Rückzug aus Russland "Es tut uns leid" – Shell entschuldigt sich für Kauf russischen Öls

Shell fürchtet den Shitstorm für jüngste Käufe russischen Öls - und will sein Geschäft in Russland nun komplett einstellen. Experten sehen darin eine "dramatische Kehrtwende" des britisch-niederländischen Öl-Riesen.
Ben van Beurden: Der Shell-Chef kündigt den Rückzug aus jeglichen Aktivitäten in Russland an - was das den Konzern kosten wird, ist noch völlig unklar

Ben van Beurden: Der Shell-Chef kündigt den Rückzug aus jeglichen Aktivitäten in Russland an - was das den Konzern kosten wird, ist noch völlig unklar

Foto: AFP

Die Gelegenheit war wohl zu verlockend: Zum Dumping-Preis von 28,50 Dollar hatte Shell am vergangenen Freitag 725.000 Barrel russisches Öl über den Rohstoffhändler Trafigura eingekauft. Der britisch-niederländische Ölmulti sparte damit einen zweistelligen Millionenbetrag gegenüber dem Marktpreis. Ein tolles Schnäppchen in diesen bewegten Zeiten - doch dieses eine Geschäft war wohl das eine zu viel.

Denn als der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba am Sonntag via Twitter zynisch nachfragte , ob nicht auch für Shell das russische Öl nach ukrainischem Blut rieche, brach ein Sturm der Entrüstung über den Konzern herein. Shell reagierte, sprach in einer Erklärung via Twitter  von einem "Dilemma" und kündigte an, die Gewinne aus dem Geschäft an einen Fonds spenden zu wollen, der die "schrecklichen Folgen des Krieges für die Menschen in der Ukraine" lindern helfe.

Damit nicht genug: Um den eigenen Ruf nicht noch weiter zu ramponieren, kündigte Shell am Dienstag an , auf dem Spotmarkt kein weiteres Öl oder Gas mehr zu kaufen. Am Spotmarkt wird vor allem kurzfristig gehandelt. Zugleich werde man bestehende Lieferverträge über russisches Öl nicht erneuern sowie das Tankstellengeschäft und das Geschäft mit Flugbenzin und auch andere Aktivitäten in Russland einstellen. Der Finanznachrichtendienst Bloomberg  sieht in der Ankündigung "eine dramatische Kehrtwende" des Konzerns als Reaktion auf die internationale Kritik.

"Wir sind uns darüber im Klaren, dass unsere Entscheidung von letzter Woche nicht richtig war [...] Und es tut uns leid"

"Wir sind uns darüber im Klaren, dass unsere Entscheidung von letzter Woche, eine Ladung russisches Rohöl zu kaufen [...] nicht richtig war - auch wenn sie unter dem Gesichtspunkt der Versorgungssicherheit getroffen wurde - und es tut uns leid", entschuldigte sich der Konzern in der Mitteilung.

Shell will offenbar langfristige Verträge nicht mehr erfüllen

Darüber hinaus erklärte Shell, "in enger Absprache mit den Regierungen" russisches Öl aus den eigenen Lieferketten zu entfernen. Der Konzern werde dies "so schnell wie möglich" tun, räumte aber ein, dass es Wochen dauern könne und die eigenen Raffinerien damit wahrscheinlich weniger Benzin oder Diesel liefern würden. Shell-Chef Ben van Beurden (63) kündigte zudem an, mit dem "schrittweisen Rückzug" auch von Pipelingas und LNG (Flüssiggas) "sofort beginnen" zu wollen.

Letzteres ist um so bemerkenswerter, als Shell 2015 einen 20-Jahres-Vertrag mit dem russischen Gasproduzenten Novatek über 900.000 Tonnen LNG aus dem Yamal-Projekt im eisigen Norden Russlands unterzeichnet hatte. Erst letzte Woche traf ein von Shell gechartertes Schiff mit Jamal-LNG in Wales ein, wie die "Financial Times"  unter Berufung auf die Rohstoff-Experten der Agentur ICIS berichtet.

Der Angriffskrieg gegen die Ukraine hatte zuletzt Energieriesen wie BP und ExxonMobil veranlasst, sich aus ihren Aktivitäten in Russland zurückzuziehen. Auch Shell hatte erklärt, alle drei Joint-Ventures mit dem vom Kreml unterstützten Öl-Riesen Gazprom aufzugeben, eingeschlossen Sachalin 2. Shell mied bis dato aber das Bekenntnis, alle Russland-Geschäfte einzustellen. An Sachalin 2, dem Gas- und Öl-Förderprojekt nördlich der russischen Pazifikinsel Sachalin, hält Shell 27,5 Prozent, 50 Prozent gehören Gazprom. Verpflichtet sind die Öl-Riesen zur Aufgabe dieser Geschäfte nicht, keine Sanktion verbietet bislang diese Beteiligungen.

USA bereiten Importverbot für russisches Öl und Gas vor

Shell ist allerdings einer der wenigen Öl-Konzerne, der trotz des eskalierenden Ukraine-Konflikts weiter Rohöl aus Russland bezieht. Nun allerdings rücken im Zuge des Krieges die Energieexporte Russlands in den Fokus und lösen eine Diskussion darüber aus, wie sehr Regierungen im Westen mit Energie-Importen aus Russland den Krieg von Wladimir Putin gegen die Ukraine mitfinanzieren.

Die USA haben den Entwurf eines parteiübergreifenden Gesetzes angekündigt, das die Einfuhr von russischem Öl in die USA verbieten soll. Europa, insbesondere Deutschland, das stärker von russischem Rohöl und Gas abhängig ist, hat sich bislang nicht für ein umfassendes Importverbot ausgesprochen. Doch der Druck auf Unternehmen und Regierungen, die fortgesetzt Öl und Gas aus Russland beziehen, wächst.

rei