Gescheiterte Planung und eine schicksalhafte Übernahme Warum in den USA so viele Beatmungsgeräte fehlen

Krankenhausschiff USNS Mercy im Hafen von Los Angeles: Es fehlt den USA an Ausrüstung

Krankenhausschiff USNS Mercy im Hafen von Los Angeles: Es fehlt den USA an Ausrüstung

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Katrina Kochneva/ZUMA Wire/dpa

Angesichts der sich immer weiter verschlimmernden Corona-Krise sind in vielen Ländern Beatmungsgeräte, Schutzausrüstung und qualifiziertes Personal knapp. Allein im von der Krise massiv betroffenen New York fehlen nach Angaben von Gouverneur Andrew Cuomo Zehntausende Beatmungsgeräte. Regelmäßig wendet sich Cuomo mit Hilferufen an die anderen US-Bundesstaaten sowie an den Rest der Welt: Da die Zahlen der Intensivpatienten dramatisch steigen, kann der Mangel an Beatmungsgeräten täglich Menschenleben kosten.

Die "New York Times"  hat aufgeschrieben, wie es zu diesem Mangel kommen konnte - und welche Rolle die Übernahme eines kleinen kalifornischen Medizintechnikherstellers dabei spielte.

Demnach fiel Mitarbeitern einer im Jahr 2006 (nach Krisen wie Sars, Mers oder der Schweinegrippe) eingerichteten Behörde bereits vor 13 Jahren auf, dass die USA im Pandemiefall nicht über genügend Beatmungsgeräte verfügen würden. Und dass die vorhandenen Geräte in der Regel zu teuer und zu groß seien, um im Krisenfall schnell und unkompliziert eingesetzt zu werden.

70.000 Beatmungsgeräte - so die "New York Times" - fehlten nach Einschätzung der Behörde für den Fall einer mittelschweren Grippeepidemie.

Also beschloss die Behörde, die Angelegenheit mit den Beatmungsgeräten selbst in die Hand zu nehmen, rief im Jahr 2007 Experten zusammen und formulierte Anforderungen, die die zu fertigenden Geräte erfüllen sollten. Ab 2008 wurden Angebote eingeholt. Ziel, so die "New York Times" war es, für die Geräte bis 2010 oder 2011 die medizinische Zulassung zu bekommen, so dass für die nationalen Vorräte bis zu 40.000 Geräte angekauft werden könnten.

Avisierter Stückpreis: weniger als 3000 Dollar. Je günstiger die Geräte, so die Idee, desto mehr könnten angeschafft werden.

Wie alles in sich zusammenbrach

Die Angebote gingen ein - und der Auftrag ging schließlich an Newport Medical - einen kleinen Hersteller von Beatmungsgeräten aus Kalifornien. Zwar sei es dem Unternehmen klar gewesen, dass es nicht einfach werden würde, den Preis der Geräte auf 3000 Dollar zu drücken, schreibt die Zeitung. In der Hoffnung auf ein Massengeschäft ging man den Deal aber ein. Und auch das Prestige, ein Regierungslieferant zu werden, war offenbar verlockend.

Am Anfang sah alles gut aus. Projekt "Aura" war der erste Regierungsdeal von Newport und alles lief geschmeidig. Es gab monatliche Wasserstandsberichte von Newport und alle Vierteljahr schaute ein Regierungsmitarbeiter vorbei, um zu sehen, wie die Sache lief.

2011 kamen schließlich drei Prototypen in Washington an, damit die Behörde sie auf Herz und Nieren prüfen konnte. Im April 2012 sagte laut "New York Times" ein Behördenvertreter vor dem US-Kongress aus, dass das Programm plangemäß im September 2013 Marktzulassung erlangen solle - und die Geräte dann in Produktion gehen sollten.

Doch es kam anders.

Newport wurde übernommen - und das Projekt hatte keine Priorität mehr

Die Medizintechnikbranche wurde von einer massiven Konsolidierungswelle erfasst. Hersteller, so die "New York Times" wollten sich für immer größer werdende Krankenhäuser als "One-Stop-Shop" etablieren, was bedeutete, das sie eine größere Produktauswahl anbieten mussten.

Im Mai 2012 gab es Schließlich auch ein Übernahmeangebot für Newport. Das Unternehmen wurde - laut "NYT" für etwas über 100 Millionen Dollar - zusammen mit fünf anderen Medizingeräteherstellern - vom deutlich größeren Anbieter Covidien übernommen.

Plötzlich, so Behördenvertreter, war die Entwicklung von günstigen tragbaren Beatmungsgeräten keine Priorität mehr. Zwar beantragte Newport im Juni 2012 noch die Zulassung der FDA - und die Regierung schoss noch einmal 1,4 Millionen Dolllar nach.

Doch 2014 verkündete Covidien den Behörden schließlich, aus dem Vertrag raus zu wollen, weil er nicht profitabel genug sei. Offenbar, so mutmaßten Behördenvertreter und Konkurrenten, habe sich das Unternehmen keine hauseigene Konkurrenz zu seinen eigenen, deutlich teureren Beatmungsgeräten machen wollen.

Die Behörde willigte ein und schloss 2019 schließlich einen neuen Vertrag - mit Philips. Deren 10.000 Beatmungsgeräte sollen nun bis Mitte 2020 geliefert werden. Womöglich zu spät für die aktuelle Krise.

Covidien ist unterdessen mittlerweile auch nicht mehr selbstständig - es wurde 2015 für einen zweistelligen Milliardenbetrag verkauft - an den nach eigenen Angaben Medizintechnikmarktführer Medtronic.

Dort heißt es nun, der entwickelte Prototyp habe die Anforderungen der Regierung nicht erfüllen können. Er sei beispielsweise nicht für Neugeborene verwendbar gewesen.

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