Dienstag, 26. Mai 2020

Mittelstand profitiert vom digitalen Wandel "Jobmotor statt Jobkiller - weil Google dort nicht hinschaut"

Commerzbank-Vorstand Markus Beumer: "Gewinner der Digitalisierung vernetzen nicht nur Maschinen, sie schaffen auch eine neue Unternehmenskultur. Chefs müssen kooperativer denken und ihren Mitarbeitern mehr Freiräume geben"

Deutsche Firmen sind beim digitalen Wandel abgehängt? Von wegen - Deutschlands Unternehmer stellen sogar neue Mitarbeiter ein, weil sie sich durch Digitalisierung bessere Geschäfte versprechen. Commerzbank-Vorstand Markus Beumer erklärt die Gründe des Wandels.

manager-magazin.de: Herr Beumer, die Digitalisierung hat in Deutschland offenbar ihren Schrecken verloren. Deutsche Unternehmen seien digitale Schlafmützen und würden in Kürze von Google Börsen-Chart zeigen , Apple Börsen-Chart zeigen und Co überrollt, lautete das Schreckensszenario. Nun zeigt sich, dass fast jedes zweite mittelständische Unternehmen in Deutschland sogar zusätzliche Mitarbeiter einstellen will, weil es sich bessere Geschäfte verspricht. Was ist da passiert?

Beumer: Die Vernetzung von Maschinen und die Umstellung auf digitale Prozesse wird in der Tat von sehr vielen Unternehmen nicht mehr als Jobkiller, sondern als Jobmotor gesehen. Das zeigt, wie flexibel und schnell mittelständische Unternehmen in Deutschland sich den Marktveränderungen anpassen. Binnen kurzer Zeit haben viele Firmen neue Projekte aufgesetzt und damit positive Erfahrungen gemacht: Denn nur wer steigende Umsätze und Gewinne erzielt oder erwartet, stellt auch neue Leute ein.

mm.de: Viele Mittelständler sprechen eher am kleinen Konferenztisch über digitalen Wandel - und müssen IT-Riesen wie Google dennoch nicht fürchten?

Zur Person
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    Markus Beumer ist im Vorstand der Commerzbank für den Bereich Mittelstand zuständig.

Beumer: Deutsche Unternehmen sind sehr stark im B-2-B-Geschäft, sie arbeiten an hochspezialisierten Lösungen für Unternehmenskunden. Google, Apple und Co mischen in dieser Nische gar nicht mit, sie zielen eher auf das Massegeschäft mit dem Endverbraucher und prägen damit auch die öffentliche Wahrnehmung. Die Geschäftsfelder, in denen deutsche Mittelständler ihre Chancen ergreifen, sind für die viel zitierten IT-Riesen aus den USA oftmals gar nicht interessant. Die Digitalisierung kann so für viele Unternehmen in Deutschland ein Wachstums- und Jobmotor sein - auch deshalb, weil die scheinbar übermächtigen IT-Riesen wie Google und Co in deren Geschäftsbereichen gar nicht hinschauen.

mm.de: Geschützte Räume also für deutsche Unternehmen?

Beumer: Keineswegs. Aber sie müssen sich eher mit Start-ups als Konkurrenten auseinandersetzen, die nun ebenfalls die Chancen in der Industrie entdeckt haben. In den USA wurde das Konzept der "Industrie 4.0" lange belächelt, weshalb wir in Europa bei diesem Thema weiter sind als andere Regionen. Zahlreiche deutsche Unternehmen haben schnell reagiert und die Chancen erkannt, die in der Vernetzung und Flexibilisierung von Maschinen liegen - sie waren oft schneller als japanische Konkurrenten, die ebenfalls stark im Spezialmaschinenbau sind. Im deutschen Mittelstand gibt es viele digitale Vorreiter, die als global agierende Hidden Champions bereits erste Früchte der Digitalisierung einfahren.

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