Chemchinas internationale Expansion Der unglaubliche Siegeszug von Chinas aggressivstem Konzern

Syngenta-Zentrale in Basel: "Freundlich und kooperativ" schlägt Chemchina zu

Syngenta-Zentrale in Basel: "Freundlich und kooperativ" schlägt Chemchina zu

Foto: MICHAEL BUHOLZER/ AFP

Dieser Deal allein stellt schon alles in den Schatten, was es bisher an Übernahmen im Ausland durch chinesische Firmen gab - geradezu klein wirken jetzt die Vormacht von Lenovo im Computergeschäft, die Zukäufe chinesischer Stromversorger in Südeuropa oder die immer neuen Finanzbeteiligungen von Anbang oder Fosun: alles in der einstelligen Milliardenliga.

Satte 42 Milliarden Dollar zahlt Chemchina für den Baseler Agrochemiekonzern Syngenta - nachdem im Vorjahr der US-Rivale Monsanto mit einem 47-Milliarden-Gebot in der Schweiz abgeblitzt war und auch der deutsche Marktführer BASF ein Gegengebot erwogen hatte.

In gut zehn Jahren von Null an die Branchenspitze

Chemchina-Zentrale in Peking: Staatliche Industriepolitik

Chemchina-Zentrale in Peking: Staatliche Industriepolitik

Foto: Wu Hong/ dpa

Nach eigenen Angaben setzte die Pekinger Staatsfirma als größtes chinesisches Chemieunternehmen (wenn man die Ölfirma Sinopec nicht mitzählt) im vergangenen Jahr 45 Milliarden Dollar um. Das würde im weltweiten Branchenranking schon locker für einen Platz in den Top Ten reichen. Zusammen mit Syngenta rückt Chemchina ganz nah an die Spitze.

Dabei wurde die Firma erst 2004 gegründet. Der große Sprung nach vorn gelang vor allem dank aggressiver Übernahmen. Die wiederum gingen durch, weil Chemchina unter Chairman und Gründer Ren Jiaxin sich dem Prinzip "freundlich und kooperativ" verschrieben hat: kein Angriff auf Management, Standorte oder Unternehmenskultur der übernommenen Firma.

So soll es auch im Fall Syngenta laufen: Hilfe beim Wachstum in China und anderen Schwellenländern, Lernen vom Wissen der Schweizer, und in ein paar Jahren geht das Unternehmen zurück an die Börse.

Ein deutscher Traditionsbetrieb ...

Maschinenbau von Krauss-Maffei: Weit entfernt vom chemischen Kerngeschäft

Maschinenbau von Krauss-Maffei: Weit entfernt vom chemischen Kerngeschäft

Foto: Eberhard Franke/Krauss Maffei/dpa

Es ist ein bisschen wie im Kinderbuch von der "kleinen Raupe Nimmersatt" ("Am Montag fraß sie sich durch einen Apfel, aber satt war sie immer noch nicht. Am Dienstag fraß sie sich durch zwei Birnen, aber ...").

Denn der Syngenta-Deal datiert von Februar. Im Januar hat Chemchina aber schon eine Milliardenübernahme in Europa eingetütet: den Kauf des fast 200 Jahre alten deutschen Maschinenbauers Krauss-Maffei, nicht zu verwechseln mit der aus derselben Firma hervorgegangenen Rüstungsschmiede.

Krauss-Maffei baut Spritzgießmaschinen für die Kunststoffindustrie. Damit reicht Chemchina schon sehr weit von seinem Kerngeschäft "traditional chemicals, advanced materials" entlang der Wertschöpfungskette aus.

... eine italienische Industrieikone ...

Prestigeträchtig: Pirelli-Reifen für den Motorsport

Prestigeträchtig: Pirelli-Reifen für den Motorsport

Foto: DPA

Im Vorjahr hatte Chemchina schon den bis dato größten Deal von Chinesen in Europa in trockene Tücher gebracht: Gemeinsam mit Pirelli-Chef Marco Tronchetti Provera übernahm Ren für gut sieben Milliarden Euro die Kontrolle bei der italienischen Industrieikone.

Das Autoreifengeschäft, das unter anderem als Ausrüster der Formel Eins Prestige genießt, soll eigenständig bleiben. Die Industriereifensparte von Pirelli dagegen wird mit Chemchinas eigener Marke Aeolus Tyres zusammengelegt. Beide allein laufen im Wettbewerb auf den hinteren Rängen.

... ein norwegischer Technologiespezialist ...

Elkem-Fabrik in Norwegen

Elkem-Fabrik in Norwegen

Foto: AFP

2011 hatten die Chinesen bereits den norwegischen Silizium-Hersteller Elkem für zwei Milliarden Dollar übernommen. Das Rohmaterial für Halbleiter, Solarzellen oder Silikondichtungen ist auch in der Aluminiumindustrie wichtig.

Inzwischen ist Elkem nach Ren Jiaxins Schule selbst zum Übernehmer geworden: Ihr gehört REN, der verbliebene größte europäische Hersteller von Solarzellen.

... eine Kopiermaschine aus Israel ...

Im Pflanzenschutzgeschäft sind die Chinesen längst aktiv

Im Pflanzenschutzgeschäft sind die Chinesen längst aktiv

Foto: AP

Im gleichen Jahr übernahm Chemchina für eine ähnliche Summe in Israel Adama Agricultural Solutions, den Weltmarktführer für generische Agrochemieprodukte. Auf dem Feld von Syngenta sind die Chinesen also längst vertreten.

Zwischenzeitlich hatten sie sich schon wieder mit dem Gedanken an einen Ausstieg getragen, aber ein Börsengang scheiterte 2014. Stattdessen haben sie eigene Betriebsteile an die israelische Beteiligung ausgelagert.

... und ein Hidden Champion aus Frankreich

Ein Deal mit Tierfutterzusätzen gilt in Harvard als mustergültig

Ein Deal mit Tierfutterzusätzen gilt in Harvard als mustergültig

Foto: Patrick Pleul/ dpa

Ähnlich lief es bei Adisseo, einem Spezialisten für Tierfutterzusätze aus Frankreich. Dort stieg Chemchina bereits 2006 für 400 Millionen Euro ein. Stolz zeigen sich die Chinesen, dass die Übernahme inzwischen in die Fallstudien-Bibliothek der Harvard Business School eingegangen ist.

Ren betont, er habe seinen Siegeszug zwar mit staatlichem Geld angetreten, sei aber stets den Regeln des Marktes unterworfen gewesen - wie ein richtiges Start-up. Ein Start-up, das jetzt eine der größten Industriebranchen aufwirbelt.

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