Heizanlagenbauer wagt sich an Medizintechnik Viessmanns clevere Strategie bei Beatmungsgeräten

Viessmann-Fertigung am Stammsitz Allendorf: Bald könnten hier auch 600 Beatmungsgeräte pro Tag gefertigt werden

Viessmann-Fertigung am Stammsitz Allendorf: Bald könnten hier auch 600 Beatmungsgeräte pro Tag gefertigt werden

Foto: Viessmann

Beatmungsgeräte für Covid19-Kranke haben aktuell, wen wundert's, Hochkonjunktur: Medizintechnik-Profis wie Drägerwerk können die sprunghaft gestiegene Nachfrage nicht mehr bedienen. Seit Wochen mischen deshalb etwa Autobauer mit, die nicht nur sehr stark vereinfachte Beatmungsgeräte im Schnellverfahren entwickelt haben - sondern auch Teile wie Atemschläuche oder Masken im 3D-Druck produzieren. An Unis wie der RWTH Aachen versuchen Forscher, möglichst simple Geräte zu entwickeln oder auch, wie in Italien geschehen, Tauchermasken zu Medizintechnikprodukten umzurüsten.

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Deutsche Mittelständler wollen in der Coronakrise ebenfalls mit eigenem Know-How helfen. Bekleidungshersteller rüsten auf Mundschutz-Produktion um, Brauereien produzieren Desinfektionsmittel.

Der Heizungsbauer Viessmann lässt nun mit einer Initiative aufhorchen, die ebenso ambitioniert wie ausgeschlafen klingt: Der Mittelständler mit 12.300 Mitarbeitern und knapp 3 Milliarden Euro Umsatz stellt einen Teil seiner Produktion auf Beatmungsgeräte um, wie das Unternehmen bekanntgab. Nach der noch nicht erfolgten Sonderzulassung des auch mobil einsetzbaren Geräts sei eine Produktion von 600 Stück pro Tag möglich.

Dabei macht Viessmann allerdings einiges anders als etwa Autobauer: Die innerhalb von gerade mal drei Wochen entwickelten Beatmungsgeräte nutzen ausschließlich Teile, die Viessmann in seinen sonstigen Heizungsgeräten und Wärmepumpen einsetzt. Der Heizanlagenbauer hat sich dabei Rat von Externen geholt: Die Geräte hat Viessmann gemeinsam mit Krankenhausärzten und der Medizinischen Fakultät der RWTH Aachen im Schnellverfahren entwickelt.

Gewollter Unterschied zu Profi-Beatmungsequipment

"Mediziner haben uns in ihren Anforderungen erklärt, dass solche Geräte mindestens eine variable Atemfrequenz, variabel einstellbare Atemdruckniveaus und eine variable Beimischung von Sauerstoff brauchen", erklärte Viessmann-Technologievorstand Markus Klausner in einer Videokonferenz mit dem manager magazin. Intensivmediziner reisten extra für einen Entwicklungs-Workshop bei Viessmann an, nach drei Tagen hatten die Viessmann-Entwickler einen ersten Prototypen fertiggestellt.

Viessmann-Mitarbeiter testeten Beatmungsgeräte-Prototypen an Puppen

Viessmann-Mitarbeiter testeten Beatmungsgeräte-Prototypen an Puppen

Foto: Viessmann

Nach einigen Verfeinerungen und einer Adaptierung bereits vorhandener Steuerungssoftware für den Einsatzzweck werden finale Prototypen bereits getestet. Derzeit beantragt Viessmann eine Sonderzulassung für das Gerät und arbeitet dafür eng mit dem Bundesgesundheitsministerium und dem Bundesamt für Arzneimittel und Medizintechnik zusammen.

Die Viessmann-Geräte benötigen - ebenso wie Profi-Geräte von Drägerwerk - Spezialisten, die die richtige Atemfrequenz für die Patienten einstellen. Was das Viessmann-Beatmungsgerät allerdings nicht leistet, ist eine permanente selbständige Regulierung je nach Atemzug des Patienten. Dafür lassen sich die Viessmann-Geräte aber unabhängig von der Infrastruktur eines Großkrankenhauses betreiben, können also auch in provisorischen Hospitälern oder Feldlazaretten zum Einsatz kommen.

Die Geräte sind laut Klausner ohnedies nicht als Ersatz für Profi-Beatmungsgeräte gedacht. Sie sollen erst dann unterstützend zum Einsatz kommen, wenn sämtliche Profi-Beatmungsmaschinen bereits belegt sind - ein Fall, der etwa in Italien in Intensivstationen am Höhepunkt der Coronavirus-Epidemie durchaus eintrat.

Zuerst wird für Europa gefertigt, ausgelegt sind die Geräte aber auch für Entwicklungsländer

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"Unsere Entwicklung ist darauf ausgelegt, dass wir vor allem auch Regionen helfen können, die weder über die finanziellen Mittel noch über die Infrastruktur für medizinische Beatmungsgeräte verfügen", sagt Maximilian Viessmann, der Co-Chef des Unternehmens. Anfang April habe Viessmann begonnen, mit ersten Entwicklungsländern über den Einsatz der Geräte zu sprechen. Denn dort werden die Auswirkungen und die Ausbreitung "eine ganz andere Wirkung haben als in entwickelten Volkswirtschaften", so Viessmann. Man antizipiere, dass der Druck in Südostasien und Afrika stark zunehmen werde.

Zunächst werde allerdings vorrangig an den Einsatz in Europa gedacht, da hier bereits auf europäischer Ebene eine Art Marktplatz für Medizinprodukte entstehe, erläuterte der Co-Unternehmenschef. Die Kommunikation mit den deutschen Behörden laufe sehr gut, lobt Viessmann, er sehe da sehr hohen Einsatz auf Seiten der Ministerien.

Theoretisch könnte Viessmann die Geräte auch in Nordamerika produzieren, da der Heizungsbauer auch dort eigene Standorte unterhält. "Allerdings muss man sagen, dass sich die Vorgeschichte der nordamerikanischen Handelsbeziehungen bislang auch für die Krise nicht besonders positiv ausgewirkt hat", so Viessmann.

Viessmann ließ Werke auch während der Coronakrise weiterlaufen

Die ersten zugelassenen Geräte will Viessmann, dessen Familie zu den 50 reichsten Deutschen zählt , übrigens über die unternehmenseigene Stiftung in den Verkehr bringen - und zwar in jenen Ländern, in denen die Not dann zu dem Zeitpunkt am größten ist. "Das ist Teil unserer gesellschaftlichen Verantwortung."

Letztlich, so deutet Viessmann an, werden seine vereinfachten Beatmungsgeräte deutlich weniger als die Hälfte von Profi-Geräten kosten. "Da werden wir gemeinsam mit NGOs gemeinsam den richtigen Weg finden, um diese Produkte in den Verkehr zu bringen", erläuterte der 31-jährige.

Und Viessmann dürfte nach erfolgreicher Schnellzulassung umgehend mit der Produktion beginnen. Denn dem Heizungsbauer ist es dank früher Vorbereitung auf die Coronavirus-Pandemie gelungen, seine Werke in Europa auch während der Krise am Laufen zu halten.

Zwar habe man größere Produktivitätsverluste in Kauf genommen, weil sich die Schichten in den Werken nun nicht mehr direkt ablösen und sich auch an den Ein- und Ausgängen nicht mehr begegnen.

Doch bis auf ein vorübergehend geschlossenes, vor zwei Wochen aber wiedereröffnetes Werk in Frankreich produzierte Viessmann durchgängig weiter. "Wir stehen als 12.300 Mitglieder der großen Viessmann Familie zusammen, die die Krise nicht nur meistert, sondern sich allen Herausforderungen positiv entgegenstellt", bricht Viessmann noch eine Lanze für seine Belegschaft. "Wir erleben in der Krise ein wahnsinniges Momentum an Solidarität, Teamspirit und Erfindergeist".