Sonntag, 21. April 2019

Marodes Segelschulschiff "Gorch Fock"-Sanierungswerft will Insolvenz anmelden

"Gorch Fock" im Dock

Die Reparatur der "Gorch Fock" belastet die Elsflether Werft. Nach dem vorläufigen Zahlungs- und Baustopp des Verteidigungsministeriums will der Notvorstand nach SPIEGEL-Informationen nun Insolvenz anmelden.

Der Notvorstand der "Gorch Fock"-Werft will heute die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens beantragen. Das kündigte die neue Führung der Elsflether Werft im niedersächsischen Landkreis Wesermarsch nach SPIEGEL-Informationen in Gesprächen mit dem Verteidigungsministerium an.

Was eine Insolvenz der Werft für die Zukunft des einstigen Stolzes der Marine bedeutet, ist noch unklar. Eigentlich hatte das Ministerium die "Weiße Lady" genannte "Gorch Fock" noch im Frühjahr wieder schwimmfähig machen wollen. Doch bisher kann die Werft nicht sagen, ob sie die Arbeiten an dem Segelschulschiff überhaupt abschließen kann - und erst recht nicht, ob sie den letzten vereinbarten Preis von 135 Millionen Euro halten kann. Für das Ministerium gilt die Frage des Preises als entscheidend für das Projekt.

Geld für Schürfrechte in der Mongolei

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen dürfte zumindest das Gros der Probleme bei der Sanierung der "Gorch Fock" gekannt haben. Die CDU-Politikerin zeichnete das Projekt schließlich zweimal selbst ab. Im Haushaltsausschuss des Bundestags will sie am Mittwoch über Details der Probleme bei der Sanierung aufklären.

Nach SPIEGEL-Informationen geht es darum, dass die neuen Geschäftsführer der Werft die Bücher durchgesehen haben - und entdeckten, dass es rund 20 Millionen Euro rätselhafter Abflüsse aus dem Firmenkapital gibt. Vermutet wird, dass die alten Geschäftsführer das Geld unter anderem über fingierte Darlehen in ihr Privatvermögen abzweigen wollten. Der Ex-Werftvorstand bestreitet die Vorwürfe.

Mittlerweile wurden auch sehr merkwürdige Geldflüsse entdeckt. Zum Beispiel kaufte die alte Geschäftsführung Schürfrechte für eine Goldmine in der Mongolei. Ganz zufällig dürfte das wohl nicht gewesen sein, schließlich ist einer der Geschäftsführer Honorarkonsul des Landes.

Darüber hinaus hat der neue Vorstand nach SPIEGEL-Informationen auch sehr konkrete Hinweise auf sogenannte Kick-Back-Geschäfte. Demnach wurde mit Unterauftragnehmern vereinbart, dass sie überhöhte Preise für einzelne Bauteile oder Aufträge verlangen sollten - und dafür Geld zurücküberweisen.

Bereits vor knapp zwei Wochen war bekannt geworden, dass die finanzielle Lage der Werft sehr angespannt ist. Nach einem vom Ministerium verhängten vorläufigen Zahlungs- und Baustopp für die Instandsetzung sprach ein früherer Werftvorstand von drohenden "weiteren Verzögerungen und Kosten bei der Fertigstellung".

Auf dem Schiff, das 1958 vom Stapel gelaufen war, wurde jahrzehntelang der Offiziersnachwuchs der Marine ausgebildet. Die jahrelange Reparatur des Dreimasters sollte ursprünglich zehn Millionen kosten. Auch der Bundesrechnungshof hatte bereits das Verteidigungsministerium für die Kostensteigerung auf dem Segelschulschiff verantwortlich gemacht.

Die "Gorch Fock" 2014 im Kieler Hafen

Eine Verantwortung für die Kostensteigerung hatte ein weiterer langjähriger Ex-Vorstand der Elsflether Werft entschieden zurückgewiesen. "Wir konnten keine Schraube in dieses Schiff drehen, ohne dass das irgendjemand vorher genehmigt hat", sagte er in einem Interview mit der Tageszeitung "Die Welt". "Die Entscheidung über Kostensteigerungen hat zu keinem Zeitpunkt mit der Werft zu tun. Das liegt nicht in unserer Macht. Wir haben nur auf Anfragen des Marinearsenals und des BAAINBw (Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr, d. Red.) reagiert."

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