Mittwoch, 22. Mai 2019

Chaos bei der Deutschen Bahn Nur 20 Prozent der ICE voll funktionsfähig

es fehlen über 5000 Mitarbeiter bei der Bahn

Kaputte Toiletten, defekte Heizung oder Klimaanlagen: Bei der Deutschen Bahn sind einem Bericht des ARD-Magazins "Kontraste" zufolge nur 20 Prozent der ICE voll funktionsfähig. Grund ist vor allem fehlendes Personal, berichtete das TV-Magazin unter Berufung auf interne Dokumente des Konzerns am Donnerstag vorab aus der Sendung. DieDeutsche Bahn wollte sich zunächst nicht zu dem Bericht äußern. Der Aufsichtsrat will am Donnerstagnachmittag in Berlin zu einer zweitägigen Klausurtagung zusammenkommen. Über Ergebnisse soll am Freitag informiert werden.

Dass nur jeder fünfte ICE voll funktionsfähig ist, steht laut "Kontraste" in Aufsichtsratsunterlagen der Bahn-Tochter Fernverkehr vom Juni dieses Jahres. In der aktuellen Vorstandsvorlage für die Sitzung an diesem Donnerstag heißt es demnach, zwar hätten die Instandhaltungswerke seit dem Jahr 2016 deutlich mehr Züge mit Schäden abgearbeitet - genannt werde eine Steigerung um 45 Prozent. Dieser Erfolg werde jedoch "überkompensiert", da der "Schadenseingang im gleichen Zeitraum anstieg". Die Anzahl der ICE, die die Werkstatt mit Mängeln wieder verlassen, sei um 17 Prozent angestiegen.

5800 Mitarbeiter fehlen

Grund sei unter anderem die "hohe Eingangsverspätung", zitierte "Kontraste" aus den Unterlagen: ICE kämen im Instandhaltungswerk verspätet an, die Werkstattzeit werde knapper. Abgearbeitet werde nur, was sicherheitsrelevant sei - Toiletten oder Klimaanlagen gehören nicht dazu.

Ein weiterer Grund ist demnach Personalmangel: Im sogenannten "betriebskritischen Bereich", der direkt für den Zugverkehr zuständig ist, fehlten 5800 Mitarbeiter, zitierte "Kontraste" weiter aus den internen Dokumenten. Demnach fehlt es dem Konzern unter anderem an Lokführern, Instandhaltungskräften und IT-Spezialisten.


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Der "Spiegel" hatte vergangene Woche berichtet, der Vorstand der Bahn verlange bis zu sieben Milliarden Euro pro Jahr vom Eigentümer Bund für den Unterhalt von Zügen und Gleisen. Das Magazin zitierte ebenfalls aus einer Vorlage für die Aufsichtsratssitzung am Donnerstag. Demnach will der Vorstand 200 neue Züge kaufen und neue Mitarbeiter in den Wartungswerken einstellen. Derzeit wird die Leistungs- und Finanzierungsvereinbarung für die Jahre 2020 bis 2025 zwischen Bahn und Bundesregierung ausgehandelt.

Solche Unterlagen kommentiere man "grundsätzlich nicht", sagte der Sprecher der Bahn. Er fügte hinzu, ein Zug gehe schon dann als "nicht fehlerfrei" in die Statistik ein, wenn eine Wagentür defekt sei oder eine Kaffeemaschine nicht funktioniere.

Klar sei aber auch: "Mit dem aktuellen Stand der Fehlerbeseitigung in unserer Zugflotte sind wir selbst nicht zufrieden." Deshalb wolle man "kurzfristig zusätzliche Ressourcen für die Wartung und Instandhaltung der Züge aufbauen".

Brandbrief vom Chef

Erst im September hatte Deutsche-Bahn-Chef Richard Lutz einen Brandbrief an Vorstandskollegen geschickt. In dem öffentlich gewordenen Brief hieß es, der Konzern befinde sich "in einer schwierigen Situation", die sich in den vergangenen Monaten nicht verbessert, sondern verschlechtert habe. "Da gibt es leider nichts zu beschönigen." Das operative Ergebnis liege per Juli "deutlich unter Vorjahr und weit weg von unserer Zielsetzung".

Richard Lutz, Vorstandsvorsitzender der Deutsche Bahn, warnte in einem Brandbrief, dass sich der Konzern in einer schwierigen Situation befinde

Erst im September hatte Deutsche-Bahn-Chef Richard Lutz einen Brandbrief an Vorstandskollegen geschickt. In dem öffentlich gewordenen Brief hieß es, der Konzern befinde sich "in einer schwierigen Situation", die sich in den vergangenen Monaten nicht verbessert, sondern verschlechtert habe. "Da gibt es leider nichts zu beschönigen." Das operative Ergebnis liege per Juli "deutlich unter Vorjahr und weit weg von unserer Zielsetzung".

Der Staatskonzern wolle mit einem Ausgaben-Stopp ein weiteres Abrutschen verhindern wolle. Demnach dürfen Bestellungen ab einer bestimmten Summe nur noch mit Sondergenehmigung in Auftrag gegeben werden, berichteten Insider. Hintergrund sei, dass sich im Nahverkehr und vor allem bei der seit Jahren kriselnden Güterbahn die Lage zuspitze. Zugleich wolle der Konzern unbedingt den Anstieg der Schulden begrenzen, der dieses Jahr die 20-Milliarden-Euro-Grenze erreichen könnte. Interne Berechnungen hätten ergeben, dass die Schulden bis 2023 ohne massives Gegensteuern auf den Rekordwert von 25 Milliarden Euro klettern würden.

Mitte November hatte die Bahn derweil verlauten lassen, 5000 Mitarbeiter mehr einstellen zu wollen als ursprünglich geplant. So sollen in Deutschland statt 19.000 nun 24.000 neue Kollegen gefunden werden. Bei der Bahn gehen in den nächsten Jahren Zehntausende Mitarbeiter in Rente. Ende September zählte die Bahn bundesweit rund 205.000 Beschäftigte.

dpa/rtr/akn

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