbessern?

Borkenkäferholz kann wie herkömmliches Bauholz verwendet werden, was seine Tragfähigkeit betrifft, da der Borkenkäfer nicht in das Holz eindringt. Daher sollte das Kalamitätsholz in Nassholzlagern gelagert anstatt notverkauft werden. So könnten Preise und Verfügbarkeit stabil gehalten werden. Mit derartigen Maßnahmen wollen und müssen wir die regionale Rohstoffversorgung stärken und festigen. Zum Bauen werden im Übrigen nur etwa 40 Prozent des produzierten Holzes genutzt. Der weitaus größere Teil wird beispielsweise für Toilettenpapier oder Verpackungen genutzt oder einer thermischen oder anderer Nutzung zugeführt. Wir sind der Auffassung, dass Holz in erster Linie stofflich genutzt werden sollte – und da haben wir noch gewaltiges Potenzial. Auch sollten Hamsterkäufe unterlassen und Holz mit Augenmaß bestellt werden, um die Marktlage nicht weiter zu verschärfen.

Wird der Preisboom weitergehen?

Marktschwankungen hat es immer gegeben, ob beim Holz oder Stahl. Die preisliche Situation wird sich voraussichtlich beruhigen. Weltpolitisch ist zu erwarten, dass sich die Spannungen zwischen Kanada und den USA eher lösen werden und sich die Handelssituation stabilisiert. Langfristig wird erwartet, dass sich Holz um etwa 10 Prozent verteuert. Diese Preissteigerung ist verkraftbar.

Wie viel teurer wird dann ein Holzhaus für den Kunden?

Rechnen wir ein Beispiel: Ich will ein Haus mit 50 Kubikmetern Holz bauen. Wenn nun die Materialkosten beispielsweise von 500 Euro auf 750 Euro pro Kubikmeter ansteigen würden, kostet das Holz statt 25.000 Euro nun 37.500 Euro. Wenn ich in unserer Region ein Haus mit Keller baue, kostet das insgesamt etwa 500.000 Euro – da ist die Preissteigerung beim Material Holz verhältnismäßig weniger dramatisch. Das ist meiner Meinung nach machbar, ohne dass es für den Kunden zu teuer wird auch im Hinblick und Vergleich mit anderen Baustoffen. Wichtig ist immer der ressourceneffiziente Umgang. Das Ziel ist, mit möglichst wenig Holz möglichst viele Gebäude zu errichten. Eine dieser modernen Baumethoden ist der Holzrahmenbau, womit ein Haus weniger Holz benötigt.

Was kann die Politik tun?

Die Politik muss dem Klimawandel entgegentreten, Holzbau ist dabei ein entscheidender Faktor. Holzbau ist die Zukunft und sollte gleichberechtigt zu anderen Bauweisen werden. Dass alle in der Wertschöpfungskette ihren fairen Teil verdienen, das muss der Markt lösen – nicht die Politik.

Und die Forstbesitzer, was müssen die verändern?

Die Biodiversität steht im Fokus. Schon Ende der 80er Jahre wurde begonnen, nicht mehr allein auf Fichtenhölzer – das Haupteinfallstor für Borkenkäfer – zu setzen. Wir werden in den nächsten 15 Jahren verstärkt auf Mischwälder und Pfahlwurzler wie Tanne, Douglasie, Lärche und Buchen setzen. Einen guten Überblick über das aktuell verfügbare Holzaufkommen gibt eine von Professor Hubert Röder erstellte Zusammenfassung auf Basis von Daten der FAO (Food and Agriculture Organization ) und des Thünen-Instituts. Sie weist nach, dass wir genügend Rundholzaufkommen bis über das Jahr 2050 hinaus haben. Das ist wichtig zu wissen, weil das Bauen mit Holz einen entscheidenden Beitrag zum Klimaschutz leistet. In dieser Zusammenfassung werden verschiedene Szenarien durchgespielt, wonach der Holzeinschlag sogar aktuell um 57 Prozent höher liegen könnte als heute.

Wohin geht der Trend des Holzbaus in Deutschland?

In Deutschland verbauen wir Holz unbehandelt. Wir nutzen nur konstruktiven, keinen chemischen Holzschutz, dadurch können wir unser Holz auch nach einer Nutzungsphase von 100 Jahren noch downcyclen, recyclen oder upcyclen. Meine Firma etwa hat ein Haus aus dem 16. Jahrhundert abgebaut, das Holz hätte man thermisch entsorgen können. Wir haben es stattdessen gereinigt und schöne Möbelstücke und andere Einrichtungsgegenstände daraus gebaut. Wir müssen Holz nicht verbrennen – auch Kalamitätsholz nicht. Das wichtigste ist, dass man die Ressource Holz in Zukunft mit anderen Augen sieht, und nicht einfach als Brennholz oder Toilettenpapier betrachtet. So können wir dazu beitragen, den Klimawandel zu stoppen und die Erde nicht weiter auszubeuten.

cs
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