Dienstag, 28. Januar 2020

Ex-Boeing-Manager erhebt schwere Vorwürfe "Ich habe eine Fabrik im Chaos erlebt"

Ex-Manager Ed Pierson: "Monate vor dem ersten Absturz habe ich schwerwiegende Bedenken über die Fertigungsqualität an ranghohe Boeing-Führungskräfte durchgegeben"
Tasos Katopodis/ AFP
Ex-Manager Ed Pierson: "Monate vor dem ersten Absturz habe ich schwerwiegende Bedenken über die Fertigungsqualität an ranghohe Boeing-Führungskräfte durchgegeben"

Der US-Luftfahrtriese Boeing Börsen-Chart zeigen gerät in der Krise um seinen nach zwei verheerenden Abstürzen weltweit mit Startverboten belegten Unglücksjet 737 Max immer weiter unter Druck. Ein Whistleblower erhob bei einer Kongressanhörung in Washington am Mittwoch (Ortszeit) schwere Anschuldigungen gegen den Flugzeugbauer.

"Ich habe eine Fabrik im Chaos erlebt und Monate vor dem ersten Absturz schwerwiegende Bedenken über die Fertigungsqualität an ranghohe Boeing-Führungskräfte durchgegeben", erklärte der frühere Boeing-Manager Ed Pierson. Termindruck und die Erschöpfung von Arbeitern seien zu Lasten von Qualität und Sicherheit gegangen. Er selbst, so der Whistleblower, habe die Vorgesetzten vor dem ersten Absturz mehrfach schriftlich über seine Beobachtungen informiert. Doch die Warnungen seien ignoriert worden. Vor dem zweiten Unglück habe er erneut Probleme gemeldet, doch keiner seiner Hinweise habe etwas bewirkt.

"Das Flugzeug kann noch so gut konzipiert sein, von den besten Ingenieuren und von den begabtesten Piloten geflogen", so Person. Das alles nütze aber wenig, wenn man einen übermüdeten Mechaniker an die Maschine lasse. Oder einen Elektriker, der gestresst sei, weil er sich vor lauter Arbeit nicht um seine Familie kümmern könne. All das habe er bei Boeing als systematisches Problem beobachtet.

Boeing steht im Verdacht, die Unglücksflieger überstürzt auf den Markt gebracht und die Sicherheit vernachlässigt zu haben. Der Konzern streitet dies ab, hat aber Fehler bei der 737 Max zugegeben. Als eine wesentliche Absturzursache gelten Software-Fehler bei einer Steuerungsautomatik, die Boeing per Update beheben will.

FAA dämpft Hoffnungen auf schnelle Wiederzulassung

Bei der Anhörung vor einem Kongressausschuss ging es auch um die Rolle der US-Luftfahrtaufsicht FAA. Sie steht wegen der Zulassung der 737 Max ebenfalls stark in der Kritik. FAA-Chef Steve Dickson verteidigte die Behörde, räumte aber ein, dass das sehr zögerlich verhängte Flugverbot für die 737 Max aus heutiger Sicht zu spät kam.

Am Morgen hatte Dickson Boeings Hoffnungen auf eine rasche Wiederzulassung des Unglücksfliegers gedämpft. "Wir werden bei dem Prozess alle nötigen Schritte befolgen, wie lange auch immer es dauern wird", sagte der FAA-Chef im Sender CNBC. In diesem Jahr werde es sicherlich keine Betriebserlaubnis für die 737 Max mehr geben.

Bei der Anhörung im Kongress drohte der Behördenleiter Boeing zudem mit Konsequenzen. "Ich behalte mir das Recht vor, weitere Maßnahmen zu ergreifen", sagte Dickson. Die FAA kündigte zudem an, dass sie wegen möglicher Produktionsmängel gegen Boeing Ermittlungen betreibe. Bei den beiden Abstürzen waren insgesamt 346 Menschen gestorben.

mg/dpa-afx

© manager magazin 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung