Freitag, 20. September 2019

Agrarchemie- und Pharmakonzern unter Druck Warum es für die Bayer-Chefs heute eng wird

Bayer-Chef Werner Baumann und Aufsichtsratschef Werner Wenning (rechts): Da müssen die beiden jetzt gemeinsam durch
ddp images/Sven Simon
Bayer-Chef Werner Baumann und Aufsichtsratschef Werner Wenning (rechts): Da müssen die beiden jetzt gemeinsam durch

Um Punkt zehn Uhr will Werner Wenning (72) das Treffen der Bayer-Aktionäre im Bonner World Conference Center eröffnen. Es wird seine 7. Hauptversammlung sein, die er als Aufsichtsratsvorsitzender des Leverkusener Chemie- und Pharmakonzerns leitet - und in den kommenden Stunden wird es für den Mann, der als Lehrling bei Bayer angefangen hat, wohl auf seine bislang härteste Konfrontation mit seinen Anteilseignern hinauslaufen.

Wenning war es, der zusammen mit dem von ihm sorgsam aufgebauten Vorstandsvorsitzenden Werner Baumann (56) den Kauf des Saatgut- und Pestizid-Riesen Monsanto eingeleitet und bis zur endgültigen Übernahme vorangetrieben hat. Er hat also in den Augen seiner Anteilseigner auch zu verantworten, dass Bayer rund 40 Prozent seines Börsenwerts verloren hat, seitdem das US-Unternehmen, das den Unkrautvernichter Glyphosat entwickelte und zur Marktreife brachte, Teil des Bayer-Konzerns wurde.

Die Shareholder sind am Rande einer Rebellion gegen Vorstand und Aufsichtsrat. Noch fordern sie nicht die Ablösung der Konzernspitze, aber eine schmerzhafte Warnung sollen Wenning und Baumann schon bekommen.

Vor drei Tagen meldete die Agentur Reuters, dass die US-Fondsgesellschaft Blackrock, die rund 7,5 Prozent der Bayer-Anteile hält, sich bei der Abstimmung über die Entlastung des Vorstands entweder enthalten oder gegen die Konzernspitze stimmen will. Die Fondsgesellschaften der Sparkassen und Volksbanken, Deka und Union-Investment, die jeweils rund eine Million Bayer-Aktien halten, wollen gleichfalls gegen die Entlastung des Vorstands votieren. Beide werden auch den Aufsichtsrat nicht entlasten.

Hinzu kommt: Die drei großen Stimmrechtsorganisationen Institutional Investors Service, Glass Lewis und Ivox, die zahlreiche kleinere und mittlere Investmentfirmen vertreten, raten ihrer Klientel ebenfalls von der Entlastung des Vorstandes ab. Ivox und Glass Lewis lehnen auch die Entlastung des Aufsichtsrats ab.

Haben Wenning und Baumann Monsanto unterschätzt?

Fondsfirmen, Anteilseigner und Aktionärsvertreter werfen Wenning und Baumann vor, die Risiken des Monsanto-Kaufs sträflich unterschätzt zu haben. Sie wissen dabei aber sehr genau, dass auch ein schlechtes Abstimmungsergebnis Wenning nicht dazu bewegen wird, Baumann fallen zu lassen. Der Bayer-Aufsichtsratschef hat sich zusammen mit dem kompletten Kontrollgremium im Februar noch einmal hinter den CEO und seine Strategie gestellt, aus Bayer den weltweit führenden Hersteller von Saatgut und Agrarchemikalien zu formen. Anders als etwa Deutsche-Bank-Aufsichtsratschef Paul Achleitner (62), der vor ziemlich genau vier Jahren seinen CEO Anshu Jain (56) nach einer Entlastungsquote von etwas mehr als 60 Prozent fallen ließ, hält Wenning zu seinem Konzernchef.

Und Bayer hat im Vorfeld alles dafür getan, um die Stimmung unter den Aktionären zu drehen. Zwei Gutachten, eines von der Kanzlei Linklaters und eines vom Münchener Jura-Professor Matthias Habersack ausgefertigt, sollen belegen, dass die Bayer-Spitze sich im Vorfeld der Übernahme sorgfältig sämtliche Risiken der Monsanto-Risiken angesehen, abgewogen und damit im Sinne des Aktienrechts unbedenklich gehandelt hat. Die auf Konflikte zwischen Anteilseignern und Unternehmen spezialisierte Investor-Relations Agentur D.T. King warb im Vorfeld noch einmal für Baumanns und Wennings Durchhaltestrategie, die im Wesentlichen darin besteht, die von Laienjurys gefällten Urteile in den Berufungsinstanzen zu kippen.

In der just zwei Tage vor der Hauptversammlung veröffentlichten Berufungsbegründung im Verfahren des Schulhausmeisters Dewey Johnson, der seine Krebserkrankung auf den Einsatz des glyphosathaltigen Unkrautvernichters Roundup zurückführt, zementiert die Bayer-Spitze noch einmal ihre Argumentation: "Führende Regulierungsbehörden in den USA und weltweit beurteilen seit 40 Jahren die umfangreichen wissenschaftlichen Erkenntnisse über glyphosatbasierte Herbizide und kommen weiterhin zu der Schlussfolgerung, dass diese Produkte bei sachgemäßer Verwendung sicher sind und Glyphosat nicht krebserregend ist. Angesichts des weltweiten Konsens auf regulatorischer Ebene gibt es keine Rechtsgrundlage für eine Jury, Monsanto auf der Basis von gezielt ausgesuchten und unzuverlässigen Beweisen für haftbar zu erklären."

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