Freitag, 18. Oktober 2019

Ölpreis stürzt ab Hat Siemens sich bei Dresser-Rand verzockt?

Siemens-Chef Kaeser: Von den üblichen Standards für Akquisitionen abgewichen

Dresser-Rand: So heißt Siemens' Eintrittskarte für die Öl- und Gasbonanza in Amerika. Doch kaum legen die Münchener sechs Milliarden Euro für den US-Konzern auf den Tisch, droht der Party ein jähes Ende - weil der Ölpreis abstürzt. Joe Kaeser hat die Taschen offenbar zu weit aufgemacht.

Hamburg - Dass Dresser-Rand kein Schnäppchen ist, weiß Joe Kaeser selbst ziemlich genau. "Der Preis ist sicher am oberen Ende", sagte der Siemens-Chef, als er Ende September seinen Übernahmeplan für den Öl- und Gasindustrie-Ausrüster vorstellte. Etwa 5,8 Milliarden Euro will er zahlen.

Er merke schon, dass die gesamte Branche einem langsamen Abschwung entgegen sehe, sagte Kaeser. Wenn es nur nach ihm gegangen wäre, hätte er auch noch zwei Jahre mit dem Kauf gewartet. Doch dann wäre ihm womöglich ausgerechnet sein Ex-Chef Peter Löscher zuvorgekommen, der für seinen neuen Arbeitgeber Sulzer ebenfalls um Dresser-Rand buhlte.

Inzwischen zeichnet sich ab: Kaeser hätte vermutlich viele Hundert Millionen Euro gespart, wenn er nur vier Wochen mit dem Deal gewartet hätte. Oder er hätte ihn sogar ganz sein gelassen. Der Wettlauf um die Texaner, die für Siemens Börsen-Chart zeigen die Eintrittskarte zur US-Öl- und Gasbonanza sein sollen, kommt die Münchener nun wohl teuer zu stehen.

Denn seit einigen Wochen befindet sich der Ölpreis Börsen-Chart zeigen im Sturzflug. Noch zur Jahresmitte notierte das Fass der Sorte WTI bei knapp 110 Dollar. Zum Zeitpunkt des Siemens-Angebots waren es etwa 95, inzwischen sind es 80 Dollar.

Schlumberger, Halliburton: Branche hat mächtig Federn gelassen

Nun drohen Aufträge für Ölfeldausrüster wie Dresser-Rand auszubleiben, weil sich die Förderung vielerorts nicht mehr so sehr lohnt. Branchengrößen wie Burckhardt Compression, Mitsui, Schlumberger oder Halliburton haben in den vergangenen Wochen deshalb bis zu einem Viertel ihres Wertes eingebüßt.

"Es ist rückwirkend betrachtet nicht das beste Timing", sagt Analyst Hannes Loacker von der Fondsgesellschaft Raiffeisen Capital Management zu Siemens' Offerte. "Ohne die Übernahme wäre Dresser-Rand heute an der Börse vermutlich 15 bis 20 Prozent weniger wert als zum Zeitpunkt des Angebotes." Damit wäre Dresser-Rand für Siemens aus Loackers Sicht zumindest etwa 10 Prozent günstiger zu haben gewesen - also etwa 600 Millionen Euro.

Künstlerpech? Warnsignale hat es in jüngster Zeit durchaus gegeben, und Kaeser sind sie nicht entgangen. Die Frage ist, ob er und seine Strategen sie richtig eingeschätzt haben.

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