Mittwoch, 8. April 2020

Engagement fürs Gemeinwohl Die Mutmacher - wie Unternehmen in der Corona-Krise helfen

Mundschutzproduktion bei Eterna in Banovce, Slowakei

2. Teil: Wo nun Not- statt Normalproduktion läuft

Zahlreiche Unternehmen stellen ihre Fertigung um auf Waren, die in der Corona-Krise dringend benötigt werden. Autohersteller oder Textilfabrikanten können so möglicherweise einen Teil ihrer durch Nachfragestopp oder gestörte Lieferketten brachliegenden Kapazitäten für das Gemeinwohl nutzen.

VW und PSA erwägen Bauteile für Beatmungsgeräte aus ihren 3D-Druckern zu liefern. Die VW-Tochter Skoda hat mit der neuartigen Produktionsmethode, mit der normalerweise Werkzeuge oder rare Ersatzteile individuell gefertigt werden, bereits erste Prototypen hergestellt. Umfang und Praktikabilität der Angebote der Autohersteller sind jedoch noch weitgehend unsicher.

GM, Ford und Tesla haben ebenfalls angekündigt, bei der Produktion von Beatmungsgeräten helfen zu wollen. Allerdings ist auch den US-Konzernen noch unklar, wie genau sie beitragen können. Sie wurden von einem Tweet von Präsident Donald Trump überrumpelt, er habe ihnen das "Go ahead" für die Produktion von Ventilatoren oder anderen Bauteile erteilt.

GM hat eine Machbarkeitsprüfung eingeleitet, ob in seinem Werk in Indiana Ventilatoren hergestellt werden könnten. Diese werden vom Medizintechnikhersteller Ventec Life Systems dringend für den Bau von Beatmungsgeräten benötigt. Ford tut sich mit GE und 3M zusammen, um die Produktion der Geräte zu zu stemmen. Der Autohersteller will zudem 100 000 Plastikgesichtsmasken pro Woche zu fertigen und seine 3-D-Drucktechnik für Schutzausrüstungen einsetzen.

Trigema näht nun Schutzmasken statt Unterwäsche

In Großbritannien hat sich ein Konsortium aus den britischen Dependancen von Nissan und Ford sowie McLaren und Airbus gebildet, um unter Führung eines Flugtechnik-Experten ein Beatmungsgerät zu entwickeln. Teile für das Gerät soll auf den 3-D-Druckern des Luftfahrtkonzerns produziert werden und die Montage bei Nissan erfolgen. Am 30. März soll die Produktion starten. 5000 Stück sind avisiert.

Leichter fällt Textilunternehmen die Umstellung ihrer Fertigungslinien auf die Herstellung von Gesichtsmasken. Unterwäscheproduzent Trigema hat bereits mit dem Nähen von Schutzmasken begonnen. Bisher werden nur etwa 5000 Stück pro Tag produziert. Inhaber Wolfgang Grupp will die Fertigung schnell auf 100.000 pro Woche hochfahren.

Auch Wäschehersteller Mey oder der Matratzenproduzent Breckle produzieren jetzt den Mund-Nase-Schutz. Experten kritisieren allerdings, dass der Stoffschutz eher symbolischen Wert denn echte Schutzwirkung besitze. Für medizinisches Personal seien sie jedenfalls nicht geeignet. Statt Hemden will Eterna nicht nur Masken produzieren lassen. Vorstandschef Henning Gerbaulet prüft auch, ob seine Arbeiterinnen auch Schutzanzüge nähen können. Hier der Link zum Interview.

In den USA haben ebenfalls einige Modefirmen angekündigt, auf Mundschutz umsteigen zu wollen. Der New Yorker Designer Christian Siriano etwa möchte innerhalb einer Woche rund 1000 Atemmasken liefern. American Apparel Gründer Dov Charney verspricht bis zu 250.000 Masken pro Woche, die allerdings nicht für den medizinischen Bedarf geeignet sind.

Im vom Corona-Virus besonders stark betroffenen Italien haben die unterschiedlichsten Unternehmen ihre Produktion umgebaut. Der Textilkonzern Miroglio etwa fertigt Schutzausrüstungen. Innerhalb der vergangenen zwei Wochen stellte der Textilkonzern aus Alba im Piemont dem Zivilschutz 600.000 Masken kostenlos zur Verfügung. Mittlerweile liegt die Kapazität bei 100.000 Stück pro Tag. Der toskanische Wohnmobilausstatter Dreoni rüstete ebenfalls auf Maskenherstellung um. Der Bozener Messebauer Visualis stattet improvisierte Krankenhäuser aus.

Desinfektionsmittel ist ebenfalls Mangelware in vielen Ländern. Der florentinische Pharmakonzern Menarini produziert jetzt statt Mitteln gegen Gelenkschmerzen 5 Tonnen Desinfektionsmittel pro Woche. Beiersdorf kündigte an, 500 Tonnen zu produzieren. BASF beliefert bereits erste Kliniken. Der französische Luxuskonzern LVMH hat einen Teil seiner Parfümproduktion umgewidmet. Getränkekonzern Pernod Ricard will ebenfalls nebenbei Reinigungsalkohol herstellen. Die Bremer Becks Brauerei nutzt die Abfallstoffe seiner Entalkoholisierungsanlagen, um Desinfektionsmittel zu produzieren.

© manager magazin 2020
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung