Revolution auf dem Arbeitsmarkt Warum es ab 2020 für die Mittelschicht brutal wird

Von Walter Sinn
Maschine im Mittelpunkt. Produktion bei Glory, einem japanischen Hersteller von Geldautomaten.

Maschine im Mittelpunkt. Produktion bei Glory, einem japanischen Hersteller von Geldautomaten.

Foto: REUTERS
Walter Sinn

Walter Sinn leitet als Managing Partner die internationale Unternehmensberatung Bain & Company in Deutschland.

Personalchefs spüren es täglich: Neue Mitarbeiter sind kaum noch zu finden. Und schon gar nicht hoch qualifizierte Experten. Doch der Fachkräftemangel ist nur das erste Anzeichen für einen gewaltigen Umbruch, der in den 2020er-Jahren ansteht. In der kommenden Dekade werden Unternehmen allerorts mit enormen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Turbulenzen zu kämpfen  haben.

Eine alternde Bevölkerung, eine gigantische Modernisierungs- und Rationalisierungswelle sowie eine stark zunehmende Ungleichheit bei Einkommen und Vermögen werden die Industriestaaten in den nächsten 10 bis 15 Jahren erschüttern. Die Verwerfungen am Arbeitsmarkt erodieren die Mittelschicht und erzeugen gesellschaftliche und wirtschaftliche Instabilität. Vor diesem Hintergrund müssen Unternehmen technologiebedingt rationalisieren und gleichzeitig gezielt um Topleute werben. Außerdem gilt es, verstärkte staatliche Interventionen einzukalkulieren und sich an ein verändertes Konsumverhalten breiter Bevölkerungsschichten anzupassen.

Digitalisierungswelle überkompensiert Fachkräftemangel

Über Jahrzehnte konnten Unternehmen auf ein schier unerschöpfliches Potenzial an Erwerbskräften zugreifen. Zuerst fluteten die Babyboomer den Arbeitsmarkt, dann kamen immer mehr berufstätige Frauen oder gut ausgebildete Migranten hinzu.

Doch die Ära des Überflusses geht zu Ende. In den kommenden 10 bis 15 Jahren löst die Alterung der Bevölkerung in der gesamten entwickelten Welt einen nie gekannten Mangel an Arbeitskräften aus. Selbst im Einwanderungsland USA nimmt die Zahl der Erwerbstätigen nur noch minimal zu. In Westeuropa schrumpft sie sogar. China steht infolge der Ein-Kind-Politik noch stärker unter Druck.

Um das Defizit an Arbeitskräften zu kompensieren, werden die Unternehmen mehr und mehr in digitale Technologien investieren, die jetzt über alle Branchen hinweg zur Verfügung stehen. So dürften allein in den USA bis 2030 rund 8.000 Milliarden US-Dollar für die technische Modernisierung der Wirtschaft ausgegeben werden. Die Lieferanten der digitalen Technologien können sich auf einen enormen Boom freuen.

Die Rationalisierung mithilfe von künstlicher Intelligenz, Vernetzung und Robotern steigert die Arbeitsproduktivität in den 2020er-Jahren gegenüber 2015 im Schnitt um 30 Prozent. In der Produktion, Energiewirtschaft und Logistik sowie im Transport, Handel und Gastgewerbe sind sogar Produktivitätsverbesserungen von 50 Prozent möglich, im Bildungs- und Gesundheitswesen von bis zu 20 Prozent. Autonom fahrende Autos, Spracherkennungssoftware oder selbstlernende Maschinen erledigen zudem verschiedenste Dienstleistungsaufgaben - in einfachen Verwaltungsjobs ebenso wie in hoch qualifizierten Berufen, beispielsweise Rechts- oder Finanzberatung.

Das Gegenfeuer der Regierungen

Da die Nachfrage nach Waren und Diensten deutlich langsamer wächst als das Produktionspotenzial, gehen im Laufe der Zeit immer mehr Arbeitsplätze verloren. In den Industriestaaten werden in den nächsten zehn Jahren bis zu einem Viertel der derzeit bestehenden Jobs verschwinden. Trotz rückläufiger Bevölkerung wird in den OECD-Ländern die Arbeitslosigkeit demzufolge wieder zunehmen.

Arbeitsplatzverlust oder sinkende Gehälter in aussterbenden Berufen treffen in der Dekade der Digitalisierung nicht mehr nur wenig qualifizierte Geringverdiener. Auch gebildete Bevölkerungsschichten mit mittleren bis guten Einkommen werden unter dem rasanten Strukturwandel leiden. Einzig den etwa 20 Prozent passgenau qualifizierten Fachkräften, die exzellent auf die digitalisierte Welt vorbereitet sind, steht eine glänzende Zukunft bevor. Alle Unternehmen buhlen um die heiß begehrten Digitalexperten, die so ihre Gehälter und Arbeitsbedingungen extrem verbessern können.

Demografie und Technologie stören in den wilden 2020er-Jahren die fragile Balance zwischen Arm und Reich in den wohlhabenden Industrieländern. Immer mehr Menschen werden von der ökonomischen Dynamik abgekoppelt. Die ohnehin schon starke Disparität bei den Einkommen, und damit auch bei den Altersbezügen und Vermögen, nimmt weiter zu. Die prosperierende Mittelschicht, das Fundament der demokratischen Gesellschaften, schrumpft. Es droht eine Spaltung in wenige Profiteure des Technologiebooms und eine wachsende Gruppe der Abgehängten, die am ökonomischen und gesellschaftlichen Fortschritt nicht mehr partizipieren.

Protektionismus greift um sich

Auf diese gesellschaftlichen Umwälzungen werden die Regierungen in vielen Ländern mit Gegenmaßnahmen reagieren. Dabei kommt es zu binnenwirtschaftlichen Interventionen wie strikteren Regulierungen an den Märkten, verschärftem Kartellrecht und Steuererhöhungen sowie vermehrten Transferleistungen. Da die Zahl der Rentner und Arbeitslosen steigt, können sich zudem ernsthafte Finanzierungsprobleme in den Sozialsystemen ergeben.

Die kommende Dekade ist von Paradoxien geprägt. Fachkräftemangel existiert neben Massenarbeitslosigkeit, Digitalfirmen erzielen ungekannte Börsenwerte, während etablierte Firmen vom Markt verschwinden, einige Bereiche boomen durch die neuen Technologien, andere Sektoren hingegen werden obsolet. Die Politik wird angesichts wachsender Ungleichheit und sozialer Spannungen für Unternehmen immer unberechenbarer. Der gesellschaftliche Wandel verursacht massive Veränderungen im Verbraucherverhalten.

Im Laufe der Jahre wirkt die Erosion der Mittelschicht zudem immer mehr als Wachstumsbremse. Sinkt dann die Investitionstätigkeit, weil die meisten Betriebe digitalisiert und modernisiert sind, droht weltweit Stagnation oder gar Rezession.

Die Wirtschaftslenker sollten sich auf eine lang anhaltende Phase hoher ökonomischer und politischer Risiken einstellen und ihre Unternehmen auf diese extreme Volatilität mit mehr Flexibilität und Resilienz vorbereiten. Wer schnell entscheidet, eng mit seinen Kunden verbunden ist und sich auf eine engagierte Belegschaft verlassen kann, erholt sich nicht nur schneller von externen Schocks, sondern gewinnt auch seine Dynamik eher zurück.

Walter Sinn ist Deutschlandchef der Managementberatung Bain & Company.