Börsenstart von GE Healthcare General Electric – letzte Ausfahrt Aufspaltung

Aktionäre des US-Urgesteins General Electric haben eine lange Leidenszeit hinter sich. Mit Verspätung folgt die Industrie-Ikone dem Beispiel von Siemens und spaltet sich auf: Die Sparte Medizintechnik notiert nun an der Nasdaq und weckt wieder Hoffnung bei Investoren – am ersten Handelstag ging es um 8 Prozent nach oben.
Leistungsstarke Medizintechnik: Ein Computertomograph des Herstellers GE Healthcare

Leistungsstarke Medizintechnik: Ein Computertomograph des Herstellers GE Healthcare

Foto: Martin Schutt/ dpa

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Der US-Konzern General Electric wird gerne mit zwei Personen verbunden. Zum einen mit dem Unternehmensgründer Thomas Alva Edison, der sich als Erfinder auf dem Gebiet der Elektrizität bereits im 19. Jahrhundert weltweit einen Namen machte. Und zum anderen mit dem 2020 verstorbenen Manager Jack Welch, der General Electric von 1981 bis 2001 mithilfe einer brachialen Übernahmestrategie zu einem riesigen Mischkonzern umbaute, welcher zeitweise zum wertvollsten Unternehmen der Welt aufstieg. Folgerichtig wurde Welch 1999 vom Wirtschaftsmagazin "Fortune" zum "Manager des Jahrhunderts" gekürt .

Doch diese Zeiten sind vorbei. Der Mischkonzern hat sich im Laufe der Jahre zu einem unübersichtlichen und kaum noch steuerbaren Konglomerat entwickelt. Den Keim für den Niedergang legte der gefeierte Welch selbst, indem er mit GE Financial ein weltumspannendes Finanzgeschäft aufbaute und damit über Jahre die Industriegewinne schönte. Welchs Nachfolger Jeff Immelt (66) brachte General Electric während der Finanzkrise 2009 an den Rand der Pleite. Danach verlegte er sich auf weitere Übernahmen und auf Bilanzakrobatik, konnte den Niedergang an der Börse und im operativen Geschäft aber nicht aufhalten.

General Electric verlor nicht nur an Marktkapitalisierung, sondern zunehmend an Bedeutung, auch wenn der Konzern mit etwa 170.000 Mitarbeitern und einem Umsatz von 74 Milliarden US-Dollar im Jahr 2021 immer noch sehr groß ist.

Aus Sicht des jetzigen GE-Chefs Larry Culp (59) ist GE immer noch zu groß – und vor allem zu unübersichtlich. Er möchte den Konzern in drei wesentliche Bereiche aufteilen: Energie, Luftfahrt und Medizintechnik. Mit dieser Aufspaltungsstrategie folgt Culp mit einiger Verspätung dem deutschen Rivalen Siemens, der die Bereiche Energie und Medizintechnik längst ausgegliedert hat.

Aktie von GE Healthcare gewinnt zum Börsenstart 8 Prozent

Der Bereich Medizintechnik macht nun auch bei GE den Anfang und wird am 4. Januar 2023 als GE Healthcare Technologies unter dem Kürzel "GEHC" erstmals an der Nasdaq gehandelt. Außerdem wird die Aktie genau wie die Titel des Mutterkonzerns im S&P 500-Index notieren.

Die Abspaltung des Medizintechnik-Geschäfts hat sich für die Aktionäre des US-Konglomerats ausgezahlt. Die Papiere von GE Healthcare  sind am ersten Tag ihrer Abspaltung vom Mutterkonzern deutlich gestiegen. Sie gewannen 8 Prozent auf 60,49 Dollar, nachdem sie mit 54,13 Dollar gestartet waren. Die Titel von General Electric notierten bereinigt um die Abspaltung 6,4 Prozent höher.

"Durch die Schaffung von drei branchenführenden, globalen Aktiengesellschaften können alle von einer stärkeren Fokussierung, einer maßgeschneiderten Kapitalausstattung und höherer strategischer Flexibilität profitieren", sagte Culp bei Bekanntgabe der Pläne im November 2021, "die Aufspaltung wird den Konzern stärker machen." Die Luftfahrt GE Aerospace als größte und profitabelste Einheit wird als Hauptunternehmen weiter von Culp geleitet. Scott Strazik (43) übernimmt das kombinierte Geschäft GE Vernova aus den Bereichen erneuerbare Energien, Strom und Digitales. Hier wird die Abspaltung Anfang 2024 erfolgen.

Wichtigster Konkurrent ist Siemens Healthineers

Einen Schritt weiter ist Peter Arduini (55), der das 17 Milliarden US-Dollar starke Geschäft von GE Healthcare leitet und nun auch an die Börse führt. In der Covid-19-Pandemie hatte die Medizintechnik den Rest des Konzerns finanziell gestützt. Die verbliebene Muttergesellschaft wird nun einen Anteil von 19,9 Prozent an GE Healthcare behalten. Die neuen Aktien gingen an die GE-Anteilseigener, für je drei Aktien von General Electric gab es eine neue Aktie von GE Healthcare.

Auf einem Investorentag im Dezember 2022 an der Nasdaq in New York  verkündetet Arduini, weiterhin auf die leistungsstarken Geschäftsbereiche Bildgebung, Ultraschall, Lösungen für die Patientenbetreuung sowie die pharmazeutische Diagnostik zu setzen.

Für Wachstum soll vor allem der Einsatz digitaler Lösungen sorgen, die eine präzisere Versorgung von Patienten auf der ganzen Welt ermöglichen. So sollen die enormen Datenmengen, die Krankenhäuser und klinische Netzwerke generieren, über die digitale Plattform "Edison" für eine verbesserte Präzisionsversorgung genutzt werden. So möchte Arduini mit seinen Mitarbeitern die Chancen in den schnell wachsenden Segmenten des Gesundheitsmarktes ergreifen.

Wichtigste Sparte von GE Healthcare bleibt dabei die Bildgebung, die rund 50 Prozent des Umsatzes erwirtschaftet. Ein direkter Wettbewerber, vor allem in diesem Bereich, ist der Medizintechnikkonzern Siemens Healthineers. Die Konzerne Siemens, Philips, Alstom und ABB verfolgen bereits seit Jahren ähnliche Aufspaltungsstrategien wie nun auch General Electric.

Die Pläne von Larry Culp kommen bei Experten gut an. "Sobald die drei Bereiche getrennt sind, werden sie eine neue Gruppe von Investoren bekommen", sagt Scott Davis, ein Industrieanalyst von Melius Research, der General Electric seit mehr als 20 Jahren beobachtet, in einem Bericht des Wall Street Journal . Basierend auf seinen Gewinnprognosen schätzt er den künftigen Unternehmenswert von GE Aerospace auf 94 Milliarden US-Dollar, GE Healthcare dürfte demnach 48 Milliarden US-Dollar und GE Vernova knapp 13 Milliarden US-Dollar erreichen.

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