Sonntag, 20. Oktober 2019

Zukunft der Corporate Governance "Für die Shareholder bleibt nur ein Residualeinkommen"

"Hier geht es nicht um Gemütlichkeit": Ulrich Lehner, Aufseher in zahlreichen Konzernen, plädiert für eine "professionelle Skepsis" gegenüber Vorständen

Ulrich Lehner ist als Aufsichtsratschef der Deutschen Telekom und ThyssenKrupp sowie weiterer Topposten in der Industrie der derzeit wohl einflussreichste deutsche Konzernkontrolleur. Das nutzt der 67-Jährige für ein paar kontroverse Thesen - etwa zur Bezahlung der Aufsichtsräte.

Hamburg - Zwei deutsche Industrie-Ikonen laden im Januar ihre Aktionäre zur Hauptversammlung: ThyssenKrupp Börsen-Chart zeigen und Siemens Börsen-Chart zeigen. Beide Konzerne haben zuletzt arg mit ihrer Corporate Governance gehadert - wenn auch freilich in unterschiedlichen Härtegraden. Bei ThyssenKrupp geht es nach haarsträubenden Fehlentscheidungen inzwischen um die Existenz, bei Siemens nach unglücklicher Auswahl des Spitzenpersonals voraussichtlich nur um ein paar verlorene Jahre.

Investoren in Deutschland diskutieren nun, ob Organisation und Personal deutscher Aufsichtsräte überhaupt professionell und verantwortungsbewusst genug sind. In einer kleinen Reihe rund um die Hauptversammlung der Siemens AG am 28. Januar veröffentlicht manager magazin online Kurz-Interviews mit einigen einflussreichen deutschen Aufsichtsräten - die ihre Aussagen allerdings ausdrücklich nicht auf die konkrete Situation bei ThyssenKrupp oder Siemens bezogen wissen wollen.

mm: Herrn Lehner, Sie Aufsichtsratschef der beiden Dax-Konzerne ThyssenKrupp und Deutsche Telekom und haben auch sonst noch ein paar Ämter. Sind Sie mächtig?

Lehner: Macht ist das falsche Wort. Das verbinde ich mit Willkür. Das ist nicht der Fall. Als Aufsichtsratschef haben Sie Gestaltungsverantwortung.

mm: Was ist denn das Haupt-Gestaltungsspielfeld?

Lehner: Ein Aufsichtsratschef muss die Situation eines Unternehmens verstehen, für das Geschäft aber ist der Vorstand alleine verantwortlich. Das heißt: Der Aufsichtsrat ist im Wesentlichen dafür verantwortlich, die richtigen Leute für den Vorstand auszuwählen. Und diese dann zu überwachen. Die Auswahl des richtigen Vorstands schließt dessen Abberufung zum richtigen Zeitpunkt übrigens mit ein. Der Corporate-Governance-Kodex führt hier übrigens in die völlig falsche Richtung. Da steht: "Vorstand und Aufsichtsrat arbeiten vertrauensvoll zusammen." Das ist falsch. Hier geht es nicht um Gemütlichkeit. Hier geht es um professionelle Skepsis.

mm: Wo sind denn in Ihrer Aufgabenbeschreibung eines Aufsichtsratsvorsitzenden die Aktionäre?

Lehner: Die Konzentration auf Shareholder-Value ist inzwischen völlig abwegig. Ein Vorstand, ein Aufsichtsrat, muss alle nur denkbaren Märkte im Blick haben: Er muss alles beobachten: Aktionäre, Mitarbeiter, Politik, Interessengruppen - und überall muss die Balance stimmen. Es ist im Grunde ein Erwartungslücken-Management. Die Shareholder sind nur Shareholder, nur Eigentümer von Aktien, die zum Teil nur einige Sekunden Eigentümer sind. Für die Shareholder bleibt am Ende nur ein Residualeinkommen, wenn man auch alle anderen Interessen bedacht hat. Der Vorstandschef, der das verantwortet, betreibt im Grunde so etwas wie permanentes Ausbalancieren für ein Unternehmen.

mm: Das klingt komplizierter als zu Ihrer aktiven Zeit.

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