Serie zu Innovationen für Klimaschutz Wie sich CO2 noch nützlich machen kann

Kohlendioxid statt Öl: Cardyon-Anlage von Covestro in Dormagen

Kohlendioxid statt Öl: Cardyon-Anlage von Covestro in Dormagen

Foto: Covestro

Blau statt grün leuchtet der Kunstrasen, über den die Hockey-Spieler des CHTC in Krefeld rennen. Premiere für den modernsten Sportboden der Welt, heißt es; der werde auch bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio zum Einsatz kommen. Weniger sichtbar, aber spektakulärer: Der Unterboden enthält als Bindemittel ein Fünftel CO2 - Abgas aus einem nahen Chemiewerk, das sonst in die Atmosphäre gelangt wäre. "Wir wollten einfach den besten Platz haben", zitierte die "Rheinische Post" einen Clubmanager. Dass der Club so einen Beitrag zum Klimaschutz leiste, habe man erst später erfahren.

Womöglich sogar einen entscheidenden. Denn die Pläne zur Decarbonisierung der Wirtschaft haken daran, dass etliche Industrien keine richtig praktikablen Alternativen zum Ausstoß von CO2 finden. Von Stahl bis Zement sind sich die großen Emittenten einig: Auch sie wollen bis zur Mitte des Jahrhunderts klimaneutral werden. Das gehe aber nur, wenn die unvermeidlich anfallenden Megatonnen des klimaschädlichen Gases irgendwie aufgefangen werden und nicht in die Atmosphäre strömen.

Endlager für CO2, wie sie RWE in Schleswig-Holstein und Vattenfall in Brandenburg noch vor einem Jahrzehnt planten (in der Hoffnung, ihre Kohlekraftwerke in die Ära des Klimaschutzes zu retten), scheiterten am politischen Widerstand. In Deutschland gilt das Thema als tot. Global sind zwar nach jüngster Zählung des Global CCS Institute 18 große Lager in Betrieb, wie das ehemalige Erdgasfeld Sleipner in der norwegischen Nordsee. Die kommen aber zusammen auf 40 Millionen Tonnen pro Jahr - gerade mal ein Tausendstel der weltweiten Emissionen.

Dann bleibt als nächste Lösung, das CO2 weiterzuverwenden. Als Hilfsmittel für Ölbohrungen ist es schon lange im Einsatz - darauf zielen auch die meisten CCS-Lager. Wirklich hilfreich fürs Klima ist es aber nur, wenn das Gas dauerhaft chemisch gebunden bleibt und eben nicht im nächsten Schritt wieder entweicht.

Hoffnungsträger für Thyssenkrupp und Covestro

Der Stahlkonzern Thyssenkrupp glaubt, die Formel dafür gefunden zu haben. Das vom Bund geförderte Pilotprojekt Carbon2Chem wurde Ende September in Duisburg eröffnet. Hüttengase - darunter auch große Mengen CO2 - werden in Chemikalien wie Methanol oder Ammoniak recycelt. "Unsere Vision von einer nahezu CO2-freien Stahlproduktion nimmt Gestalt an", durfte Guido Kerkhoff noch in einer seiner letzten Amtshandlungen als Thyssenkrupp-Chef prahlen.

Wenn Carbon2Chem einmal großtechnisch umgesetzt werde, ließe sich ein Zehntel der CO2-Emissionen der deutschen Stahlindustrie wirtschaftlich verwerten - immerhin. Auch Zementfabriken, Müllverbrennungsanlagen oder andere große Emittenten könnten die Technik nutzen.

Beteiligt ist auch der Kunststoffhersteller Covestro, dessen Chef Markus Steilemann von "Kohlendioxid als Rohstoff" schwärmt. Für den Dax-Konzern, der zu den großen Plastikproduzenten der Welt gehört, ist es auch eine Imagefrage: Plastik als Lösung statt als Problem.

Von Covestro stammt auch der Stoff, der CO2 im Krefelder Hockeyplatz bindet - das zweite Produkt aus einer Polyol-Anlage in Dormagen, das die kommerzielle Perspektive der Recycling-Technik namens Cardyon beweist. Schon seit 2016 beliefert Covestro von dort den belgischen Matratzenhersteller Recticel, der Schaumstoff auf CO2-Basis fertigt. Traditionell wird der Kohlenstoff für solche Chemieprodukte aus Erdöl gewonnen.

Möglich gemacht hat das eine Kooperation mit den Forschern der RWTH Aachen, die unter Professor Walter Leitner einen "Durchbruch" in der Katalysatortechnik feierten. Zusammen mit der RWTH entwickelt Covestro nun beispielsweise elastische Kunstfasern wie Nylon. Auch Dichtungen und Schläuche, wie sie beispielsweise in Autos zum Einsatz kommen, wurden bereits demonstriert. Das neue Verfahren sei wesentlich energieeffizienter und komme mit weniger Lösemitteln aus als die herkömmliche Technik auf Ölbasis. "Ich bin sicher, dass wir hier noch weitere Anwendungen sehen werden", sagt Projektleiterin Persefoni Hilken.

Wunder sollte man von der Innovation allerdings nicht erwarten. "Bis zu 20 Prozent" Kohlendioxid kann die Covestro-Anlage aufnehmen. Und die Produktionskapazität ist auf 5000 Tonnen pro Jahr begrenzt. "Recht klein", wie Covestro einräumt. Erst einmal wolle man nur den Markt erkunden.