Samstag, 18. Januar 2020

"Sehr verstörende" E-Mails Auch 737-Max-Sonderberater Luttig verlässt Boeing

737 Max am Boeing-Werk in Renton (US-Staat Washington)
Elaine Thompson/AP
737 Max am Boeing-Werk in Renton (US-Staat Washington)

Nach dem Rücktritt von Boeing-Chef Dennis Muilenburg nimmt auch dessen Sonderberater Michael Luttig im Zuge des Debakels rund um den Unglücksflieger 737 Max seinen Hut. Der 65-Jährige habe den Verwaltungsrat informiert, zum Jahresende in den Ruhestand zu gehen, teilte der US-Luftfahrtkonzern am Donnerstag (Ortszeit) mit.

Luttig war seit 2006 Boeings Chefjustiziar gewesen. Im Mai 2019 wurde er in der 737-Max-Krise zum Rechtsberater von Konzernchef Muilenburg und dem Verwaltungsrat ernannt, um sich der juristischen Aufarbeitung der Flugzeugabstürze in Indonesien und Äthiopien zu widmen.

Boeing hat nach den Unglücken, bei denen insgesamt 346 Menschen starben, viel rechtlichen Ärger. Der Konzern ist nicht nur mit Klagen von Angehörigen der Todesopfer konfrontiert. Es wird ermittelt, ob bei der 737-Max-Zulassung alles mit rechten Dingen zuging. Piloten, Fluggesellschaften und Anleger haben auch schon Klagen eingereicht.

Neue brisante E-Mails könnten Boeing weiteren Ärger einbringen. Der Konzern hat gegenüber der Luftfahrtaufsicht FAA und dem US-Kongress eine Reihe weiterer beunruhigender Nachrichten zur 737 Max offengelegt, wie der Untersuchungsausschuss des Repräsentantenhauses am Donnerstag bestätigte. Die Unterlagen seien am späten Abend des 23. Dezembers eingereicht worden und deuteten auf ein "sehr verstörendes Bild" bei Boeing hin, sagte eine Sprecherin.


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In den Aufzeichnungen hätten einige Boeing-Mitarbeiter Bedenken geäußert, dass der Hersteller die Sicherheit vernachlässige, während andere darauf drängten, dass Produktionspläne eingehalten werden. Was konkret in den Nachrichten steht, blieb zunächst unklar. Der Ausschuss werde diese und andere von Boeing bei der Ermittlung bereitgestellte Unterlagen weiter prüfen, so die Sprecherin.

Boeing teilte auf Nachfrage mit, die E-Mails "pro-aktiv" der FAA und dem US-Kongress "als Teil unserer Verpflichtung zu Transparenz" mit Aufsehern und dem Ermittlungsausschuss vorgelegt zu haben. Wie bereits bei zuvor bei den US-Behörden eingebrachten Dokumenten, reflektierten "Ton und Inhalt" einiger der Nachrichten nicht "das Unternehmen, das wir sind und sein müssen", sagte ein Sprecher. Boeing habe in den vergangenen neun Monaten aber bereits erhebliche Veränderungen vorgenommen, um die Sicherheitsprozesse, die Organisation und die Kultur des Konzerns zu verbessern.

An der Börse geriet Boeing am Donnerstag zunächst unter Druck. Die Aktien starteten mit deutlichen Kursverlusten in den US-Handel.

Dem "Wall Street Journal" zufolge geht es bei den neuen Dokumenten auch wieder um Nachrichten des früheren technischen Chefpiloten Mark Forkner. Er stand bereits im Oktober im Zentrum einer E-Mail-Affäre, die das Verhältnis zwischen FAA und Boeing stark belastete. Forkner hatte im November 2016, Monate vor der Zulassung der 737 Max, nach einem Test im Flugsimulator starke Sicherheitsbedenken geäußert.

FAA-Chef Steve Dickson hatte auf die Textnachrichten Forkners damals ausgesprochen ungehalten reagiert und eine "sofortige Erklärung" gefordert. Besonders erzürnte ihn, dass Boeing das "beunruhigende Dokument" den Aufsehern angeblich erst mit Monaten Verspätung vorgelegt hatte. Die Spannungen zwischen der Aufsicht und dem Flugzeugbauer eskalierten weiter und gipfelten am Montag im Rücktritt des Boeing-Chefs Dennis Muilenburg, der einem Rauswurf gleichkam.

Zu Muilenburgs Nachfolger ernannte Boeing den bisherigen Verwaltungsratschef David Calhoun, er soll den Vorstandsvorsitz ab 13. Januar übernehmen. Bis dahin werde das Spitzenamt vorübergehend von Finanzchef Greg Smith ausgeführt. Unter der neuen Führung werde Boeing sich zu "voller Transparenz" verpflichten, die auch eine "effektive und pro-aktive Kommunikation mit der FAA" umfasse. Für den geschassten Muilenburg bedeutet dies eine schallende Ohrfeige.

Boeing steht nach zwei Abstürzen seines bis dahin bestverkauften Flugzeugmodells 737 Max erheblich in der Kritik. Der Airbus-Rivale wird verdächtigt, die Unglücksflieger überstürzt auf den Markt gebracht und dabei die Sicherheit vernachlässigt zu haben. Boeing weist dies zwar zurück, hat aber Fehler und Pannen eingeräumt. Bei den Unglücken starben im Oktober 2018 und März 2019 insgesamt 346 Menschen. Die 737 Max ist seitdem mit Startverboten belegt.

Angesichts der hohen Ungewissheit um eine Wiederzulassung hatte Boeing in der vergangenen Woche angekündigt, die Produktion der 737 Max ab Januar 2020 bis auf Weiteres auszusetzen. Bislang fertigte der Hersteller die Maschinen weiter, konnte sie aber nicht an Kunden ausliefern, was zu hohen Kosten und Lagerproblemen führte. Die Produktionspause dürfte das große Netz an Zulieferern stark in Mitleidenschaft ziehen und damit der gesamten US-Wirtschaft schaden.

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