Handel in unsicheren Zeiten Wie Unternehmen mithilfe der Gasumlage künstlich die Preise erhöhen wollten

Die Gasumlage sollte ab 1. Oktober die Energiekosten erhöhen. Unternehmen wollten den Aufschlag an ihre Kunden weitergeben – offenbar auch für Produkte, die noch ohne Umlage produziert worden waren.
Baustoffindustrie: Einige Unternehmen versuchten offenbar, ihre Waren bis Oktober zurückzuhalten, um sie am Ende teurer zu verkaufen

Baustoffindustrie: Einige Unternehmen versuchten offenbar, ihre Waren bis Oktober zurückzuhalten, um sie am Ende teurer zu verkaufen

Foto: Media Whalestock / Getty Images/iStockphoto

Am Montag, den 12. September, erhielt Stephan Beumker eine Email. "Sehr geehrter Herr Beumker, Ihre Ziegelsteine sind bereit zur Lieferung", stand darin. Der Norddeutsche, der gerade dabei ist ein Haus zu bauen, freute sich. Er hatte von seinem Baustoffhändler nur ein "Angebot vorbehaltlich der weiteren Preisentwicklung ab Oktober" bekommen. Ohne verbindliche Preisauskunft also – und das Risiko, dass es teurer werden könnte für ihn, war sehr konkret: Die damals noch fest eingeplante Gasumlage wäre wohl auf den Ziegelsteinpreis aufgeschlagen worden.

Als der Bauherr jedoch beim Händler nachfragte, wann er die Steine denn abholen könne, wurde er zurückgewiesen. Die Lieferung würde doch erst im Oktober kommen, die Email sei ein Fehler gewesen, vertröstete ihn der Verkäufer bei seinem örtlichen Händler. Beumkers Nachforschungen beim Ziegelsteinproduzenten ergaben jedoch: Die Ware war sehr wohl schon fertig. Beumker vermutete, sie sollte nur bis Oktober zurückgehalten werden, um dann – ungerechtfertigterweise – mit Verweis auf die Gasumlage einen höheren Preis verlangen zu können.

Die Gasumlage, die Unternehmen und Privathaushalte als Zuschlag für jede verbrauchte Kilowattstunde zahlen sollten, ist inzwischen bekanntlich Geschichte. Die Bundesregierung hat die Pläne wieder kassiert. Aber der Fall zeigt, wie einzelne Firmen versuchen, die Unsicherheit am Markt für ihre Gewinnmargen auszunutzen. Der Baustoffhändler möchte sich dazu nicht äußern.

"Einige Unternehmen nutzen den Krieg – und damit auch die Gasumlage – als Argument, um künstlich die Preise zu erhöhen", sagt der Rechtsanwalt Daniel Borst, der sich mit solchen Fällen beschäftigt hat. Die Produkte bewusst zurückzuhalten und die Preise ungerechtfertigt zu erhöhen, um Profit herauszuschlagen, sei ein ganz klarer Missbrauch der Situation. Er beobachte seit Wochen schon, wie besonders Baustoffunternehmen keine verbindlichen Preisauskünfte mehr geben für die Produkte, bis die geliefert werden. "Die Unverbindlichkeit aufgrund der Unsicherheit ist zutiefst belastend."

Ähnliche Muster beklagte kürzlich bereits Edeka-Chef Markus Mosa (54) gegenüber dem manager magazin.  Er schimpfte über die erhöhten Preisforderungen einiger Markenartikel-Hersteller in den Jahresgesprächen. Die Produzenten hatten dort enorme Erhöhungen aufgerufen und diese in der Regel mit gestiegenen Kosten vor allem für Rohstoffe begründet. "Zahlreiche Konzerne versuchen, auf der aktuellen Inflationswelle mitzureiten", sagte Mosa. Allerdings beruhten die Forderungen gar nicht auf echten Kostensteigerungen – er beobachtete "immer häufiger unfaire Industriepraktiken".

Das Spekulieren auf die Gasumlage, um einen Sonderaufschlag durchzusetzen, hat sich nicht gelohnt. Sie trat nie in Kraft. Und auch Bauherr Beumker hat seine Steine schon vor Oktober bekommen. Die Unsicherheit mit schwankenden Energiekosten, hoher Inflation und möglichen Lieferengpässen aber bleibt.

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