Sonntag, 26. Januar 2020

In Hausschuhen zur Arbeit Holt die Produktion zurück in die Stadt!

Früher war es sinnvoll, Industrieunternehmen aus den Stadtzentren hinaus in die Randbezirke zu verlagern. Heute sollte eine urbane, kundennahe Produktion das Ziel sein

Gerade in Deutschland als rohstoffarmem Hochpreisland steigen die Herausforderungen für produzierende Unternehmen immer schneller: Die Dynamik der Märkte ist hoch, entsprechend kurz sind die Reaktionszeiten. Der zunehmende Druck, sich von anderen zu differenzieren, führt zu einem regelrechten Innovationszwang. Und dann ist da noch der zunehmende Fachkräftemangel.

Doch diesen wachsenden Anforderungen können Produktionsunternehmen erfolgreich begegnen - mit neuen Technologien wie der Industrie 4.0 und so genannten additiven Fertigungsverfahren, die neue Ansätze in der Produktion erlauben. Ein Beispiel: die bewusste Wertschöpfung im städtischen Umfeld. War es in den vergangenen 100 Jahren sinnvoll, Industrieunternehmen aus den Stadtzentren hinaus in die Randbezirke zu verlagern, bietet sich heute das Gegenteil an: eine urbane Produktion. Das ist nicht nur ressourceneffizient, sondern ermöglicht auch eine Symbiose von Arbeits- und Lebensumfeld der Menschen.

Hans-Jörg Bullinger
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    Hans-Jörg Bullinger war von 2002 bis 2012 Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft, der größten Organisation für angewandte Forschung in Europa, heute ist er Senator der Fraunhofer-Gesellschaft und Berater der EU-Kommission in Fragen des Forschungs- und Innovationsmanagements. Das manager magazin kürte ihn 2009 zum Manager des Jahres und nahm ihn 2013 in die Hall of Fame der deutschen Wissenschaft auf.
Die Industrie 4.0, die ja auf Digitalisierung und Vernetzung basiert, ermöglicht eine feinere Verteilung der Produktion - und damit deren Dezentralisierung. Nun wird es aus Kostengründen sicher notwendig sein, weiter Skaleneffekte durch geschickte Bündelung von Wertschöpfungsstufen zu nutzen. Aber es bietet sich geradezu an, spätere Phasen des Herstellungsprozesses in unmittelbarer räumlicher Nähe zu den Kunden zu realisieren - besonders bei Produkten, die speziell auf einzelne Kunden zugeschnitten sind.

Kurz: Alles, was nicht kundenspezifisch ist, wird weiter zentral in größeren Werken mit hohen Stückzahlen und damit niedrigen Kosten gefertigt, die individuelle Ausgestaltung passiert in direkter Kundennähe, was auch eine intensivere Einbindung der Kunden in den Fertigungsprozess ermöglicht.

Neben der notwendigen Vernetzung durch Lösungen der Industrie 4.0 bilden so genannte additive Verfahren einen weiteren Schlüssel zur Realisierung einer urbanen Produktion. Additive Verfahren, auch wenn sie in weiten Teilen der industriellen Produktion noch nicht wirtschaftlich einsetzbar sind, bieten den Vorteil, einzelne Bauteile in der "Stückzahl 1" herstellen zu können, ohne dafür spezifische Werkzeuge oder Formen einsetzen zu müssen - beispielsweise durch 3D-Drucker. Späte Wertschöpfungsschritte zur Individualisierung kunden- oder auftragsspezifischer Produkte werden dadurch erst möglich.

Dass dies mehr als ein Gedankenspiel ist, zeigen aktuelle Entwicklungen wie die Ultraeffizienzfabrik, die darauf abzielen, die nun mögliche Produktion im städtischen Umfeld auch wirtschaftlich zu betreiben. Durch eine drastische Steigerung der Ressourceneffizienz durch neue Denkansätze und innovative Technologien ist eine Ultraeffizienzfabrik im innerstädtischen Bereich nur noch eine Frage der Zeit. Die darin kontinuierlich erzeugten Effizienzvorteile steigern kontinuierlich die Effektivität und führen dazu, dass die dafür erforderlichen Technologien wirtschaftlich eingesetzt werden können.

Doch weshalb sollten wir überhaupt wieder integriert in den Städten produzieren, statt weiter der alten Maßgabe der Stadtplaner zu folgen, wonach die Stadt nach Funktionsbereichen aufzuteilen ist? Ganz einfach: Eine angemessen eingesetzte urbane Produktion bietet Vorteile für alle Beteiligten, für Unternehmen und Städte, für Mitarbeiter und Bürger.

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