Dienstag, 2. Juni 2020

Heizanlagenbauer wagt sich an Medizintechnik Viessmanns clevere Strategie bei Beatmungsgeräten

Viessmann-Fertigung am Stammsitz Allendorf: Bald könnten hier auch 600 Beatmungsgeräte pro Tag gefertigt werden

Beatmungsgeräte für Covid19-Kranke haben aktuell, wen wundert's, Hochkonjunktur: Medizintechnik-Profis wie Drägerwerk können die sprunghaft gestiegene Nachfrage nicht mehr bedienen. Seit Wochen mischen deshalb etwa Autobauer mit, die nicht nur sehr stark vereinfachte Beatmungsgeräte im Schnellverfahren entwickelt haben - sondern auch Teile wie Atemschläuche oder Masken im 3D-Druck produzieren. An Unis wie der RWTH Aachen versuchen Forscher, möglichst simple Geräte zu entwickeln oder auch, wie in Italien geschehen, Tauchermasken zu Medizintechnikprodukten umzurüsten.

Deutsche Mittelständler wollen in der Coronakrise ebenfalls mit eigenem Know-How helfen. Bekleidungshersteller rüsten auf Mundschutz-Produktion um, Brauereien produzieren Desinfektionsmittel.

Der Heizungsbauer Viessmann lässt nun mit einer Initiative aufhorchen, die ebenso ambitioniert wie ausgeschlafen klingt: Der Mittelständler mit 12.300 Mitarbeitern und knapp 3 Milliarden Euro Umsatz stellt einen Teil seiner Produktion auf Beatmungsgeräte um, wie das Unternehmen bekanntgab. Nach der noch nicht erfolgten Sonderzulassung des auch mobil einsetzbaren Geräts sei eine Produktion von 600 Stück pro Tag möglich.

Dabei macht Viessmann allerdings einiges anders als etwa Autobauer: Die innerhalb von gerade mal drei Wochen entwickelten Beatmungsgeräte nutzen ausschließlich Teile, die Viessmann in seinen sonstigen Heizungsgeräten und Wärmepumpen einsetzt. Der Heizanlagenbauer hat sich dabei Rat von Externen geholt: Die Geräte hat Viessmann gemeinsam mit Krankenhausärzten und der Medizinischen Fakultät der RWTH Aachen im Schnellverfahren entwickelt.

Gewollter Unterschied zu Profi-Beatmungsequipment

"Mediziner haben uns in ihren Anforderungen erklärt, dass solche Geräte mindestens eine variable Atemfrequenz, variabel einstellbare Atemdruckniveaus und eine variable Beimischung von Sauerstoff brauchen", erklärte Viessmann-Technologievorstand Markus Klausner in einer Videokonferenz mit dem manager magazin. Intensivmediziner reisten extra für einen Entwicklungs-Workshop bei Viessmann an, nach drei Tagen hatten die Viessmann-Entwickler einen ersten Prototypen fertiggestellt.

Viessmann-Mitarbeiter testeten Beatmungsgeräte-Prototypen an Puppen

Nach einigen Verfeinerungen und einer Adaptierung bereits vorhandener Steuerungssoftware für den Einsatzzweck werden finale Prototypen bereits getestet. Derzeit beantragt Viessmann eine Sonderzulassung für das Gerät und arbeitet dafür eng mit dem Bundesgesundheitsministerium und dem Bundesamt für Arzneimittel und Medizintechnik zusammen.

Die Viessmann-Geräte benötigen - ebenso wie Profi-Geräte von Drägerwerk - Spezialisten, die die richtige Atemfrequenz für die Patienten einstellen. Was das Viessmann-Beatmungsgerät allerdings nicht leistet, ist eine permanente selbständige Regulierung je nach Atemzug des Patienten. Dafür lassen sich die Viessmann-Geräte aber unabhängig von der Infrastruktur eines Großkrankenhauses betreiben, können also auch in provisorischen Hospitälern oder Feldlazaretten zum Einsatz kommen.

Die Geräte sind laut Klausner ohnedies nicht als Ersatz für Profi-Beatmungsgeräte gedacht. Sie sollen erst dann unterstützend zum Einsatz kommen, wenn sämtliche Profi-Beatmungsmaschinen bereits belegt sind - ein Fall, der etwa in Italien in Intensivstationen am Höhepunkt der Coronavirus-Epidemie durchaus eintrat.

Seite 1 von 2

© manager magazin 2020
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung