ThyssenKrupp-Werk Warum Brasilien plötzlich Standortvorteile hat

Steel Americas wird wohl für immer als Milliardengrab in Erinnerung bleiben. Nach erfolglosen Verkaufsversuchen erwägt ThyssenKrupp inzwischen aber, das neue Stahlwerk in Brasilien doch selbst zu behalten. Für diesen Notfallplan gäbe es sogar gute Gründe.
Im Zwölf-Milliarden-Sumpf: ThyssenKrupp-Werk nahe Rio de Janeiro

Im Zwölf-Milliarden-Sumpf: ThyssenKrupp-Werk nahe Rio de Janeiro

Hamburg - Es ist nur eine Frage der Zeit, wann wieder eine Meldung über den stockenden Verkaufsprozess für ThyssenKrupps amerikanische Stahlsparte erscheint. Bislang versetzte das dem Aktienkurs des Industrieriesen jedes Mal einen Dämpfer, die Anleger wollen die zwei neuen Werke in Brasilien und den USA so schnell wie möglich loswerden. "Wir haben den Zeitbedarf unterschätzt", erklärte Konzernchef Heinrich Hiesinger zuletzt der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", warum er nicht wie geplant im Ende September beendeten Geschäftsjahr Vollzug melden konnte.

Das klingt kleinlaut, doch allmählich bereitet die Konzernführung ihre Aktionäre auf eine Kehrtwende vor. Wir wollen verkaufen, müssen aber nicht unbedingt - nicht dringend und nicht um jeden Preis, lautet die aktuelle Sprachregelung. "Seit die Gegenseite das weiß, laufen die Verhandlungen auf Augenhöhe", erklärte Hiesinger. ThyssenKrupp  könnte so den Preispoker des als einziger ernsthafter Bieter übriggebliebenen brasilianischen Wettbewerbers CSN  kontern - aber auch auf Steel Americas sitzenbleiben und das dann als Erfolg verkaufen müssen.

"Wir sind nicht in Ausverkaufsstimmung", erläuterte Finanzvorstand Guido Kerkhoff die jüngsten Geschäftszahlen. Diese Feststellung wäre in normalen Zeiten selbstverständlich, für ThyssenKrupp in dieser Situation überrascht sie jedoch. Die Werke haben zwölf Milliarden Euro an Baukosten und operativen Verlusten verschlungen, mit hohen Abschreibungen die Existenz des gesamten Konzerns gefährdet. Angesichts des schmelzenden Eigenkapitals wäre Ausverkaufsstimmung verständlich.

Makroökonomische Variablen machen erneute Wende möglich

Doch Kerkhoff erklärte gegenüber Analysten, ThyssenKrupp wolle die Hütte zunächst in Eigenregie zur Gewinnschwelle führen. Der inzwischen auf 3,3 Milliarden Euro abgeschriebene Buchwert der Sparte sei "auch zu realisieren" - so oder so, kann man das verstehen, ob mit Verkauf oder ohne. Kerkhoff sprach sogar von "Aufwärtspotenzial" für das Amerika-Geschäft, das er mit steigendem Stahlabsatz des Weiterverarbeitungswerks in Alabama in der US-Autoindustrie und mit dem günstigeren Wechselkurs für brasilianische Rohstahlexporte begründete.

Es lohnt sich doch! Sollte es tatsächlich so kommen, wäre die industrielle Logik des Brasilien-Investments innerhalb weniger Jahre erneut radikal umgeschrieben. Möglich ist das dank makroökonomischer Variablen, die deutlich beweglicher sind als die im Mangrovensumpf von Rio versenkten Megatonnen von Stahl und Beton.

Vor allem der Wechselkurs der brasilianischen Währung Real galt bisher als größte Fehleinschätzung des alten Managements in der Planung der neuen Hütte. Als die alte Garde um den damaligen Konzernchef Ekkehard Schulz 2004 Vorgespräche mit dem Erzlieferanten Vale für einen (damals auf 1,3 Milliarden Euro bezifferten) Werksbau aufnahm, stand die brasilianische Wirtschaft am Anfang eines konsumgetriebenen Booms, der reichlich heißes Geld ins Land sog und den Real gegenüber dem Dollar um 85 Prozent verteuerte. Als das Werk in Rio de Janeiro im Juni 2010 eröffnet wurde, war der Real mit knapp 46 Euro-Cent so teuer wie nie.

Reale Chance auf Comeback dank günstigerem Real-Wechselkurs

So konnte es mit der angestrebten "Kosten- und Margenführerschaft" im Export auf den nordamerikanischen Markt nichts werden, selbst wenn die Technik einwandfrei geklappt hätte, statt eine Panne nach der anderen zu produzieren.

Dieses Argument zog der Aufsichtsrat, damals noch unter der Führung von Gerhard Cromme, vor einem Jahr auch aus zwei Rechtsgutachten: Das Projektmanagement sei mangelhaft gewesen, einige Annahmen waren zu optimistisch - "ausschlaggebend" für die Fehlinvestition und folgerichtig auch für den 2012 gefassten Beschluss zum Ausstieg "sind aber in erster Linie wesentliche Veränderungen des makroökonomischen Umfelds". Am Ende stellte sich heraus, dass Stahlbrammen aus dem teuren neuen Werk in Rio nicht billiger in die USA zu bringen waren als aus den alten Duisburger Thyssen-Hütten.

Dass sich dieses Umfeld nun erneut verändert, könnte als Begründung für eine abermalige strategische Wende herhalten, falls der Verkauf nicht doch noch ohne weitere Verluste über die Bühne gebracht wird.

... dem Verkaufsprozess schadet die Abwertung aber

In puncto Wechselkurs hilft die aktuelle Schwellenländerkrise. In Dollar gerechnet, steht der Real  nach schwungvoller Abwertung wieder auf dem Niveau von November 2005, als der Aufsichtsrat das Projekt freigab. Gegenüber dem Euro  ist er sogar deutlich billiger, was wegen des Wettbewerbs mit europäischen Werken und dem Export eines Teils der Produktion Richtung Europa ebenfalls wichtig für die Rechnung ist.

Schädlich ist die Abwertung für die laufenden Verkaufsgespräche. Denn der hauptsächlich auf den Binnenmarkt orientierte Bieter CSN verdient sein Geld in Real, die von ThyssenKrupp verlangten 3,3 Milliarden Euro sind umgerechnet heute aber eine höhere Summe als noch vor einem halben Jahr.

Seit dem abrupten Kursrutsch im August hat sich die Währung zwar wieder stabilisiert, aber auch dank Interventionen der Zentralbank, die nicht nur den Leitzins in schnellem Takt auf aktuell 9,5 Prozent erhöht, sondern auch mit Währungsswaps und Krediten täglich 500 Millionen bis eine Milliarde Dollar auf den Markt wirft. Ausgerechnet Brasilien, dessen Finanzminister Guido Mantega den Begriff "Währungskrieg" geprägt und 2011 Sondersteuern auf Kapitalimporte eingeführt hatte, um die Aufwertung zu bremsen, geht nun den umgekehrten Weg: Jetzt wehrt das Land sich gegen Kapitalabflüsse und Abwertung.

Stimmt die ursprüngliche Rechnung wieder?

Vorerst hat der Markteingriff Erfolg, doch noch immer zählt das Magazin "The Economist" den Real zu den "stärker überbewerteten Währungen der Welt". Irgendwann könne das Land gezwungen sein, eine weitere Abwertung zuzulassen, meinen die Devisenanalysten der BNP Paribas. Die Intervention könne den Markt zwar kurzfristig beruhigen, "aber nicht die der Abwertung zugrunde liegenden Probleme - deren Ausdruck ein großes Leistungsbilanzdefizit ist - lösen". Dieses seit 2008 bestehende Defizit machte zuletzt 2,4 Prozent der Wirtschaftsleistung aus und wächst weiter.

Falls die Experten Recht behalten und der Real sich weiter verbilligt, könnten brasilianische Exporteure wie das ThyssenKrupp-Werk die Gewinner sein. Auf die USA als Absatzmarkt für Stahl zu zielen, erscheint ohnehin wieder klug. Besonders die Autoindustrie im Südosten rund um das neue Stahlwerk in Alabama boomt, und selbst die nach der geplatzten Immobilienblase siechende Bauindustrie erwacht zu neuem Leben.

Die hohen Rohstoffkosten für Eisenerz bleiben derzeit noch ein Problem, das aber betrifft die Stahlindustrie weltweit. In dieser Hinsicht ist der Standort Rio in der Nähe großer, hochwertiger Erzlager mit direkter Bahn- und Autobahnanbindung und der Partnerschaft mit dem weltgrößten Erzlieferanten Vale  eher von Vorteil.

Das abgeschriebene Investment könnte stille Reserven bergen

Zudem könnten zahlreiche Expansionsprojekte der Bergbaukonzerne den Erzpreis in den kommenden Jahren wieder drücken. Eines der größten ist die neue Erzgrube Minas-Rio von Anglo American  in Brasilien, ein ähnliches Milliardengrab wie das Stahlwerk der Deutschen. Ende 2014 soll das Projekt fertig sein, und zusätzliches Eisenerz strömt auf einen schwachen Markt. Anglo zielt zwar eher auf den Export, doch damit wächst der Druck auf Vale für weiteren Absatz im Inland.

Die Arbeitskosten in Brasilien steigen weiterhin rapide. Aber wenn die Zentralbank die Inflation in den Griff bekommt, könnte auch hier eine Wende anstehen. Volkswirte wie Markus Jaeger von der Deutschen Bank halten ohnehin einen Rollenwechsel im Wachstumsmodell der Schwellenländer für geboten: Das konsumgetriebene "Brasilien wäre gut beraten, wenn es im Hinblick auf Ersparnis und Investitionsverhalten 'chinesischer' würde, wohingegen China im Sinne eines kräftigeren Konsums (und geringer Ersparnis) von einem 'brasilianischen' Verhalten profitieren könnte."

Wenn all diese Prognosen zutreffen, wären die vier Faktoren, mit denen ThyssenKrupp sich nach eigenem Bekunden 2004/2005 verkalkuliert hat, wieder im Lot. Dann hätte der Konzern zwar immer noch zur Unzeit investiert, als es besonders teuer war, könnte aber aus dem abgeschriebenen Wert seiner Amerika-Sparte sogar stille Reserven heben. Was zählen ein paar verlorene Jahre schon für eine langfristige Investition wie ein neues Stahlwerk?

Ein Standortnachteil bleibt für immer

Andere deutsche Konzerne wie Eon  oder die Autobauer BMW , Daimler  und Volkswagen  investieren auch Milliardenbeträge im Land, ohne dass jemand den Sinn bezweifelt - aber dennoch vielleicht auf schwächerer Grundlage.

Keine Frage: Noch immer ist Brasilien einer der teureren Produktionsstandorte in der Welt. Damit der zum geflügelten Wort gewordene "custo Brasil" nachlässt, muss noch viel geschehen. Nicht vom Aufsichtsrat genannt, aber ein zentrales Argument von Ex-Chef Schulz für den Gang nach Brasilien waren die Kosten umweltpolitischer Auflagen. Hier hat sich die Logik komplett gedreht.

Die Energiekosten in Brasilien zählen zu den höchsten der Welt, was ein eigenes Kraftwerk für die ThyssenKrupp-Hütte nötig machte, während deutsche Stahlhütten dank Ausnahme von der Ökostromumlage die Früchte billiger Börsenstrompreise genießen. Der vor zehn Jahren gefürchtete CO2-Emissionshandel hat sich für europäische Stahlfirmen sogar zur Einnahmequelle gemausert. Eine Reform erscheint mühsam, während die brasilianischen Umweltbehörden in klassischer Regulierungsmanier ThyssenKrupp immer wieder teure Strafen und Auflagen aufbrummen.

Anteil der Managementfehler wird freigelegt

Auch dieser relative Standortnachteil ließe sich mildern, wenn sich die Politik auf beiden Seiten des Atlantiks bewegt. Dann aber könnte eine für ThyssenKrupp unangenehme Wahrheit ans Licht kommen: welchen Anteil Managementfehler, unabhängig von Unbillen des Weltmarktes, an dem Milliardenfiasko haben. Vor allem die Probleme mit der Technik lassen die Werksleitung nicht los - in diesem Jahr fiel einer von zwei Hochöfen monatelang aus.

Aber auch bei angenommenen gleichen Wettbewerbsbedingungen nährt ein einfacher Blick auf die Weltkarte Zweifel an der Standortwahl. Gedanklich mögen Süd- und Nordamerika nahe beieinander liegen, geografisch sind sie es eher nicht. Die Schiffe vom Werkshafen Itaguaí brauchen laut searates.com einen Tag länger nach Alabama als von Duisburg.

Gleich eine ganze Woche Vorsprung in Richtung Nordamerika und Asien wird ein neues Stahlwerk haben, das ThyssenKrupps Partner Vale zusammen mit den südkoreanischen Rivalen Posco  und Dongkuk in Nordbrasilien baut. Diesen Fakt werden auch neue makroökonomische Umstände nicht ändern.