Montag, 14. Oktober 2019

Guido Kerkhoff vor Abschied Aufsichtsratschefin soll Thyssenkrupp retten

Martina Merz bei ihrem Antritt im Februar 2019

Der schlingernde Traditionskonzern Thyssenkrupp will mit einem Sondereinsatzkommando den Exitus abwenden. Aufsichtsratschefin Martina Merz soll möglichst rasch an die Spitze des Vorstands wechseln, gab das Unternehmen am Dienstagabend bekannt (Lesen Sie hier das manager-magazin-Porträt über Martina Merz ). Mit dem amtierenden Vorstandschef Guido Kerkhoff solle der Aufsichtsrat "Verhandlungen über eine zeitnahe Beendigung seines Vorstandsmandates" aufnehmen.

Der Wechsel ist ein Hinweis auf die prekäre Lage des Konzerns. Für das im September endende Geschäftsjahr 2018/2019 wird Thyssenkrupp einen hohen Verlust aufweisen. Zahlreiche Sparten leiden unter einem gefährlichen

Soll gehen: Thyssenkrupp-Chef Guido Kerkhoff
Thilo Schmuelgen/REUTERS
Soll gehen: Thyssenkrupp-Chef Guido Kerkhoff

Mittelabfluss, also negativem Cashflow. Kerkhoff (51), der 2011 als Finanzchef begonnen und im Juli 2018 die Nachfolge des überstürzt zurückgetretenen Heinrich Hiesinger angetreten hatte, hatte mit mehreren Prognose-Senkungen und Strategiewechseln zuletzt das Vertrauen der Investoren verloren. Zudem musste der über 200 Jahre alte Konzern jüngst den Dax verlassen. Aktuell versucht Kerkhoff, durch einen Teil- oder Komplettverkauf der rendite- und cash-starken Aufzugsparte die Löcher zu stopfen und den Konzern zu zerlegen. Grundsätzlich hatte der Aufsichtsrat diesem Plan auch zugestimmt. (Lesen Sie hier die Analyse "Auf Stahlfahrt" über die gefährliche Lage von Thyssenkrupp.)

Allerdings verlaufen nach Informationen des manager magazins die Diskussionen auch zu diesem Projekt zum Teil chaotisch. Wesentliche Kräfte des Top-Managements fürchten, dass sich der Konzern durch die Trennung vom Prunkstück von überlebenswichtigen Cash-Quellen abschneiden könnte. Kerkhoff selbst soll ob der Gesamtlage zuletzt Zeichen der Resignation offenbart haben, berichten Teilnehmer von Treffen mit dem amtierenden Vorstandschef.

Merz und Russwurm tauschen Rollen

Aufsichtsratschefin Martina Merz soll für bis zu zwölf Monate als Vorstandschefin einspringen. Die ehemalige Bosch-Managerin führt erst seit Februar das Kontrollgremium.

Sobald der Vorstandsvorsitz neu besetzt wird, werde Merz in den Aufsichtsrat zurückkehren, erklärte Thyssenkrupp. In der Zwischenzeit soll der ehemalige Siemens-Manager Siegfried Russwurm die Funktion des Aufsichtsratschefs übernehmen. Russwurm war vor einem Jahr selbst als Nachfolger Hiesingers gehandelt worden. Der Manager genießt auch bei Arbeitnehmervertretern einen guten Ruf. Die Gewerkschafter und Betriebsräte stellen die Hälfte der Mitglieder des Aufsichtsrats. Sie spielen damit neben den Großaktionären Krupp-Stiftung und Cevian eine Schlüsselrolle bei den Entscheidungen im Konzern. Neu einziehen soll in den Vorstand Klaus Keysberg mit Ressortverantwortung für die Business Areas Materials Services und Steel Europe.

"Der Aufsichtsrat wird zeitnah in einer außerordentlichen Sitzung über die Empfehlungen des Präsidiums und des Personalausschusses beraten und entscheiden", hieß es in der Mitteilung. Dass Kerkhoff gehen muss, dürfte allerdings nur noch eine Formsache sein.

soc/ luk / reuters

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