Aktivistischer Investor Engine No. 1 Wie Hedgefonds-Freibeuter den Ölriesen Exxon kaperten

Ein sechs Monate alter Mini-Hedgefonds will den Ölgiganten Exxon Mobil zu mehr Klimaschutz zwingen: Dieser ungleiche Kampf fand nun ein überraschendes Ende. Woran das lag - und wer die wichtigsten Player waren.
Grüner statt blauer: Drei Vertreter des Hedgefonds Engine No. 1 werden im Verwaltungsrat von Exxon Mobil Druck für mehr Klimaschutz-Investments machen

Grüner statt blauer: Drei Vertreter des Hedgefonds Engine No. 1 werden im Verwaltungsrat von Exxon Mobil Druck für mehr Klimaschutz-Investments machen

Foto: Jim Young / REUTERS

Der Hedgefonds war gerade mal eine Woche alt. Die erworbenen Anteile am Ölriesen Exxon Mobil  waren für Wall-Street-Verhältnisse winzig: Nur 50 Millionen Dollar hatte Engine No. 1 vergangenen Dezember in Exxon investiert, das entsprach 0,02 Prozent des mit 250 Milliarden Dollar bewerteten Ölkonzerns. Und dann war da noch der Name des Fonds, Engine No. 1, angelehnt an ein in den USA populäres Kinderbuch (The Little Fire Engine No. 1).

Deshalb glaubten viele Investoren an eine Lachnummer, als Engine No. 1 kurz nach dem Einstieg Exxon zu mehr Klimaschutz aufforderte. Sechs Monate später lacht niemand mehr. Denn der aktivistische Investor ist dabei, das einst weltgrößte börsennotierte Unternehmen kräftig umzukrempeln. Bei der Hauptversammlung von Exxon Mobil kam es zu einer Kampfabstimmung – mit desaströsem Ergebnis für den Ölriesen: Drei von Engine No. 1 vorgeschlagene Mitglieder dürfen künftig in den zwölfköpfigen Exxon-Verwaltungsrat einziehen, wie der Fonds vor kurzem bekannt gab.

Damit hat Engine No. 1 künftig Einfluss im wichtigsten Exxon-Gremium. Der Hedgefonds will Exxon dazu zwingen, mehr für den Klimaschutz zu tun. Eine "David-gegen-Goliath-Geschichte" sei das Ganze, urteilt die "Financial Times ". Schließlich ist Engine No. 1 mit gerade mal 22 Angestellten und einem Anlagevermögen von 240 Millionen Dollar ein Winzling in der Welt der Finanzinvestoren, die eher in Milliarden oder Billionen Dollar denken.

David gegen Goliath

Engine No. 1 zeigte sich "sehr dankbar" für das Vertrauen der Aktionärinnen und Aktionäre. Zur Lachnummer taugte Engine No. 1 aber schon vom Start weg kaum. Gegründet und mit Startkapital versorgt wurde der Fonds von Chris James, einem Veteranen der Hedgefonds-Branche, der sein Vermögen als Technologie- und Biotech-Investor gemacht hat. James' zweite Firma Partner Funds Management, berichtet die "Financial Times" , habe zu ihren Glanzzeiten ein Vermögen von 6 Milliarden Dollar verwaltet.

Vom Start weg Unterstützung durch US-Pensionsfondsriesen

Erfahrung in punkto Aktionärs-Aktivismus bringt zudem Engine No. 1-Topmanager Charlie Penner mit. Er hat Berichten zufolge lange für den Hedgefonds Jana Partners gearbeitet, der ebenfalls zu den aktivistischen Investoren zählt. Penner initiierte dort etwa eine Kampagne, die Apple dazu brachte, die Nutzung von iPhones durch Kinder besser zu überwachen.

"Exxon Mobil arbeitete sehr hart, um diese Schlacht zu verlieren"

Robert Eccles, Professor für Managementpraktiken an der Oxford University

Vom Start weg hatte Engine No. 1 die Unterstützung des kalifornischen Lehrer-Pensionsfonds CalSTRS, der die Forderung des Hedgefonds nach tiefgreifenden Veränderungen bei Exxon unterstützte. Zudem hatte Engine No. 1 den Zeitpunkt für seine Attacke auf den Ölriesen klug gewählt. Als der Fonds im vergangenen Dezember seine Kampagne für mehr Klimaschutz ankündigte, kämpfte Exxon Mobil gerade mit den Auswirkungen eines pandemiebedingt furchtbaren Jahres. Am Ende summierte sich der Jahresverlust von Exxon auf 22 Milliarden Dollar.

Der aktivistische Hedgefonds sah in dieser Schieflage seine Chance, auf Veränderungen für mehr Klimaschutz zu drängen. Außer Exxon Mobil-CEO Darren Woods (55 oder 56) hatte kein Verwaltungsratsmitglied Erfahrung in der Energiebranche. James und Penner versuchten laut Berichten deshalb über Monate, potenzielle Verwaltungsratsmitglieder mit Energiebranchen-Erfahrung zu rekrutieren. Sie fanden vier, deren beruflicher Background zu den Zielen von Engine No. 1  passte. Und sie nutzten vor der Hauptversammlung geschickt die Unzufriedenheit von institutionellen Investoren mit der Exxon-Führung.

Schwere strategische Fehler in der Exxon-Abwehr

Exxon Mobil nahm die Bedrohung erst spät wahr. Zunächst versuchte der Ölriese, die von Engine No. 1 nominierten neuen Verwaltungsratsmitglieder auszubooten: Der Konzern vergrößerte den Verwaltungsrat und kündigte zahlreiche Klimaschutz-Initiativen an. Exxon warnte auch vor möglicherweise niedrigeren Dividenden, wenn die von Engine No. 1 nominierten Mitglieder zum Zuge kommen sollten. Das Dividenden-Argument verfing aber nicht, da die Gewinne des Konzerns ohnedies stark gesunken waren und eine Senkung der Dividende von Analysten erwartet wurde. Und den plötzlichen Wandel zum Klima-Vorreiter kauften institutionelle Investoren dem Ölriesen ebenfalls nicht ab.

Im April sicherte sich Engine No. 1 die Unterstützung des New Yorker Pensionsfonds "Common Retirement Fund". Damit hatten die aktivistischen Investoren dann neben dem kalifornischen Lehrerfonds einen zweiten wichtigen Unterstützer auf ihrer Seite. Das half, die Abstimmungs-Schlacht bei der Hauptversammlung letztlich zu gewinnen.

Derzeit steigt der Druck auf international tätige Energiekonzerne, ihren ökologischen Fußabdruck zu verbessern. Erst kürzlich hatte ein Gericht in Den Haag den Ölriesen Shell zu strengen Klimaschutzzielen verpflichtet und damit einer Klage von mehreren Umweltschutzgruppen stattgegeben. Bei der Hauptversammlung des US-Ölkonzerns Chevron stimmte zudem eine Mehrheit der Investoren für einen von Aktivisten ausgearbeiteten Entwurf, der das Unternehmen zur Reduzierung der CO2-Emissionen seiner Produkte auffordert.

Nur 10,4 Milliarden Dollar für CO2-arme Technologien investiert

"Exxon Mobil arbeitete sehr hart, um diese Schlacht zu verlieren", ätzt Robert Eccles, ein Professor für Managementpraktiken der Oxford University, gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. Schließlich habe der Ölkonzern jahrelang den Klimawandel kaum beachtet.

Wie sehr sich Exxons Untätigkeit bei Klimafragen nun rächt, zeigt auch ein Statement des weltgrößten Vermögensverwalters Blackrock. Der Hedgefonds, dessen CEO Larry Fink sich seit einiger Zeit selbst als Klimaretter inszeniert , unterstützte drei der vier von Engine No. 1 nominierten Mitglieder. Exxon habe in den vergangenen 20 Jahren insgesamt 10,4 Milliarden Dollar in CO2-arme Technologien investiert, mäkelte Blackrock – bei Gesamtinvestitionen von mehr als 20 Milliarden Dollar allein im vergangenen Jahr.

CEO Darren Woods beantwortete bei der Hauptversammlung übrigens 40 Minuten lang Fragen, deutlich länger als bei den vorangegangenen Meetings. Den passenden Tonfall für das neue Zeitalter fand er aber noch nicht. Laut einem Fragesteller zeigt ein Bericht der Internationalen Energieagentur, dass Investments in konventionelle Ölförderprojekte ab 2022 nicht mehr erfolgen sollten, wenn die Welt zur Mitte des Jahrhunderts die CO2-Neutralität schaffen will. Stimmt nicht, befand Woods: "Wenn sie in den Bericht schauen, skizziert dieser auch die fortgesetzte Notwendigkeit für Investitionen in Öl- und Gasprojekte."

wed/AFP/Reuters
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