Unzufrieden mit Amtsführung Großaktionär Temasek fordert Ablösung von Bayer-Chef Baumann

Unruhe bei Bayer: Großaktionär Temasek, bisher ein Unterstützer von Werner Baumanns Strategie, fordert die Ablösung des Konzernchefs. Der Angriff allerdings ist eher dilettantisch vorbereitet.
Unter Druck: Bayer-Chef Werner Baumann

Unter Druck: Bayer-Chef Werner Baumann

Foto: Sepp Spiegl / imago images

Kurz vor der Entscheidung des Supreme Courts über die Glyphosat-Klagen in den USA hat der Staatsfonds Temasek aus Singapur den Druck auf Bayer-Chef Werner Baumann (59) erhöht. Der Großaktionär sei seit Langem besorgt über die operative Leistung von Bayer unter Baumann und habe dem Aufsichtsratsvorsitzenden Norbert Winkeljohann (65) seine Unzufriedenheit über die derzeitige Führung mitgeteilt, berichtet  der Finanznachrichtendienst Bloomberg unter Berufung auf mit der Angelegenheit vertraute Personen.

Der Investor prüfe angeblich, ob er auf der für den 29. April geplanten Hauptversammlung ein Misstrauensvotum gegen Baumann beantrage oder gegen die Entlastung des Managements stimmen werde, hieß es in dem Bericht weiter. Damit würde sich der Druck auf Chefkontrolleur Winkeljohann erhöhen, den Vorstandsposten neu zu besetzen. Temasek und Bayer wollten sich gegenüber Bloomberg nicht zu den Informationen äußern.

Ungewöhnlicher Zeitpunkt

Der Zeitpunkt für einen möglichen Aufstand gegen Baumann ist wegen der zuletzt gestiegenen Kurse extrem ungewöhnlich. Um eine mögliche Absetzung von Bayer-Chef Baumann zu organisieren, müsste ein Investor bereits Monate im Vorlauf Verbündete und entsprechende Mehrheiten für sein Vorhaben organisieren - und nicht erst vier Wochen vor der Hauptversammlung. Als die Bayer-Anteilseigner Baumann im Frühjahr 2019 die Entlastung verweigerten, hatten Aktionärsaktivisten die Attacke über Monate hinweg vorbereitet und auch die großen Stimmrechtsorganisationen auf ihre Seite gezogen. "Im Gegensatz zu damals, erscheint der Angriff eher dilettantisch geplant", sagt einer der damaligen Rebellen. Zudem könne allein aus rechtlichen Gründen die Entlastung nur dann verweigert werden, wenn die dem Vorstand zur Last gelegten Verfehlungen tatsächlich in den zwölf Monaten des Jahres 2021 vorgefallen wären. Im wesentlichen aber scheint sich Temasek auf Vorfälle zu beziehen, die sich in den Jahren davor ereignet hatten: "Schon allein deshalb ist es ziemlich unwahrscheinlich, dass der Angriff auf die Konzernspitze am Ende erfolgreich sein wird."

Auch bei Aktionärsvertretern, die Baumann auf der Hauptversammlung 2019 die Entlastung verweigert hatten, stößt die Attacke auf schroffe Ablehnung. "Die ersten Fortschritte sind erkennbar," sagte etwa Janne Werning, Leiter Capital Markets and Stewardship bei Union Investment dem Handelsblatt: "Eine vorzeitige Auflösung seines Vertrages würde nur Chaos produzieren." Der Angriff wirkt ohnehin reichlich unvorbereitet, weil Temasek bislang eher zu den Unterstützern von Bayers Life Science-Strategie gerechnet wurde. Der Staatsfonds war im Frühsommer 2016 bei Bayer eingestiegen, wenige Wochen nachdem CEO Baumann die Monsanto-Übernahme angekündigt hatte. Damals hatten zahlreiche Altaktionäre, die Bayer vor allem als Pharmaadresse gesehen hatten, ihre Positionen aufgelöst und Gewinne mitgenommen.

Als die Kurse aufgrund der ersten Niederlagen in den Schadenersatzprozessen um den Unkrautvernichter Glyphosat einbrachen, stützten Temasek-Vertreter wie Präsident Tan Chang Lee oder der für die Investments in Industrieunternehmen verantwortliche Uwe Krüger, Baumann und seine Strategie. "Wir investieren in Entwicklungen, die das Leben der Menschen in den nächsten 20 bis 30 Jahren prägen werden", sagte Tan, der auch im Aufsichtsrat der Deutschen Börse sitzt, der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Dass Tang nun als aktives Aufsichtsratsmitglied eines Dax-Konzerns die Ablösung des CEOs eines ebenfalls im Dax notierten Konzerns fordert, hat in Leverkusen nachhaltige Irritationen ausgelöst. Tangs Mitstreiter Krüger gab sich noch im Herbst 2019 in einem Interview mit der Börsenzeitung zufrieden mit der Entwicklung des Unternehmens.

Temasek zählt bislang nicht zu den aktivistischen Investoren

In den darauf folgenden Monaten aber scheinen sich die Einschätzungen zumindest intern verschoben zu haben. Vor allem der 2017 von der US Investmentbank Goldman Sachs zu Temasek gewechselte John Vaske machte sich dafür stark den Druck auf Bayer zu erhöhen und das Unternehmen in Richtung Aufspaltung zu drängen, kam damit aber offenbar lange nicht durch. Dass Temasek nun ganz in aktivistischer Manier gegen ein Unternehmen vorgeht, ist extrem ungewöhnlich. Bisher hatte sich der Staatsfonds noch nie öffentlich zu einer seiner Beteiligungen geäußert. Hinzu kommt, dass Bloomberg sich in der ursprünglichen Version seiner Berichterstattung offensichtlich auf Aussagen von Temasek-Insidern beruft, dass der Fonds die jüngste Erholung des Bayer-Kurses nicht für nachhaltig hält.Temasek hält rund 4 Prozent der Anteile von Bayer und ist damit einer der größten Aktionäre des Chemie- und Pharmakonzerns.

Investoren reagierten dennoch mit Käufen auf den Vorstoß: Die Aktie  von Bayer legte am Montag rund 2 Prozent auf 62,07 Euro zu. Damit erreichte das Papier den höchsten Stand seit Juli 2020. Bayer ist die einzige Aktie im Dax, die in den vergangenen vier Wochen und seit Kriegsbeginn in der Ukraine zweistellig zugelegt hat.

manager magazin hatte bereits Ende Januar berichtet, dass die US-Investmentbank Goldman Sachs eine mögliche Aufspaltung von Bayer durchgerechnet hat. Ob es tatsächlich zu einer Investorenrevolte gegen Baumann kommt, hängt auch von dem Urteil des Obersten Gerichts in den USA ab, das bis spätestens Ende des Jahres erwartet wird. Sollte der Supreme Court sich weigern, Bayers Berufung im endlosen Glyphosat-Streit anzunehmen, wäre Baumann kaum noch zu halten.

Baumanns Vertrag wurde im September 2020 bis April 2024 verlängert, ein Jahr kürzer als die normale Laufzeit gewesen wäre. Danach will Baumann den Chefposten abgeben.

mg/pal