Sonntag, 19. Januar 2020

Glyphosat-Urteil Bayer akzeptiert auch drastisch gekürzte Strafe nicht

Der Protest gegen Bayer hört nicht auf

Bayer sollte 80,3 Millionen Dollar zahlen, weil das Pflanzengift Glyphosat einen US-Amerikaner krank gemacht haben soll. Ein Richter setzte diese Strafe nun drastisch herab, Bayer geht trotzdem in die Revision.

Bei dem Gerichtsverfahren nach dem zweiten Glyphosat-Urteil in den USA hat der zuständige Richter die Strafe gegen Bayer von 80,3 Millionen auf 25,3 Millionen Dollar (22,5 Millionen Euro) reduziert. Zwar sei das Verhalten des von Bayer übernommenen US-Saatgutriesen Monsanto "verwerflich" gewesen, erklärte Bundesrichter Vince Chhabria am Montag in San Francisco.

Allerdings sei der Schadensersatz-Anteil bei der Strafe mit 75 Millionen Dollar zu hoch angesetzt worden, insbesondere angesichts "eines Fehlens von Beweisen für eine bewusste Vertuschung eines bekannten oder offensichtlichen Gesundheitsrisikos".

An dem Urteil, dass Bayer für die Krebserkrankung des Klägers Edwin Hardeman haften muss, ändert die Entscheidung indes nichts. Hardeman hatte den glyphosathaltigen Unkrautvernichter Roundup von Monsanto für sein Leiden verantwortlich gemacht.

Bayer begrüßte die reduzierte Strafe zwar in einem Statement als "Schritt in die richtige Richtung", blieb aber dabei, dass der Schuldspruch nicht der Beweislage entspreche. Der Konzern plane deshalb, bei einem Berufungsgericht Einspruch einzulegen.

Die Leverkusener hatten Monsanto für 63 Milliarden US-Dollar übernommen und die Vorwürfe gegen Glyphosat zurückgewiesen. Der Dax-Konzern ist in den USA mit über 13.400 Klagen wegen angeblicher Krebsgefahren von Monsanto-Produkten konfrontiert und unterlag in den ersten drei US-Prozessen.

Ein großangelegter Vergleich scheint wahrscheinlich

Bis es in den zahlreichen Verfahren zu endgültigen rechtskräftigen Entscheidungen kommt, könnte noch viel Zeit vergehen. Meist werden solche Massenklagen in den USA aber ohnehin früher oder später mit einem großen Vergleich beigelegt.

Richter Chhabria, bei dessen Gericht in San Francisco mehrere Hundert Klagen gebündelt sind, hat die Streitparteien bereits zu einer gütlichen Einigung gedrängt und eine Prozesspause verordnet. Zuletzt war der US-Staranwalt Ken Feinberg als Schlichter bestellt worden.

Österreich hat kürzlich als erstes Land in der EU den Einsatz des umstrittenen Unkrautvernichters Glyphosat verboten. Der nationale Alleingang ist rechtlich umstritten. Bislang war der Einsatz des Giftes in keinem Land der Welt verboten. Vietnam hat dies unlängst zwar beschlossen, dort dürfen aber noch Restbestände verbraucht werden. Zwischenzeitlich gab es ein Verbot in Sri Lanka, die Regierung steuerte aber um.


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Der Wirkstoff ist hochumstritten. Eine Unterbehörde der Weltgesundheitsorganisation (WHO) stufte Glyphosat 2015 als "wahrscheinlich krebserregend" ein. Andere Behörden und Studien kamen zum Schluss, dass Glyphosat bei sachgemäßer Handhabung sicher sei.

Der Wirkstoff spielt vor allem in Nord- und Südamerika eine große Rolle, wo Landwirte auf gentechnisch veränderte Pflanzen setzen. Solche Pflanzen ermöglichen den Einsatz von Glyphosat auch nach der Aussaat - Pflanzen ohne gentechnische Veränderungen würden nach dem Spritzen daran kaputtgehen. In der EU werden gentechnisch veränderte Pflanzen noch nicht im großen Stil angebaut, daher schränken sich die Einsatzmöglichkeiten von Glyphosat stark ein - bestimmte Felder werden vor der Aussaat damit bespritzt, um Unkraut den Garaus zu machen.

rei/jok/Reuters/dpa

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