Engagement fürs Gemeinwohl Die Mutmacher - wie Unternehmen in der Corona-Krise helfen

Von Eva Müller
Mundschutzproduktion bei Eterna in Banovce, Slowakei

Mundschutzproduktion bei Eterna in Banovce, Slowakei

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Pandemie trifft Weltwirtschaft: Chronik der Corona-Krise

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Mundschutz nähen, Mitarbeiter verleihen, Material spenden - weltweit engagieren sich immer mehr Unternehmen im Kampf gegen das Coronavirus und die Corona-Krise. Welchen Nutzen die vielen Aktivitäten von Weltkonzernen, Mittelständlern, Kleinstfirmen und Start-ups tatsächlich stiften, ist häufig umstritten. Doch selbst wenn der Beitrag nur gering ausfällt oder sich als sinnlos erweist, erfüllen die Aktionen sowohl für die Gesellschaft als auch für die Firmen selbst eine wichtige Funktion.

Mit ihrem Einsatz verbreiten sie als Mutmacher die Zuversicht, dem Virus und seinen Folgen nicht völlig hilflos ausgeliefert zu sein. Das Gefühl, etwas Positives tun zu können, vertreibt Angst und Depression, regt zu Innovation und Eigeninitiative an. Mal ganz abgesehen davon, dass sich die Namen der Samariter derzeit besser ins öffentliche Bewusstsein einprägen als dies Heile-Welt-Werbeanzeigen je könnten.

manager magazin listet hier fortlaufend die Aktivitäten von Unternehmen auf - je nachdem ob sie ihre Produktion auf den Notstand umstellen, sich solidarisch zusammenschließen, ihre Mitarbeiter unterstützen oder schlicht spenden. Details dazu lesen Sie auf den folgenden Seiten:

Wo nun Not- statt Normalproduktion läuft

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Coronavirus: Mundschutzproduktion bei Eterna

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Zahlreiche Unternehmen stellen ihre Fertigung um auf Waren, die in der Corona-Krise dringend benötigt werden. Autohersteller oder Textilfabrikanten können so möglicherweise einen Teil ihrer durch Nachfragestopp oder gestörte Lieferketten brachliegenden Kapazitäten für das Gemeinwohl nutzen.

VW und PSA erwägen Bauteile für Beatmungsgeräte aus ihren 3D-Druckern zu liefern. Die VW-Tochter Skoda hat mit der neuartigen Produktionsmethode, mit der normalerweise Werkzeuge oder rare Ersatzteile individuell gefertigt werden, bereits erste Prototypen hergestellt. Umfang und Praktikabilität der Angebote der Autohersteller sind jedoch noch weitgehend unsicher.

GM, Ford und Tesla haben ebenfalls angekündigt, bei der Produktion von Beatmungsgeräten helfen zu wollen. Allerdings ist auch den US-Konzernen noch unklar, wie genau sie beitragen können. Sie wurden von einem Tweet von Präsident Donald Trump überrumpelt, er habe ihnen das "Go ahead" für die Produktion von Ventilatoren oder anderen Bauteile erteilt.

GM hat eine Machbarkeitsprüfung eingeleitet, ob in seinem Werk in Indiana Ventilatoren hergestellt werden könnten. Diese werden vom Medizintechnikhersteller Ventec Life Systems dringend für den Bau von Beatmungsgeräten benötigt. Ford tut sich mit GE und 3M zusammen, um die Produktion der Geräte zu zu stemmen. Der Autohersteller will zudem 100 000 Plastikgesichtsmasken pro Woche zu fertigen und seine 3-D-Drucktechnik für Schutzausrüstungen einsetzen.

Trigema näht nun Schutzmasken statt Unterwäsche

In Großbritannien hat sich ein Konsortium aus den britischen Dependancen von Nissan und Ford sowie McLaren und Airbus gebildet, um unter Führung eines Flugtechnik-Experten ein Beatmungsgerät zu entwickeln. Teile für das Gerät soll auf den 3-D-Druckern des Luftfahrtkonzerns produziert werden und die Montage bei Nissan erfolgen. Am 30. März soll die Produktion starten. 5000 Stück sind avisiert.

Leichter fällt Textilunternehmen die Umstellung ihrer Fertigungslinien auf die Herstellung von Gesichtsmasken. Unterwäscheproduzent Trigema hat bereits mit dem Nähen von Schutzmasken begonnen. Bisher werden nur etwa 5000 Stück pro Tag produziert. Inhaber Wolfgang Grupp will die Fertigung schnell auf 100.000 pro Woche hochfahren.

Auch Wäschehersteller Mey oder der Matratzenproduzent Breckle produzieren jetzt den Mund-Nase-Schutz. Experten kritisieren allerdings, dass der Stoffschutz eher symbolischen Wert denn echte Schutzwirkung besitze. Für medizinisches Personal seien sie jedenfalls nicht geeignet. Statt Hemden will Eterna nicht nur Masken produzieren lassen. Vorstandschef Henning Gerbaulet prüft auch, ob seine Arbeiterinnen auch Schutzanzüge nähen können. Hier der Link zum Interview.

In den USA haben ebenfalls einige Modefirmen angekündigt, auf Mundschutz umsteigen zu wollen. Der New Yorker Designer Christian Siriano etwa möchte innerhalb einer Woche rund 1000 Atemmasken liefern. American Apparel Gründer Dov Charney verspricht bis zu 250.000 Masken pro Woche, die allerdings nicht für den medizinischen Bedarf geeignet sind.

Im vom Corona-Virus besonders stark betroffenen Italien haben die unterschiedlichsten Unternehmen ihre Produktion umgebaut. Der Textilkonzern Miroglio etwa fertigt Schutzausrüstungen. Innerhalb der vergangenen zwei Wochen stellte der Textilkonzern aus Alba im Piemont dem Zivilschutz 600.000 Masken kostenlos zur Verfügung. Mittlerweile liegt die Kapazität bei 100.000 Stück pro Tag. Der toskanische Wohnmobilausstatter Dreoni rüstete ebenfalls auf Maskenherstellung um. Der Bozener Messebauer Visualis stattet improvisierte Krankenhäuser aus.

Desinfektionsmittel ist ebenfalls Mangelware in vielen Ländern. Der florentinische Pharmakonzern Menarini produziert jetzt statt Mitteln gegen Gelenkschmerzen 5 Tonnen Desinfektionsmittel pro Woche. Beiersdorf kündigte an, 500 Tonnen zu produzieren. BASF beliefert bereits erste Kliniken. Der französische Luxuskonzern LVMH hat einen Teil seiner Parfümproduktion umgewidmet. Getränkekonzern Pernod Ricard will ebenfalls nebenbei Reinigungsalkohol herstellen. Die Bremer Becks Brauerei nutzt die Abfallstoffe seiner Entalkoholisierungsanlagen, um Desinfektionsmittel zu produzieren.

Welche Firmen Solidaritätsaktionen ins Leben rufen

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China beginnt klinische Tests, Pharmariesen kooperieren: Wer an der Impfung gegen Covid-19 arbeitet

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Eine ganze Reihe an Unternehmen unterstützen sich gegenseitig mit Partnerschaften, Personalaustausch oder Gutscheinen.

Die McDonalds-Restaurants brauchen durch das stark eingeschränkte Geschäft weniger Mitarbeiter. Bei Aldi Süd und Aldi Nord fehlt durch die massiv gestiegene Nachfrage nach Lebensmitteln Personal. Durch eine Partnerschaft können nun die von den Restaurant-Schließungen betroffenen Burgerbrater bei den Discountern zu deren Konditionen anheuern. Nach Ende der Krise können sie an den Grill zurückkehren.

Weil der Spielbetrieb bis Ende April ruht verleiht der FC Liverpool seine Stadionordner an lokale Supermärkte. Der Vorstandschef des Fußballclubs, Peter Moore, koordiniert die Helfer, die bei großem Andrang in den Läden für Ordnung sorgen sollen.

Die Bar-Kette Sausalitos unterstützt in der Aktion "Helping Hands" dem Pflegeanbieter Opseo mit seinen beschäftigungslosen Mitarbeitern aus. Die Kellner und Köche versorgen die Pflegebedürftigen mit Speisen und Getränken, damit sich die medizinischen Kräfte voll auf ihre Patienten konzentrieren können.

Jede Menge gegenseitige Online-Unterstützung hat die Digitalszene entwickelt. Die Händler Rose Bikes und BabyOne starten die Vernetzungsplattform "Händler helfen Händler" auf denen Firmen kostenlose Tools, Software oder Beratungsleistungen austauschen können.

Das Flugportal Flyla startete am 21. März das Portal "Clever ackern" , das Jobsuchende mit Bauern zusammenführt, die nach Pflanz- oder Erntehelfern suchen. Diverse Gründer aus der Hauptstadt haben die Plattform helfen.berlin eröffnet. Corona-geschädigte Bars, Restaurants, Läden oder Clubs können sich darauf präsentieren und Gutscheine verkaufen, die nach dem Neustart des öffentlichen Lebens eingelöst werden können.

Der Service Einzelheld ermöglicht es Kleinstunternehmen wie Blumenläden oder Boutiquen ihre Waren online zu verkaufen, ohne einen eigenen Shop einrichten zu müssen.

Auch US-Digitalos üben sich in Solidarität. Auf Facebook werben rund 140 Millionen Betriebe. Weil viele der Restaurants, Bar oder Dienstleister durch die Corona-Krise akut gefährdet sind, will der Techriese diese Kunden mit rund 100 Millionen Dollar unterstützen. Bis zu 30 000 Firmen in 30 Ländern sollen dafür Gutscheine für Anzeigen oder auch direkt Geld erhalten. Ebay bietet seinen vielen kleinen Händlern einen 30tägigen Zahlungsaufschub für die Verkaufsgebühren auf seiner Plattform an. Anbieter mit eigenem Ladengeschäft sind bis Ende Juni ganz von den Provisionen befreit.

Diese Unternehmen sagen ihren Mitarbeitern auf besondere Weise "Danke"

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Lockdown, Tests, Reisesperren: So unterschiedlich handeln Staaten in der Corona-Krise

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Andere Firmen lassen ihren Mitarbeitern jetzt besondere finanzielle Unterstützung zukommen. Auch als Anerkennung für ihren Sondereinsatz in der angespannten Lage.

Die Handelskette Rewe, zu der auch Penny gehört, will seinen Mitarbeitern einen Corona-Bonus zahlen. Die Sonderprämie für Kassierer, Lagerarbeiter oder Bedienungen soll sich insgesamt auf mehr als 20 Millionen Euro belaufen. Die jeweilige Summe wird de facto netto auf die Mitarbeiterkarte gebucht, mit der diese in den Rewe-Läden einkaufen können. Mit der Sonderzahlung will der Konzern das hohe Engagement seiner Leute in Ausnahmezeiten auch finanziell honorieren. Auch bei Aldi Süd macht sich die Geschäftsführung Gedanken, wie sie sich für den besonderen Einsatz ihres Personals erkenntlich zeigen kann.

In Frankreich hat die im Familienbesitz befindliche Handelskette Auchan jedem ihrer 65 000 Mitarbeiter eine Prämie von 1000 Euro überwiesen. Die Wettbewerber Carrefour und Intermarche folgen ihrem Vorbild. In den USA sagte die Drogeriekette Walgreens jedem Vollzeitbeschäftigten 300 Dollar extra zu. Die britsche Lebensmittelkette Tesco erhöhte den Stundenlohn vorübergehend um 10 Prozent.

In der Krise entwickeln auch einige amerikanischen Techkonzerne so etwas wie soziale Verantwortung. Facebook etwa zahlt Mitarbeitern ihr Gehalt bis zu einem Monat weiter, wenn sie kranke Familienmitglieder betreuen. Das Softwareunternehmen Workday überweist den meisten seiner Mitarbeiter zusätzlich ein halbes Monatsgehalt. Mit der Summe sollen sie all die unvorhergesehenen Kosten decken können, die durch das vom Unternehmen bis 17. April angeordnete Arbeiten ins Homeoffice entstehen. Wer sich mit Corona infiziert hat, bekommt eine längere Gehaltsfortzahlung als üblich. Ein Hilfsfonds soll zusätzlich besondere Härtefälle abdecken.

Die Waren-Spender - wer sich nun gebefreudig zeigt

Eine ganze Reihe an Unternehmen spenden in der Corona-Krise für den guten Zweck. Die Gaben reichen von medizinischem Gerät bis zu Bargeld.

Volkswagen spendet 200.000 Atemschutzmasken der für Gesundheitspersonal wichtigen Klassen FFP-2 und FFP-3 aus seinen Lagerbeständen. Daimler gibt weitere 110.000 der dringend benötigten Hilfsmittel an die Landesregierung in Baden-Württemberg. Die Autohersteller haben die schützenden Hüllen auf Lager, die etwa in der Lackiererei benötigt werden.

Tesla-Chef Elon Musk verteilt kostenlos Beatmungsgeräte an US-Krankenhäuser. Mehr als 1000 der Überlebensmaschinen für schwer an Covid-19 Erkrankte hat der Mulitmilliardär bei chinesischen Niederlassungen von ResMed, Philips und Medronic in China gekauft und in Kalifornien verteilt.

Der chinesische Autobauer Geely fliegt Hilfsmaterial gegen das Coronavirus kostenlos nach Deutschland und Schweden. Die Geely-Tochter Volvo hat in ihrer Heimat rund 12 000 Schutzmasken an örtliche Krankenhäuser verteilt. Der Daimler-Großaktionär schickte auch schon Handschuhe und Mundschutz nach Italien.

Auch der chinesische Onlinegigant Alibaba lässt über seine Stiftung pro Woche fünf gecharterte Transportflugzeuge voller Hilfsgüter nach Europa jetten. Die Flieger sind vollbeladen mit gespendeten Atemmasken und Corona-Testkits. Die Logistiktochter Cainiao Network befördert auch die Gaben weiterer chinesischer Unternehmen wie etwa von den Smartphoneherstellern Xiaomi oder Oppo.

AB Inbev verkündete 50 000 Liter gebrauchsfertige Desinfektionsflüssigkeit aus seinen Entalkoholisierungsanlagen für Krankenhäuser in Europa spenden zu wollen. Das Familienunternehmen Jägermeister spendiert der Apotheke des Klinikums in Braunschweig 50 000 Liter reinen Alkohol zur Herstellung von Desinfektionsmittel. In Großbritannien zeigte sich Diageo mit 2 Millionen Liter Ethanol noch großzügiger.

Traditionell unterstützen US-Konzerne gerne Forschungsvorhaben. IBM stellt Forschern aus Epidemiologie oder Bioinformatik für 3 Monate kostenlosen Zugang zu seinen Hochleistungsrechnern zur Verfügung. Sie können gratis die Dienste von Supercomputer Watson nutzen sowie auf ausgewählte Cloud- und Securitydienste zugreifen. Zudem können Wissenschaftler Zugang auf die Systeme des neugegründeten Covis-19 High Performance Computing Consortium erhalten. Auf deren 16 Supercomputer-Systemen mit der immensen Rechenleistung von 330 Petaflops können Simulationen und Berechnungen, die auf traditionellen Systemen Monate dauern, in sehr kurzer Zeit durchgeführt werden.

Amazon unterstützt in San Francisco Gesundheitsforscher, die einen Corona-Test für zu Hause entwickelt haben. Der Handelsriese liefert die Tests über seinen Medizindienst Care an die Teilnehmer der Untersuchung aus und sammelt anschließend die Proben wieder ein.

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