Montag, 23. September 2019

Revolution auf dem Arbeitsmarkt Warum es ab 2020 für die Mittelschicht brutal wird

Maschine im Mittelpunkt. Produktion bei Glory, einem japanischen Hersteller von Geldautomaten.

2. Teil: Das Gegenfeuer der Regierungen

Da die Nachfrage nach Waren und Diensten deutlich langsamer wächst als das Produktionspotenzial, gehen im Laufe der Zeit immer mehr Arbeitsplätze verloren. In den Industriestaaten werden in den nächsten zehn Jahren bis zu einem Viertel der derzeit bestehenden Jobs verschwinden. Trotz rückläufiger Bevölkerung wird in den OECD-Ländern die Arbeitslosigkeit demzufolge wieder zunehmen.

Arbeitsplatzverlust oder sinkende Gehälter in aussterbenden Berufen treffen in der Dekade der Digitalisierung nicht mehr nur wenig qualifizierte Geringverdiener. Auch gebildete Bevölkerungsschichten mit mittleren bis guten Einkommen werden unter dem rasanten Strukturwandel leiden. Einzig den etwa 20 Prozent passgenau qualifizierten Fachkräften, die exzellent auf die digitalisierte Welt vorbereitet sind, steht eine glänzende Zukunft bevor. Alle Unternehmen buhlen um die heiß begehrten Digitalexperten, die so ihre Gehälter und Arbeitsbedingungen extrem verbessern können.

Demografie und Technologie stören in den wilden 2020er-Jahren die fragile Balance zwischen Arm und Reich in den wohlhabenden Industrieländern. Immer mehr Menschen werden von der ökonomischen Dynamik abgekoppelt. Die ohnehin schon starke Disparität bei den Einkommen, und damit auch bei den Altersbezügen und Vermögen, nimmt weiter zu. Die prosperierende Mittelschicht, das Fundament der demokratischen Gesellschaften, schrumpft. Es droht eine Spaltung in wenige Profiteure des Technologiebooms und eine wachsende Gruppe der Abgehängten, die am ökonomischen und gesellschaftlichen Fortschritt nicht mehr partizipieren.

Protektionismus greift um sich

Auf diese gesellschaftlichen Umwälzungen werden die Regierungen in vielen Ländern mit Gegenmaßnahmen reagieren. Dabei kommt es zu binnenwirtschaftlichen Interventionen wie strikteren Regulierungen an den Märkten, verschärftem Kartellrecht und Steuererhöhungen sowie vermehrten Transferleistungen. Da die Zahl der Rentner und Arbeitslosen steigt, können sich zudem ernsthafte Finanzierungsprobleme in den Sozialsystemen ergeben.

Die kommende Dekade ist von Paradoxien geprägt. Fachkräftemangel existiert neben Massenarbeitslosigkeit, Digitalfirmen erzielen ungekannte Börsenwerte, während etablierte Firmen vom Markt verschwinden, einige Bereiche boomen durch die neuen Technologien, andere Sektoren hingegen werden obsolet. Die Politik wird angesichts wachsender Ungleichheit und sozialer Spannungen für Unternehmen immer unberechenbarer. Der gesellschaftliche Wandel verursacht massive Veränderungen im Verbraucherverhalten.

Im Laufe der Jahre wirkt die Erosion der Mittelschicht zudem immer mehr als Wachstumsbremse. Sinkt dann die Investitionstätigkeit, weil die meisten Betriebe digitalisiert und modernisiert sind, droht weltweit Stagnation oder gar Rezession.

Die Wirtschaftslenker sollten sich auf eine lang anhaltende Phase hoher ökonomischer und politischer Risiken einstellen und ihre Unternehmen auf diese extreme Volatilität mit mehr Flexibilität und Resilienz vorbereiten. Wer schnell entscheidet, eng mit seinen Kunden verbunden ist und sich auf eine engagierte Belegschaft verlassen kann, erholt sich nicht nur schneller von externen Schocks, sondern gewinnt auch seine Dynamik eher zurück.

Walter Sinn ist Deutschlandchef der Managementberatung Bain & Company.

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