Fehlende Vorprodukte Auftragsstau in der Industrie ist so lang wie noch nie

Der Ukraine-Krieg und die Corona-Welle in China stören die globalen Lieferketten. Deutsche Industrieunternehmen haben daher nach wie vor Probleme ihre Aufträge abzuarbeiten. Die Bücher waren zuletzt so voll wie noch nie. Der Auftragsstau macht aber Hoffnung: Er dämpft die Rezessionssorgen der Branche.
Fehlende Teile: Herstellern von Maschinen und Fahrzeugen könnten ohne neue Aufträge theoretisch 11,8 Monate produzieren

Fehlende Teile: Herstellern von Maschinen und Fahrzeugen könnten ohne neue Aufträge theoretisch 11,8 Monate produzieren

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Hendrik Schmidt / DPA

Die Auftragsbücher der deutschen Industriebetriebe sind so voll wie noch nie. Der Bestand an Bestellungen sei im Juni um 0,5 Prozent zum Vormonat gewachsen, wie das Statistische Bundesamt am Mittwoch mitteilte. Im Vergleich zum Vorjahresmonat gab es einen Zuwachs von 14,1 Prozent. "Damit hat der Auftragsbestand des Verarbeitenden Gewerbes einen neuen Höchststand seit Beginn der Erfassung im Jahr 2015 erreicht", wie die Statistiker betonten.

Grund dafür ist die schon vor dem russischen Krieg in der Ukraine anhaltende Knappheit an Vorprodukten, die durch die Corona-Welle beim wichtigsten deutschen Handelspartner China mit regelmäßigen Lockdowns noch verschärft wird. Wegen der dadurch gestörten Lieferketten gibt es bei vielen Unternehmen nach wie vor Probleme beim Abarbeiten ihrer Aufträge.

"Der hohe Auftragsbestand bedeutet, dass die Industrie insgesamt recht gut durch die kommende Rezession kommen sollte", sagte der Chefvolkswirt der Berenberg Bank, Holger Schmieding. Aber es stehe auch zu befürchten, dass der hohe Wert ein etwas zu positives Bild zeichne. Die Neuaufträge gingen bereits zurück. "Zudem müssen wir damit rechnen, dass in der Rezession einige bereits erteilte Aufträge storniert werden", sagte Schmieding. "Deshalb dürfte im Winter die Industrieproduktion wohl etwas zurückgehen."

Aufträge aus dem Ausland gehen zurück

Die offenen Aufträge aus dem Inland erhöhten sich um 2,0 Prozent zum Vormonat, die aus dem Ausland sanken hingegen um 0,3 Prozent. Die Reichweite des Auftragsbestands gab im Juni leicht auf 8,0 Monate nach, nachdem sie im Mai noch bei 8,1 Monaten gelegen hatte. Diese gibt an, wie viele Monate die Betriebe bei gleichbleibendem Umsatz ohne neue Auftragseingänge theoretisch produzieren müssten, um die vorhandenen Aufträge abzuarbeiten. Bei den Herstellern von Investitionsgütern wie Maschinen und Fahrzeugen ist die Reichweite mit 11,8 Monaten besonders hoch.

Falls sich die Lieferengpässe in den kommenden Monaten auflösen, könnte das die Produktion in der deutschen Industrie beleben. Die Beschaffung von Rohstoffen und Vorprodukten dürfte für die deutsche Industrie aber auch in der zweiten Jahreshälfte ein großes Problem sein. Im Juli klagten 73,3 Prozent der befragten Firmen über entsprechende Engpässe, wie das Münchner Ifo-Institut bei seiner monatlichen Umfrage herausfand. "Neben der grundsätzlichen Knappheit bei elektronischen Komponenten tragen weiterhin auch Probleme in der weltweiten Logistik, insbesondere im Schiffsverkehr, zu den Beschaffungsproblemen bei", sagte der Leiter der Ifo-Umfragen, Klaus Wohlrabe.

dri/Reuters
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