Montag, 18. November 2019

Ölpreis stürzt ab Hat Siemens sich bei Dresser-Rand verzockt?

Siemens-Chef Kaeser: Von den üblichen Standards für Akquisitionen abgewichen

3. Teil: "Das fällt in die Kategorie 'dumm gelaufen'"

Für dieses Ziel wich er sogar von den bei Siemens üblichen Akquisitionskriterien ab. Diese sehen einen schnelleren vollständigen Kapitalrückfluss vor, als er beim von Dresser-Deal zu erwarten ist (erst im nächsten Jahrzehnt). "In diesem Fall zählt mehr, was wir hier langfristig erschaffen", verteidigte Kaeser das Geschäft.

Als "zu hoch" bezeichnete daraufhin J.P.-Morgan-Analyst Andreas Willi den Kaufpreis. So sieht es auch Elena Plakhina von Independent Research. Wie Willi betont sie aber, die Übernahme eröffne langfristige Chancen im Öl- und Gassektor: "Auch wenn Siemens nicht an dem Boom partizipiert, so ist es dennoch wichtig, dass der Konzern seine Position in diesem Segment weiter ausbauen wird."

Mitentscheidend für Erfolg oder Misserfolg von Siemens' Öl- und-Gas-Offensive wird nun sein, ob sich der Rohstoffpreis erholt oder dauerhaft im Keller bleibt. Es sieht nach einem Glücksspiel aus - die Fachwelt ist in dieser Frage jedenfalls gespalten.

Gazprom stellt sich bereits auf Durststrecke beim Öl ein

Die Untergrenze sei bei 80 Dollar bereits erreicht, sagte am Mittwoch US-Schieferöl-Tycoon Harold Hamm, Chef bei Continental Resources - nur um einen Tag später festzustellen, dass es auch schon knapp darunter geht. Der russische Rohstoffkonzern Gazprom stellt sich bereits auf einen Rückgang auf 70 Dollar in einigen Monaten ein.

Dafür spricht die jüngste Analyse der IEA, die für die kommenden Monate ein Überangebot an Öl erwartet. Die Prognose für das Nachfragewachstum hatte die Organisation in dieser Woche wegen eines schwachen Wirtschaftswachstums zu wiederholten Mal nach unten korrigiert - um 22 Prozent.

Angesichts dieser Aussichten vergeht plötzlich der gesamten Öl- und Gasbranche Branche die Lust auf Übernahmen und Fusionen. Das hat die Unternehmensberatung EY festgestellt.

Was nun kommen könnte, konnten die Siemens-Leute bereits vor Monaten im Geschäftsbericht von Dresser Rand lesen, Kapitel "Risiken": "Die Verhältnisse in der Öl- und Gasindustrie sind hochzyklisch und unterliegen Faktoren außerhalb unserer Kontrolle", heißt es da. "Ein dauerhaft niedriger Ölpreis könne einen erheblichen Negativeffekt auf den finanziellen Zustand des Unternehmens nach sich ziehen."

Das alles wäre etwas weniger schmerzhaft, hätte Siemens wenigstens nicht den denkbar schlechtesten Kaufzeitpunkt gewählt - am Ende eines jahrelangen Kursanstiegs bei Dresser-Rand. "Das Geschäft muss kein Fehler gewesen sein", sagt Analyst Loacker mit Blick in die Zukunft. Der Zeitpunkt falle allerdings auf jeden Fall "unter die Kategorie 'dumm gelaufen'".

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