Montag, 16. September 2019

Kaputter CO2-Markt Industrie lässt Klimakiller Lachgas strömen

Lachgas: Das Comeback des Klimakillers
AFP

Lachgas gilt als 300-mal so klimaschädlich wie Kohlendioxid. Trotzdem bläst die Chemieindustrie neuerdings wieder mehr davon in die Atmosphäre. Der Betrieb von Katalysatoren in der Salpetersäureproduktion rechnet sich nicht mehr - eine Folge des verkorksten Emissionshandels.

Hamburg - Marten von Velsen-Zerweck muss ein neues Geschäftsfeld für sein Unternehmen suchen. "Unser Markt ist tot", räumt der Co-Gründer des Umweltdienstleisters Nserve freimütig ein. Das Unternehmen ist zwar klein, aber symbolträchtig, weil es sich voll auf die Idee gestürzt hat, über den Handel mit Emissionsrechten Geld im Klimaschutz zu verdienen.

Nserves Spezialität sind Projekte, die den Ausstoß von Distickstoffoxid (N2O, besser bekannt als Lachgas) in Chemieanlagen senken. Vorzugsweise in Entwicklungsländern, denn hierzulande gelten ohnehin gesetzliche Grenzwerte für den Stoff, der neben Methan das wichtigste Treibhausgas nach CO2 darstellt und deutlich länger in der Atmosphäre bleibt. Dank "Clean Development Mechanism" (CDM) nach dem Kyoto-Protokoll aber können europäische Emittenten von Klimagasen Zertfikate in aller Welt kaufen und so dort den Klimaschutz finanzieren. In solchen Emissionszertifikaten lässt sich Nserve bezahlen. Für eine vermiedene Tonne N2O gibt es 298 Zertifikate.

Das war ein lohnendes Geschäft, bis der mit Verschmutzungsrechten überversorgte Markt kollabierte - ausgerechnet in diesem Jahr, gerade als Europa begann mit dem Emissionshandel ernst zu machen: Erstmals muss die Industrie einen Teil ihrer Zertifikate ersteigern, statt sie vom Staat zugeteilt zu bekommen; außerdem müssen seit Januar alle Anlagen der Salpetersäureproduktion, die vor allem N2O ausstoßen, am Emissionshandel teilnehmen.

Doch das Überangebot an Zertifikaten hat die Preise in den Keller getrieben, vor allem für CDM-Projekte. Während eine Tonne CO2 in der EU noch 4,50 Euro wert ist, kosten internationale Kyoto-Zertifikate gerade noch 60 Cent. Am Spotmarkt fiel der Preis zwischenzeitlich im April sogar auf 1 Cent. Die Einbau- und Betriebskosten für N2O-Katalysatoren übersteigen den Wert der erzielbaren Zertifikate deutlich.

Kostendruck treibt Düngerhersteller aus dem Klimaschutz

"Die Anlagen nehmen jetzt reihenweise die Katalysatoren wieder raus, weil es sich nicht mehr lohnt", berichtet Nikolaus Gutknecht-Stöhr, Portfolio Manager von Nserve. Das passiere vor allem in Schwellenländern wie China, Südafrika, Korea, Kolumbien oder Brasilien. "Die Treibhausgase werden wieder in die Atmosphäre abgeladen, nicht nur bei unseren Projekten." Noch Ende 2012 bei den Vereinten Nationen registrierte Projekte würden gar nicht mehr umgesetzt.

Laufende Projekte von Nserve lieferten im zweiten Quartal 87 Prozent weniger Emissionsgutschriften als noch Ende 2012 - ein starker Beleg für den Abschied vom Klimaschutz. "Ohne die Zertifikate und ohne einen sichtbaren Marktpreis gibt es keinen wirtschaftlichen Anreiz, N2O zu reduzieren", erklärt von Velsen. Während als CDM gegründete Windparks oder Aufforstungsprojekte den Betreibern noch Strom oder Holz liefern, verursachen die Katalysatoren ausschließlich Kosten - Wartung und Verschleiß sind teuer in den Chemieschloten.

Hersteller von Stickstoffdünger, einer der wichtigsten Anwendungen von Salpetersäure vor allem in Schwellenländern mit wachsender Agrarproduktion, stehen ohnehin unter starkem Kostendruck. Auch dort herrscht laut Barrie Bain, Direktor des Londoner Marktforschers Fertecon, Überangebot. "Im Stickstoffdüngermarkt fallen die Preise auf das Niveau der Grenzproduktionskosten", erklärt Bain - ein Szenario, das die Kollegen aus der Kalibranche wie die deutsche K+S Börsen-Chart zeigen erst noch vage befürchten.

Für den Düngemittelweltmarktführer Yara Börsen-Chart zeigen aus Norwegen, der wegen gesetzlicher Pflichten in der Heimat schon früh auf N2O-Vermeidung setzte und eine Allianz mit Nserve und dem britischen Katalysatorhersteller Johnson Matthey Börsen-Chart zeigen bildet, wird die Lage dagegen ernst: Die Absatzpreise verfallen, und gleichzeitig können die Konkurrenten aus den USA oder Entwicklungsländern Kosten sparen, indem sie das Lachgas einfach wieder in die Luft blasen. Der für ein Zeitalter des Emissionshandels erhoffte Wettbewerbsvorteil ist dahin. Wer N2O spart, verliert.

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