Freitag, 20. September 2019

Hohe Ölpreise, Triebwerksprobleme, Boeing 737-Flugverbot Norwegian geht das Geld aus - nun schachert die Airline mit Schulden

Europas drittgrößte Billigfluggesellschaft "Norwegian Air" plant, die Laufzeit von Anleihen zu verlängern, um sich so finanziellen Spielraum in der aktuell schwierigen Lage zu erkämpfen. Die defizitäre Fluglinie wolle die Rückzahlung zweier Anleihen im Gesamtwert von 380 Millionen US-Dollar um bis zu zwei Jahre nach hinten schieben, hieß es am Montag in einer Börsenmitteilung.

Im Gegenzug stellt sie lukrative Start- und Landerechte auf Londons zweitgrößtem Flughafen Gatwick als Pfand zur Verfügung. Ziel sei es, "einen erfolgreichen Betrieb und eine ausreichende Liquiditätsreserve zu gewährleisten".

So sollen einige Gläubiger am 16. September darum gebeten werden, die Rückzahlung einer Anleihe von Dezember 2019 bis November 2021 zu verschieben. Eine zweite Anleihe mit einer Laufzeit bis August 2020 würde auf Februar 2022 verschoben. Das wiederum bringt die Anleihegläubiger in eine stärkere Position.

Wenn die Anleihegläubiger der Umschuldung von Norwegian Air zustimmen, würde dies "die Lebensspanne ein wenig verlängern", schätzt Bernstein-Analyst Daniel Roeska. Akzeptieren sie den Deal jedoch nicht, könnten die Norweger gezwungen sein, die Idee zu überdenken, sich an ein größeres Unternehmen zu verkaufen. Angebote von IAG (ICAGY), dem Eigentümer von British Airways, und Lufthansa (DLAKY), wurden zuletzt jedoch noch abgelehnt.

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Die Gründe für die Probleme sind vielfältig, in letzter Zeit ging so einiges schief bei der norwegischen Airline: Das Unternehmen beauftragte im Jahr 2012 rund 220 neue Flugzeuge, um in den Transatlantikmarkt einzusteigen und schloss damit den größten Deal in der europäischen Luftfahrtgeschichte ab. Doch Triebwerksprobleme bei der Boeing 787-Flotte und das Flugverbot der 737 MAX bremsten die aggressive Expansion aus.

Erst am Montag gab Finanzchef Geir Karlsen bekannt, dass die 18 Boeing 737 Max-Maschinen den Rest des Jahres wohl am Boden stehen bleiben werden. Hohe Ölpreise trugen ihr Übriges zu der Situation bei. Im Juli ist zudem der 73-jährige Norwegian-Gründer, CEO und größter Aktionär Bjørn Kjos als Konzernchef zurückgetreten. Er hatte den Billigflieger in rund 17 Jahren groß gemacht. Analysten sagten, der Weggang des charismatischen Managers könne den Verkauf der Fluggesellschaft erleichtern. Nach einem dauerhaften Ersatz für Kjos wird derweil gesucht, so lange wird das Unternehmen interimistisch von Karlsen geleitet.

Keine Überraschung also, dass die Aktie der stark angeschlagenen Fluggesellschaft in diesem Jahr um 65 Prozent gefallen ist. Finanzielle Probleme wurden auch dadurch verursacht, dass ausstehende Kreditkartenzahlungen das Betriebskapital um rund 4 Milliarden norwegische Kronen (439 Millionen US-Dollar) im Vergleich zum Vorjahreszeitraum reduziert haben. Einnahmen aus jüngster Zeit - 353 Millionen US-Dollar durch die Ausgabe neuer Aktien, 102,6 Millionen US-Dollar durch den Verkauf einer Norwegian Bank-Beteiligung, 127 Millionen US-Dollar durch den Verkauf von Flugzeugen - wurden dadurch zunichtegemacht.

Das Schicksal der Norweger reiht sich dabei ein in einen Abwärtstrend der europäischen Airlines. In den vergangenen zwei Jahren haben sowohl die britischen Fluggesellschaften Monarch und Flybmi als auch die deutsche Air Berlin Insolvenz angemeldet. Laut eines im April erschienenen Berichts der International Air Transport Association sind die steigenden Kosten maßgeblich dafür verantwortlich. "Die Schwierigkeit ist, dass das Langstreckengeschäftsmodell aus unserer Sicht nicht wirklich funktioniert", erklärt Roeska. "Es gibt keine Langstrecke zu niedrigen Kosten, nur Langstrecken für niedrige Preise."

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Spekulationen über eine bevorstehende Konsolidierung in der Luftfahrtbranche ließen die Aktien europäischer Fluglinien wie Lufthansa, Ryanair oder der BA-Mutter IAG um rund ein Prozent steigen. Die Aktien von Norwegian Air legten zeitweise sogar mehr als drei Prozent zu.

mit Material von CNN/ reuters/ dpa

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