Werbe-Riese WPP nach Martin Sorrell Ein Imperium ohne Kaiser

Sir Martin Sorrell: Der Chef des Werbegiganten WPP ist abgetreten, ohne einen Nachfolger aufzubauen

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Seine Zähigkeit war legendär - und das Selbstbewusstsein von Martin Sorrell nicht weniger. "Ich bin jeden Penny wert", knurrte er Kritikern entgegen, als sie sich 2016 einmal wieder über sein fast 90 Millionen Euro Jahresgehalt echauffierten. Dass der 73-jährige Werber nun nach einer Untersuchung gegen ihn so schnell und gleichsam geräuschlos abtritt, erstaunt umso mehr.

Geräuschlosigkeit war nie das Ding Sorrells, der in den vergangenen rund 30 Jahren aus dem Nichts den größten Anbieter von Werbe-, Marketing- und Kommunikationsdienstleistungen der Welt geformt hat und daran bis zuletzt unermüdlich weiterbaute.

WPP ist Sorrells Lebenswerk - und den Aufstieg in den Werbeolymp hat das "Ungeheuer der Madison Avenue", wie einige Kritiker Sorrell nannten, generalstabsmäßig geplant.

Vom Einkaufswagen zum Werbeolymp

1986 nach neun Jahren bei Saatchi & Saatchi als CFO herausgeflogen, entschließt sich Sorrell mit seiner Abfindung von einer Million Dollar sein eigenes Werbeimperium zu gründen. Zu diesem Zweck kauft er - zunächst zusammen mit einem Partner- die kleine Firma Wire and Plastic Products (WPP). Eine Firma, die vor allem Einkaufswägen produziert und bis heute im Haushaltswaren-Geschäft ist.

Von da an geht es Schlag auf Schlag. Schon ein Jahr nach der Übernahme von WPP ist es mit der Ruhe in der Branche vorbei. Mit gerade einmal 38 Millionen Pfund Umsatz im eigenen Geschäft startet Sorrell einen feindlichen Übernahmeversuch des mehr als 15 Mal größeren Traditionswerbers J. Walter Thompson. Die Agentur und ihre Kunden wehren sich, ziehen sogar vor Gericht. Der Entschlossenheit des Finanzmannes haben sie jedoch nichts entgegen zu setzen.

Sorrell obsiegt. Und nimmt zwei Jahre später schon das nächste Übernahmeziel ins Visier: Die börsennotierte Agentur Ogilvy & Mather. Ein Vorstoß, den Agentur-Mitgründer David Ogilvy dazu veranlasst haben soll, Sorrell als "odious little shit" zu bezeichnen.

"Wir hören nie damit auf, andere zu kaufen"

Die 864 Millionen Dollar schwere Übernahme kommt WPP später teuer zu stehen. 1990 lässt eine Gewinnwarnung die Aktie des nach der Übernahme hoch verschuldeten Konzerns innerhalb von vier Tagen um 66 Prozent einbrechen, wie das Branchenblatt "Adage" schreibt . 1992 ist der Tiefpunkt erreicht. Die Aktie notiert bei nur noch 2,50 Pfund.

Acht Jahre später im Mai 2000, ist der Finanzmanager wieder oben auf. Für 4,7 Milliarden Dollar verleibt sich WPP den Werbe-Riesen Young & Rubicam ein - und schließt immer mehr zum Marktführer Omnicom auf.

Und es geht längst nicht mehr nur noch um Werbung. Auch in Segmente wie Marktforschung, Datenanalyse und Öffentlichkeitsarbeit drängt WPP mit Macht.

Die Einkaufstour geht weiter: 2003 folgt die Übernahme der Cordiant Communications Group, 2005 für 1,8 Milliarden Dollar die von Grey, 2008 die des Marktforschers TNS - ein Deal mit dem WPP schließlich Onmicom an Größe überholt.

2012 verleibt sich der Werberiese WPP schließlich noch die US-Digitalagentur AKQA ein, nachdem er sich ein Jahr zuvor auch bei der Scholz-&-Friends-Mutter Vice Media eingekauft hat. "Wir hören nie damit auf, andere zu kaufen", skizziert Sorrell seine Strategie.

Als 2014 der geplante Merger von Publicis und Omnicom platzt, ist Sorrell der lachende Dritte. Seine Agenturen profitieren von der Hängepartie und jagen der Konkurrenz reihenweise Kunden ab.

2017 wird im Zuge zahlloser weiterer kleinerer Zukäufe schließlich auch die Hamburger Agentur Thjnk Teil von Sorrells Imperium, zu dem mittlerweile 405 Einzelunternehmen in 112 Ländern zählen. Rund 200.000 Mitarbeiter erwirtschafteten dort alleine im vergangenen Jahr etwa 17 Milliarden Euro Umsatz.

"Keine Frage von Leben und Tod. WPP ist wichtiger als das"

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Einen Siegesszug durch die Werbewirtschaft, den sich Sorrell fürstlich vergüten lässt. Allein für das Jahr 2015 sackt er mit Boni rund 90 Millionen Euro ein. Astronomische Summen, die immer wieder für massive Proteste sorgen.

Doch die Geschäfte laufen schon länger nicht mehr so wie früher. Der Gewinn schrumpft angesichts von Konkurrenz wie Facebook & Co, die den direkten Kontakt zu Werbetreibenden suchen - und immer mehr auch finden. Anfang März veröffentlichte WPP sein schlechtestes Jahresergebnis seit der Finanzkrise. Der Aktienkurs sinkt - seit Anfang 2017 um mehr als ein Drittel.

Dass in diese Krise der Skandal um die angeblich "missbräuchliche Verwendung von Unternehmensvermögen" sowie "unangemessenes Verhalten" Sorrells fällt, ist da wenig hilfreich.

Er glaube, dass es im besten Interesse des Unternehmens liege, wenn er jetzt zurücktrete, ließ Sorrell nach seinem plötzlichen Abgang bei WPP in der Nacht zum Sonntag erklären. Der Mann, der noch vor Jahren verkündet hatte: WPP sei "keine Frage von Leben und Tod. WPP ist wichtiger als das".

Ob der Koloss WPP in der aktuellen Form eine Zukunft hat, darüber wird in der Branche bereits jetzt heiß diskutiert. Dass der Macht-Manager Sorrell, der nie einen Nachfolger aufgebaut hat, ein Vakuum hinterlässt, darüber sind sich aber alle einig. Investoren jedenfalls zogen am Montag erst einmal die Notbremse: An der Londoner Börse verloren die Titel vom WPP  in der Spitze 7 Prozent.

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